Der rechte treue Baiernspiegel?

Werk Josef Schlicht 2019 03 02 Bogener Zeitung Seite 27 w

Schriftstellerisches Werk von Joseph Schlicht wurde von Prof. Karl Hausberger neu bewertet

Der Priester und Schriftsteller Joseph Schlicht ist vor allem für seine Schilderungen des bäuerlichen Lebens im Niederbayern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts bekannt. In einer Veröffentlichung mit dem Untertitel „Lebensweg, Werk und Wirkung des vielgepriesenen Schilderers niederbayerischen Bauerntums“ wirft der Kirchenhistoriker Professor Dr. Karl Hausberger einen kritischen Blick auf Schlichts literarisches Werk. Insbesondere geht er der Frage nach, inwieweit der Steinacher Schlossbenefiziat tatsächlich als jener Klassiker der bayerischen Volkskunde eingeordnet werden kann, als der er gelegentlich bezeichnet wurde.

Neben seinem erzählerischen Werk widmete er sich der Lokal- und Regionalgeschichte und verfasste vorwiegend heitere, wiederum in der bäuerlichen Welt angesiedelte Theaterstücke. Die beiden letztgenannten Bereiche fanden sowohl zu seinen Lebzeiten als auch posthum weit weniger Beachtung als die Erzählungen. Der erste von Schlicht veröffentlichte Erzählband erschien 1875 unter dem Titel „Bayerisch Land und Bayerisch Volk“. Er enthält 82 Geschichten, in deren Mittelpunkt die Lebensverhältnisse auf den großbäuerlichen Höfen stehen. Die einzelnen Skizzen – darunter die für das Straubinger Tagblatt verfassten sowie solche, die das Sonntagsblatt der Augsburger Postzeitung in Auftrag gegeben hatte – wurden, wie Schlicht in seiner Autobiografie sagt, „von selbst zu einem Volksgemälde ...“.

Schlichts Erzählungen kreisen meist um Großbauern, andere Milieus dagegen werden weitgehend ausblendet. Dafür gibt es nach Dr. Hausbergers Ansicht einen deutlich auszumachenden Grund: Schlicht hat in seiner Schneidinger Zeit eifrig die Werke des Kulturhistorikers Wilhelm Heinrich Riehl gelesen und sich dessen ausgesprochen konservatives Gedankengut zu eigen gemacht. In seinem Buch „Die bürgerliche Gesellschaft“ teilte Riehl die Gesellschaft in zwei Gruppen ein: die „Kräfte des socialen Beharrens“ und die „Kräfte der socialen Bewegung“. Unter der ersten verstand er insbesondere Adel und Bauernstand, unter der zweiten im Wesentlichen Bürgertum und Proletariat.

Riehls Sympathie gehörte der ersten Gruppe; in ihr sah er „die erhaltende Macht im deutschen Volke“. Schlicht scheint sich nicht nur Riehls Standpunkte angeeignet zu haben, sondern auch – wie es der Volkskundler Helge Gerndt formuliert hat – dessen „bilderreiche, anekdotengesättigte, pointierte, humorvolle Ausdrucksweise“.

„Bayerisch Land und Bayerisch Volk“ wurde viel gelesen und hoch gelobt. Der Münchner Jurist und Mundartdichter Karl Stieler äußerte die Meinung, dass das Werk „vielleicht nach hundert Jahren ... als Quellenwerk für bayerische Volkskunde gilt“. Der ebenfalls in München lebende Dichter Martin Greif fand gar, Schlicht sei „von seinem Schöpfer berufen, die Stammesart seiner Genossen darzustellen ... Was sein unsterblicher Landsmann Aventin auf dem Gebiet der bayerischen Geschichte ist und für alle Zeit bleibt, das wird Joseph Schlicht auf dem der bayerischen Volkskunde sein und bleiben.“

Schlicht sah sich durch so viel Lob aufgefordert weiterzuschreiben. „Ich solle mein Pfund nicht vergraben – das ist mir von lieben, gescheidten, biederherzigen Menschen nun schon so vielmal gesagt worden, dass ich es selber glauben muß.“ 1877 erschienen unter dem Titel „Blauweiß in Schimpf und Ehr, Lust und Leid“ 50 weitere Erzählungen – und wieder fand das Werk großen Anklang. Doch Schlichts Freude über seinen schriftstellerischen Erfolg trübte sich ein: In der viel gelesenen kulturpolitischen Monatsschrift „Preußische Jahrbücher“ erschien eine herbe Kritik an „Bayerisch Land und Bayerisch Volk“. Der Philologe Karl August Mayer verglich Schlichts Texte mit denen anderer Autoren – Ludwig Steub, Hermann Schmid, Franz von Kobell, Karl Stieler – und kam zu dem Ergebnis, diese seien „ebenso gute Bayern als Schlicht, aber sie haben einen freieren Blick“.

