Spanische Siedlungen eines bayerischen Söldners

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S. Michael Westerholz:

Das abenteuerliche Leben des Johann Kaspar von Thürrieg(e)l aus Gossersdorf, der von Mitterfels aus seine Laufbahn begann

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1767 schickte der spanische Obrist und Generaldirektor der Sierra-Morena-Kolonie, von Thürriegel, seinen bayerischen Verwandten in Gossersdorf dieses Porträt. Es ist seit dem Krieg verschollen. - Bild rechts: Der Entwurf für eine Beschreibung bayerischer Abenteurer zeigt Thürriegel als schneidigen Husar. Bekannter war er aber als Spion.

Um die Jahrtausendwende 2000/01 wurde in Gossersdorf bei Konzell im Bayerischen Wald ein uralter Doppelgeschossblockbau mit zwei Balkonen abgerissen. Die Aufnahme in die Denkmalliste war angeblich „glatt vergessen” worden. Dabei war es das Geburtshaus eines der abenteuerlichsten Bayern des 18. Jahrhunderts: Johann Kaspar von Thürriegel (1722 - 1795).

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Das Geburtshaus des Johann Kaspar von Thürriegel in Gossersdorf im Bayerischen Wald. Um die Jahreswende 2000/01 wurde es abgerissen.

Noch ein Fresser mehr, mag sein Vater geseufzt haben, als Johann Kaspar von Thürriegel am 31. Juli 1722 geboren wurde: Das siebte Kind mit dem Adelsnamen angesehener Ahnen, die Landrichter von Mitterfels (Balthasar Thürriegel, 1527) und ein Jahrhundert früher Pfleger zu Laber und von Viechtach im Bayerischen Wald (Hans und Georg Thürriegel) gewesen waren, war auf einem Halbbauernhof in Gossersdorf bei Konzell (heute Landkreis Straubing-Bogen) geboren worden. Nicht in die totale Armut, doch weit entfernt vom früheren Wohlstand der Familie, der nicht allein dem Dreißigjährigen und dem Spanischen Erbfolgekrieg zum Opfer gefallen war.

Sich vorzustellen, dass Wanderungen durch das spanische Pamplona (184.000 Einwohner) und durch die Provinzen Jaen, Córdoba und Sevilla auf die Spuren dieses Buben aus dem Bayerischen Wald führen, ist nicht ganz einfach. Aber rheinische, flämische, elsässische, lothringische, schlesische, pfälzische, schwäbische, plattdeutsche und bayerische Laute und erkennbar hispanisierte Familiennamen aus Aichmiller, Huber, Lickleder, Mayer, Kren, Wiesbeck, Nadler, Schneider, Zimmermann, Hübner, Veit, Reiser, Beck, Strauss, Kastinger, Breitsammer, Bayer usw., im übrigen Spanien unbekannte Allerheiligen- und österliche Bräuche wie das Eierpeckn, typisch deutsche Bauernhäuser, blonde, blauäugige Menschen und Ortsnamen wie Dos Puentes (Zweibrücken), Wursbour (Würzburg) oder Bourweiller (das exbayerische, pfälzische Burrweiler) klären rasch, dass keine Touristen oder heimgekehrte Gastarbeiter als Vermittler dieser Sprachfetzen in Frage kommen. Es sind Thürriegel und seine Kolonisten, die dort Spuren hinterlassen haben.


Der Bursch wurde bei der kurfürstlichen Bräuhausverwaltung in Gossersdorf eingestellt und alsbald, keine 18 Jahre alt, in die lukrativere Gerichtsschreiberei zu Mitterfels versetzt. Dort begegnete er den beiden Männern, die seinen künftigen Lebensweg maßgeblich beeinflussten: „Eisenamtmann" (Gerichtsdiener) Michel Gschray (1692 in Monheim bei Donauwörth - 1763 in Wemding) und Oberstleutnant Jean Barreau. Dieser französische Verbindungsoffizier zur bayerischen Armee und zu Freicorps organisierte den Widerstand im Österreichischen Erbfolgekrieg und sollte Österreichs Vormarsch unter Marschall Graf Khevenhüller (seine Familie war aus Khevenhüll im bayerischen Altmühltal ausgewandert!) im reichen Gäuboden zwischen Regensburg und Vilshofen stoppen.

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Einem Zeitungsbericht der (19-hundert) vierziger Jahre ist diese angebliche Darstellung Gschrays entnommen (li.). - Trencks Panduren auf einem Votivbild der Geiersberg-Wallfahrt (re.)

Gschray, ein skrupelloser Abenteurer, charakterloser Gauner und Hasardeur, war nach einer Unterschlagung im Gericht Schierling erst nach Deggendorf und dann nach Mitterfels strafversetzt worden. Er führte beim Einbruch der Trenckschen Panduren in den Bayerischen Wald ab 1741 eine so genannte Freicompagnie in bayerischen Diensten: Eine von anfangs 50 auf 500 Mann angewachsene Truppe, ein roher Haufen meist aus dem Kreis der bayerischen Gerichtsdiener, Henker und Abdecker, die er auf eigenes Risiko mit dem Versprechen reicher Beute angeworben und ausstaffiert hatte.

Sein Angebot einer Offiziersstelle war ein Glück für den 19-jährigen Thürriegel. Der stand nach Streichen wider den kurfürstlichen Gerichtsschreiber Sommer vor der Entlassung. Als Gymnasiast hatte er eine Fechtausbildung genossen. Überdies war er im Heimatdorf zum Reiter herangereift, der ohne Sattel wie angegossen auf Pferden saß. Jetzt im Kampf mit den berüchtigten Panduren, nach brutalen Untaten bis heute der Schrecken Bayerns, zeichnete sich Johann Kaspar von Thürriegel durch Mut und angeborenes taktisches Geschick aus.

Gschray, ein Großmaul, hundsföttischer Lügner und Betrüger, ungebildet, bisweilen bösartig und launisch, neidete dem jungen Kameraden den Ruhm. Thürriegel spürte das. Als Jean Barreau ihm eine Vermittlung in die Armee Frankreichs anbot, rechnete sich Thürriegel bessere Aufstiegschancen aus und unterschrieb.

Nach kurzer Zeit war er im Generalstab des Marschalls Moritz Graf von Sachsen, bald auch dessen Adjutant und geheimer Kriegskorrespondent. Dieser (Aus-)Wanderer in den Söldnerwelten hatte den Offizier in Hengersberg bei Deggendorf während der Kämpfe gegen die Österreicher und bei Handstreich-Aktionen gegen die Panduren beobachtet. Thürriegel war die ausgezeichnete Kenntnis seiner Heimat zugute gekommen. Im Siebenjährigen Krieg wurde er der bei den Gegnern gefürchtete Chef der französischen Spionage! Seine Erfolge befriedigten ihn nicht; Kampfaufträge erschienen ihm rühmlicher und lukrativer als die ihm obliegende Koordinierung der Spionageaktionen und die Analyse der Spähererkenntnisse.


Sein neuer Vertrag stellte Thürriegel wieder unter das Kommando Michel Gschrays, der nach schlimmen Irrwegen, Bestrafungen, Degradierungen, Vermögensgewinnen und pekuniären Einbußen preußischer General geworden war, ein ruheloser Geist in den Machtzentren der alten Welt. Doch der ehrgeizige Thürriegel überwarf sich alsbald mit dem ertaubten Ex-Kollegen, der ein Lotterregiment führte und preußische Werbegelder veruntreute.

Gschray, bei den Preußen in Verdacht des Verrats geraten, lenkte die Spur von sich ab auf Thürriegel. Der wurde verhaftet und unter der Beschuldigung des Staatsverrats in die Festung Magdeburg gebracht. Als er nach zwei Jahren 1763 dank königlicher Weisung freigelassen, trotz erwiesener Unschuld aber auch des Landes verwiesen wurde, veröffentlichte er seine Racheschrift: „Der glückliche baierische Eisenamtmann oder merkwürdige Lebensgeschichte des Herrn von Gschray.”

Verarmt und verschuldet ließ sich der als Oberstleutnant bei den Franzosen ausgeschiedene Abenteurer auf Geldfälscher- und Wechselgeschäfte ein, wurde in Innsbruck an den Pranger gestellt und „auf ewig" aus den kaiserlich königlichen Erblanden und vom Hof verbannt. Wieder Schreiber beim kurfürstlichen Landrichter in Amberg, fälschte er dessen Unterschrift und kassierte unter dem Namen der angesehenen (nieder-) bayerischen Ministerialen Nothaft (ein Kaspar Nothaft aus dem 16. Jahrhundert ist die Hauptfigur im Münchner Rathausturm-Umlauf!) in Stadtamhof und in (Passau-) Hals Steuergelder für angebliche Truppenbewegungen, wurde aber schnell gefasst. Dank kurfürstlich-bayerischer Gnade entging er einer Verurteilung wegen Urkundenfälschung zu Schanzarbeiten in der Festung Ingolstadt, wurde aber des Landes verwiesen.

05 thuerriegls frauNach vielen Anläufen bekam er dank des angeblichen Hochadels seiner Frau Kontakt zum spanischen Königshof. Das etwas zwielichtige Paar wurde zum Handkuss zugelassen, dabei stellte Thürriegel seine unehelich geborene Frau als „Maria Anna Baronin von Schwanenfeld", später gar als Gräfin oder Contesa vor. Sie sei als Ergebnis einer Liebschaft zwischen Karl VII. Albrecht und ihrer adligen Mutter bei des Kaisers Aufenthalt 1743 in Augsburg 1744 geboren. Tatsächlich dürfte sie die Tochter eines zur selben Zeit in Augsburg genannten Söldner-Obristen Schwanenfeld gewesen sein, der unter Hinterlassung „tapferer Schulden" aus Schwaben verschwand. Sie schenkte ihrem Mann am 29. März 1761 in München den Sohn Friedrich Alexander Jakob Karl. Der Buchdrucker des Kurfürsten und der Landschaft, Johann Jakob Vötter, übernahm die Patenschaft bei der Taufe im Liebfrauendom. Den Fünfjährigen samt Kinderfrau ließen Thürriegel und seine Frau mit wenig Geld in Ulm oder Schaffhausen in Kost zurück.

In Spanien bot Thürriegel König Karl III. Kolonisten an, die der dringend brauchte. Denn seit der Vertreibung fast aller Juden mit Ausnahme derer, die sich taufen ließen, und aller Mauren gegen Ende des 15. Jahrhunderts und nach schweren Kämpfen um das Gebiet des fast 600 Kilometer langen  „Schwarzen Gebirges" mit seinen Korkeichenwäldern und Hartlaub-Buschlandschaften und den Quecksilber- und Kieselerde-Bodenschätzen war die Sierra Morena entvölkert. Dort lebende Mönche waren zu Verbündeten von Schmuggelbanden geworden, denen die Sierra Morena als Machtbasis und Rückzugsraum diente.


12 warnungDer König beförderte Thürriegel zum Oberst und verpflichtete ihn, binnen zehn Monaten 6000 katholische deutsche und flämische Bauern und Handwerker für die Sierra Morena anzuwerben. „Haarkünstler, Kammerdiener, Straftäter und geheime Protestanten" waren ausgeschlossen. 1000 Kolonisten durften 40 bis 50, 3000 sollten 16 bis 40 Jahre alt sein. Die Hälfte mussten Männer sein, ferner waren 200 Großväter oder Großmütter bis 65 Jahre erlaubt.

Der Bayerwaldler reiste mit dem ab 2. April 1767 gültigen Vertrag nach Frankfurt am Main, druckte Werbeschriften und knüpfte blitzschnell ein Netz von Anwerbern, während in den Ländern seiner Werbeaktionen, in Bayern, Österreich, Preußen, harsche Strafen angedroht wurden.

Potentiellen Auswanderern (hier aus Mitterfels und Hengersberg) schickte von Thürriegel solche Wegbeschreibungen und Warnungen vor Häschern (BayHStA Kasten schwarz 6816)

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Verhaltenshinweise für die Kolonisten mit von Thürriegels Unterschrift

Anwerbeaktionen jener Art, wie er sie nun organisierte, waren für Amerika, Russland, Spaniens, Britanniens und der Niederlande Kolonien üblich. Aber Thürriegel bot mit Tageskost- und Reisegeldern mehr als andere Werber. In Pamplona gesammelt und dann als neue Dorfgemeinschaften in die menschenleere Umgebung geschafft, fanden sie in ihrer neuen Heimat nach anfänglichen Schwierigkeiten dank des Einsatzes von Soldaten bald solidere Häuser vor als jene, die sie aufgegeben hatten. Bauern bekamen ausreichende Flächen für Ackerbau und Weide, Vieh stand in den Ställen, Landwirtschaftsgeräte waren vorhanden. Handwerkern waren neben dem Haus auch Werkzeuge und Geräte zugesagt. Die Spanier bedienten sich bei dieser Grundversorgung des Eigentums der 4.000 Jesuiten, die der König am 2. April 1767 des Landes verwiesen hatte und deren Ordenshäuser viel Auswahl boten. Ferner lockten zehn Jahre Steuerfreiheit. Jeder Gemeinde war ein Seelsorger versprochen, der der jeweiligen Heimatsprache der Kolonisten mächtig war. Es gab Kirchen und die daheim durchaus nicht überall vorhandenen Schulen. Tatsächlich kamen für einige Zeit Franziskaner aus bayerischen Niederlassungen in die Sierra Morena.

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Kartenskizzen und Wegbeschreibungen durch Deutschland, Frankreich und Spanien zur neuen Heimat Sierra Morena (schraffiert) - Abbildung unten: Wege durch Bayern - Kartenausschnitt (BayHStA Kasten schwarz 6816)

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Kein Wunder, dass unter diesen günstigen Voraussetzungen trotz hoher Sterblichkeit auf den Auswandererwegen und in der klimatisch ungesunden Sierra alsbald ertragreiche Ernten eingebracht wurden, deren Überschüsse sowohl im Inland als auch jenseits der Sierra Morena gewinnbringend verkauft werden konnten. Was wiederum jene Kapitalien sicherte, die zur Bezahlung handwerklicher Leistungen benötigt wurden.

Dass König Karl ausschließlich katholische Siedler zuließ, hatte gute Gründe: Ihm war bekannt, dass die Protestanten, die seit den für die Bauern verlorenen verlustreichen Befreiungskriegen und der Gegenreformation aus österreichischen Landen und Frankreich nach Franken und Ostpreußen vertriebenen oder ausgewanderten Exulanten und Hugenotten freiheitlich gesinnt und keineswegs geneigt waren, Anordnungen der Obrigkeit unbesehen zu befolgen. Katholiken waren gehorsamer, vor allem dann, wenn ihren Gemeinden Priester mit hoher Bildung vorstanden, die als Leitpersonen anerkannt wurden.

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In der Heimat warnte die Obrigkeit in Plakaten vor der Anwerbung durch von Thürriegel

11 karte spanienDas Siedlungsgebiet Sierra Morena liegt nordöstlich von Cordoba

Da die Offerten Thürriegels alles übertrafen, was Russland, die USA und Preußens Herrscher (für die Ostsiedlungen) jenen boten, die damals zahlreich ihre Heimat verließen, und da auch klimatische Bedingungen günstiger geschildert wurden als jene in Russland oder in den Ostseeregionen, zählte Thürriegel 1775 schon 15 Städte und 26 Dörfer mit 2.446 Familien und insgesamt 10.420 Personen deutscher, italienischer, schweizerischer, französischer und flämischer Herkunft in der Sierra Morena. Viele seiner Kolonisten hatten sich als  „Jakobspilger" nach Santiago de Compostella oder nach Montserrat verabschiedet und dank exakter Wegebeschreibungen in den Werbeschriften ihre Ziele zu Lande oder übers Mittelmeer erreicht. Thürriegel wurde reich. Und er scheute sich nicht, nach anfänglicher Ehrlichkeit gegen negative Erlebnisberichte aus den neuen Siedlungen die schwierigen Kolonisationsbedingungen hemmungslos schön zu schreiben.

Unklar ist, wie viele der Neusiedler aus Thürriegels Heimat stammten, in der damals viele Mitbürger in der Hoffnung auf ein weniger erbärmliches und auf ein freieres Leben auswandern wollten, die meisten aber nicht konnten: Während selbst höhere Hofbeamte äußerten, Auswanderung sei ein Glück für den Staat, denn vor allem Arme, Schwache und Querulanten zögen ab, bestrafte die Obrigkeit ertappte Werber hart. Das dürfte der Grund für die wenigen erhaltenen Unterlagen Thürriegelscher Transaktionen sein: Mit den Gepflogenheiten der bayerischen Verwaltung vertraut, scheint Thürriegel es vorgezogen zu haben, alles, was den Umfang seiner Tätigkeit offenbarte, entweder zu vernichten oder in einem sicheren Drittland zu lagern. Dennoch spricht einiges für den Erfolg des adligen Bauernsohnes auch hier, da er Schulden der Auswanderer beglich, damit sie umso unbekümmerter ihren Obrigkeiten entwichen. So werden in einer zufällig erhaltenen Liste Augsburger (Blumenmacher Christoph Weinmiller) genannt, aus Mindelheim die Eheleute Steinbichler, aus Theissing die erst 12-jährige Barbara Becker, aus Westenhausen Karolina Hart. Hunderte Namen, die von spanischen Schreibern phonetisch erfasst und ohne Herkunftsdaten niedergeschrieben wurden, sind unverkennbar bayerischen Ursprungs. Thürriegel selbst hatte auch Auswanderer-Routen aus den Gerichten Eschlkam, Regen, Viechtach, Nabburg, Braunau, Traunstein, Mitterfels, Hengersberg, Kelheim, Vohburg, Neuburg an der Donau, Schongau und Starnberg zu seinen Sammelplätzen beschrieben.

Thürriegel erwies sich als verlässlicher Vertragspartner des spanischen Königs und kassierte reichlich. 1767 schickte er seinen Angehörigen in Gossersdorf ein Ölbild mit der Aufschrift:

Den 24. July 1767 vollendete ich den mit Sr. Königl. Majestät geschlossenen Kontrakt, Kraft welchem 7321 Familien aus Teutschland zur neuen Kolonie der Sierra Morena eingeführt und vom König aufgenommen worden sind.

J. C. Thürriegel, kön. preuß. Obrist.

Das beigelegte Geld dürfte die Angehörigen mehr gefreut haben als das Gemälde. Die Brüder Johann, Johann Baptist und Martin bekamen je 800, der geistesschwache Bruder Kaspar 600 Gulden, die von den drei gesunden Brüdern zugunsten Kaspars angelegt und verwendet werden sollten. Solche Summen reichten zum Kauf eines ansehnlichen Hofes im bayerischen Vorwald.

Seiner Nichte Anna Maria, Tochter der von der Mutter mit in die Ehe gebrachten Stiefschwester Margarethe, bekam 600 Gulden. Das Kind sollte Näherin werden „und heiraten, wen sie liebt". Der Tochter Anna Maria seiner Stiefschwester Agnes überschrieb er 650 Gulden. Sie sollte in einer großen Küche Köchin lernen. 150 Gulden schickte er zur Neueinkleidung der ganzen Familie, der Gemeinde überließ er als Christtagsgeschenk in gleichen Beträgen vom Amtmann bis zum Ziegenhirten ebenfalls 150 Gulden. Das Gemälde verschwand während des Zweiten Weltkrieges in München, wohin es aus dem Gasthaus in Neurandsberg bei Viechtach, dem heutigen Sitz von Nachfahren der Familie Thürriegel in weiblicher Folge (Familie Schlecht!) zur Restaurierung gegeben worden war. Ein gerettetes Foto lässt einen kostbar gewandeten Herrn mittleren Alters mit hoher Stirne und Silberhaar erkennen und ein Gesicht, das mehr einen Gelehrten denn einen Offizier kennzeichnet. Die Nase verrät, das der Waldler gerne den spanischem Rotwein genoss.


Die Kolonie entwickelte sich. 1775 gab es 26 Kirchen und 1172 Häuser in Städten und Dörfern und 1110 Häuser auf den Landgütern, 15 Wirtshäuser und 20 Mühlen. Die Kolonisten hatten 243 431 Oliven-,  534 788 Maulbeer-, 28 872 Obstbäume und 483 848 Weinstöcke gepflanzt. Sie betrieben je eine Tuch-, Woll-, Seiden-, Bänder- und Leinenfabrik mit zusammen 216 Webstühlen, zwei Hutfabriken und drei Porzellanmanufakturen sowie zahlreiche Handwerksunternehmen. Als dort so genannte „deutsche Kolonien" sind Aldenanuovo, Burgueta, Urbida, Faices, Liedenau, Erla (nach Siedlern aus dem Donautal!?), das Tal des Rio Arba de Biel, St. Martin, mindestens drei Orte mit Mariennamen, St. Galli-Neuhaus („Villanuovo de Galli"), Güesa (mutmaßlich als Siedlung von Hessen aus der Gießener Gegend), San Elena, Guaxroman und La Carlota bekannt. Erdställe in einigen Gemeinden deuten auf bairische (Aus-) Siedler: Denn Baiern gruben schon bei ihrer weit früheren Binnenwanderung an neuen Siedlungsorten Erdställe als Leergräber: als Angebot an die Seelen ihrer Ahnen, sich im Hause ihrer Nachfahren niederzulassen.

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Der „deutsche” Bauer Sebéstien Hipner (der Familienname lautete ursprünglich Hübner) in San Elena in der Sierra Morena. Sein Pferd ist typisch deutsch eingespannt. (Foto links) - Die Vorfahren von Frau Simmermann (Zimmermann!) aus Guaxroman stammten aus Würzburg. (Foto rechts)

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„Deutscher Hof” in der Sierra Morena - von Olivenhainen und Mohnblumenwiesen umgeben

Schon in der dritten Generation, um 1850, waren die Einwanderer integriert. Ihre Sprache vermischte sich mit der spanischen, blieb aber hörbar. Unter anderem Nachfahren altbairischer Bauern züchten bis heute jene Stiere, die alljährlich im Juli während der weltbekannten „Feria" durch die Stadt Pamplona getrieben werden.

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Bayerisch - schwäbische Familie Witsbek (ehem. Wiesbeckh) in La Carlota um 1900

Nur Thürriegel verließ das Glück. Spanische und deutsche Kompagnons sowie Wiener, Münchner und Pariser Diplomaten und spanische Hofschranzen intrigierten gegen ihn. Gerüchte, dass er dem spanischen König auch Protestanten, Landstreicher und Straftäter sowie ruhelose Bettler untergejubelt und betrügerische Abrechnungen erstellt habe, schadeten ihm. Im Bewusstsein, überlange Prozesse nicht durchhalten zu können, suchte Thürriegel Anschluss an und Hilfe bei Österreich. Doch dort wurde er abgewiesen;  der Verlust der habsburgischen Macht in Spanien und der Krone dieses Landes war in Wien noch nicht verschmerzt und erst recht nicht abgehakt. Dass Thürriegel auch Landeskinder des deutschen Kaisers und böhmischen Königs ins Ausland vermittelt hatte, war nicht verborgen geblieben. Bayerns Kurfürst beantwortete Thürriegels Anfragen von 1775 wegen einer Heimkehr nicht, ließ aber dessen Befürworter Graf Spreti deutlich spüren, dass er dessen Fürsprache ablehne.

Der gealterte Thürriegel wurde krank. In Madrid hatte er einen deutschen Kaufmann zu seinem Geschäftspartner gemacht und dort sein Geld angelegt. Der Partner betrog ihn übel und zeigte ihn als Schmuggler und Gegner der katholischen Lehre und Kirche an, als Thürriegel sich seiner entledigen wollte. Der alte Obrist wurde um 1785 als Ketzer verhaftet und von der Heiligen Inquisition ins Gefängnis von Pamplona geworfen. Sein Haus in Valencia wurde versteigert, seine kostbaren Möbel und Bilder an Gläubiger verteilt, Bargeld, Schuldscheine und Schmuck veruntreut. Seine Frau verelendete. Die Tochter heiratete 1813 einen französischen Offizier und zog mit ihm nach Frankreich. Sein einst so jämmerlich in Deutschland zurück gelassener Sohn musste als einfacher Soldat Dienste nehmen und verschwand in den Napoleonskriegen spurlos. Vergebens bat Thürriegel, als ihm nach einem Jahr die Flucht gelang, den König um Gnade. Sein Auftrag war erfüllt, das königliche Interesse an dem deutschen Ketzer, gegen den Wien, München und Berlin hetzten, geschwunden. Vergebens bat auch seine verarmte Frau am 3. Juli 1793 um die Freilassung ihres unschuldigen Mannes. Um 1795 starb er im Gefängnis. Sein Leichnam wurde an der Gefängnismauer verscharrt, weder das genaue Todesdatum, noch das Grab sind bekannt.

In seiner Heimat verschwand um die Jahreswende 2000/2001 als letztes öffentliches Andenken an Thürriegel sein Elternhaus in Gossersdorf: Der angeblich aus Vergesslichkeit nicht in die Denkmalliste aufgenommene Doppelgeschossblockbau wurde abgerissen.

QUELLEN:

  • Erinnerungen der Familie Schlecht/ Neurandsberg.
  • Regionalarchiv Pamplona/Spanien mit spärlichen Hinweisen auf die Kolonie, aber ohne Thürriegel-Akten.
  • Staatsarchiv Madrid zur Bevölkerungsentwicklung im 18. Jahrhundert.
  • „Die deutsche Kolonie in der Sierra Morena", J. Weiß im Jahresbericht der Görres-Gesellschaft 1907, Bachem-Verlag Köln.
  • „Befestigung und Belagerung der baierischen Haupt-Stadt Straubing i. d. J. 1633, 1704 und 1742", J. von Mußinan, Straubing, 1816.
  • Pater Norbert Dr. Backmund/Windberg (24. Juni 1961 im Straubinger Tagblatt), K. Pösl/Bogen (1972, Straubinger Tagblatt) und Ralf Linn (Pfingsten 1993, Bogener Zeitung) über J. K. Thürriegel: Dass die Inquisition den Mann zur Strecke brachte, wird dort verschwiegen.
  • Hans-Peter Burmeister in „Richtig reisen - Andalusien", DuMont Buchverlag Köln, 1991.
  • Eigene Umschau in der Sierra Morena (1998) und Gespräch mit Nachfahren des Paul Firmenich: Dieser Ahrtaler war als 40-Jähriger mit Frau und acht Kindern in die Sierra Morena ausgewandert, dort 22 Mal zum Bürgermeister (Alcalde) gewählt worden und am 30. September 1852 gestorben, angeblich 121 Jahre alt.
  • „Akt, den spanischen Oberst Thürriegel und sein schädliches Colonisten-Werben betr. 1767 - 1770", Bayer. Geh. Staatsarchiv München, Kasten schwarz, 294/37, neue Nr. 6936.
  • Rudolf Reichhart: „Johann Kaspar von Thürriegel" in „Der Landkreis Straubing-Bogen", Hrg. Landkreis Straubing-Bogen, Straubing, 1984.

 

FOTOS und REPRODUKTIONEN im Besitz von S. M. Westerholz 


 

Die vorliegende Arbeit wurde erstmals am 20. Januar 2001 im Ingolstädter „Donaukurier” veröffentlicht. Wir freuen uns sehr, dass S. M. Westerholz uns seine Arbeit über J. K. von Thürriegel, der ja von Mitterfels aus seine abenteuerliche Laufbahn begann, honorarfrei zur Verfügung stellte. Ein herzliches Dankeschön!

Im MM 6/2000 durften wir bereits seinen Beitrag „Johann Wartner, der Kanzler-Macher von Scheibelsgrub” veröffentlichen.

Redaktion MM

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