Mehr noch: „So allgemein der Titel seines Buchs auch lauten mag, so sind doch seine Skizzen vorzugsweise aus Niederbayern, seiner Heimath, geschöpft, aus der üppig fruchtbaren Donauebene um Straubing ... Die sogenannten Wäldler, das heißt die Bewohner des benachbarten bayerischen Waldes, deren gelegentlich in mitleidigem Tone gedacht wird, die Viehzüchter und Käsemacher in den Alpen, die Torfstecher in den Moosen passen nicht in den Rahmen seiner Bilder ...“ Des Weiteren bemängelt er Schlichts Abneigung gegen Stadtbevölkerung und Beamtenschaft; er fragt, ob der Beamte „nicht auch Beruf, Gelegenheit und Befähigung (habe), dem Dorfe Etwas zu sein“. Und süffisant weist er den Schlossbenefiziaten auf die politischen Verhältnisse hin: „Wie sehr Sie auch Sich sträuben mögen“, sagt er, „Sie werden Sich ... mit dem unheimlichen Gedanken befreunden müssen, dass hinter den Bergen auch noch Leute wohnen, zwar ein Menschenschlag ..., der ihnen nicht sympathisch ist, ketzerische Preußen, aber schneidige Leute, die es allein verstanden haben, aus den zerfahrenen Deutschen eine Nation zu schmieden, Leute, ... mit denen das blauweiße Völklein Hand in Hand zu gehen hat ...“

Möglicherweise wurde Schlicht auch von kirchlicher Seite gemaßregelt, jedenfalls reagierte er rigoros. Max Peinkofer berichtet: „Der gerade Mann machte kurzen Prozess, kaufte den stattlichen Rest der Auflage zurück und ließ ihn einstampfen.“ Anderen Quellen zufolge hat Schlicht die nicht verkauften Exemplare von „Bayerisch Land und Bayerisch Volk“ verbrannt. So oder so: Das Buch war nicht mehr erhältlich. Zwar gab Schlicht 1886 unter dem Titel „Altbayernland und Altbayernvolk“ eine stark gekürzte Fassung heraus, aber nach Ansicht verschiedener Kommentatoren fehlten ihr die Frische und Lebendigkeit der ursprünglichen Fassung. Den erwähnten Erzählbänden ließ Schlicht noch zwei weitere folgen, nämlich „Die altbayerische Landhochzeit“ (1889) und „Altheimland“ (1895). Bei ihrem Inhalt handelt es sich wiederum im Wesentlichen um Szenen und Anekdoten aus dem bäuerlichen Leben des 19. Jahrhunderts.

Sterbebild SchlichtUngeachtet aller Kritik wurden die Werke des Steinacher Schlosskaplans nach wie vor von vielen gelesen und geschätzt. Als schließlich um 1900 Verstädterung und Industrialisierung stark fortschritten und man begann, das ländliche Dasein zum Gegenpol des Lebens in der verderbten Großstadt zu stilisieren, avancierte Schlicht geradezu zur Galionsfigur einer antimodernistischen Heimatbewegung. In der „Niederbayerischen Monatsschrift“ etwa war zu lesen, dass „die Schilderungen von Joseph Schlicht ... Werke einer echten Volkskunst, einer wahren Heimatkunst“ seien.

Der ganz große Erfolg von Schlichts Büchern stellte sich erst nach dem Tod ihres Verfassers – er starb im Jahr 1917 – ein. Auslöser war zum einen die Einführung der Heimatkunde als Unterrichtsfach, zum anderen die Wiederauflage von „Bayerisch Land und Bayerisch Volk“ 1927. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg versuchten die Deutschen, wieder zu Selbstbewusstsein und Selbstachtung zu finden. Das, darin waren sich einflussreiche Pädagogen einig, konnte nur durch eine feste Verwurzelung – insbesondere der Jugend – in der Heimat geschehen. Der Heimatbegriff aber war stark an den ländlichen Raum gebunden und wenige Namen verbanden sich so eng mit ihm wie der von Joseph Schlicht. „Weil er den Heimatgedanken predigt und zu ihm hinführt, ....“, wie es im Vorwort der Neuauflage von „Bayerisch Land und Bayerisch Volk“ heißt. Die klarste Begründung für Schlichts Beliebtheit lieferte vielleicht die Zeitschrift „Das Bayerland“ im Jahr 1928: „Als nach dem materiellen und geistigen Zusammenbruch unseres Volkes im Weltkriege uns das große Heimweh überkam, die unwiderstehliche Heimatsehnsucht und das instinktive Besinnen auf die Quellen aller Volkskraft, da wurde natürlich auch Schlichts Name wieder öfter genannt und verlangt.“ Diese Begründung behielt nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Gültigkeit. Erneut wurde der Steinacher Schlossbenefiziat als Urheber einer bayerischen Volkskunde und als genialer Schilderer von bayerischer Lebensart, bayerischem Wesen und bayerischem Brauchtum gepriesen. Ein mögliches – und sogar wahrscheinliches – Anliegen von Schlicht hingegen fand auch jetzt kaum Beachtung: Schlicht wollte predigen. Dieses Motiv bringt nach Hausbergers Ansicht niemand treffender zum Ausdruck als der Volkskundler und Pastorensohn Karl-Sigismund Kramer. Er glaubt: „Als er zu schreiben begann, mag die Freude an der Gestaltung heiterer und besinnlicher Erlebnisse der erste Antrieb gewesen sein. Bald aber wurde der Impuls seines Schaffens ein erzieherischer. Sein eigentlicher Beruf, der des Predigers und Seelsorgers, tritt immer stärker hervor. ... Fast jede seiner Geschichten lässt sich zum Predigtexempel verwenden.“

In seiner kritischen Würdigung von Schlichts Werk kommt Hausberger zum Ergebnis, dass der Dreh- und Angelpunkt in Schlichts Welt der gehobene Vollbauer ist, Kleinbauern, Handwerker, Häusler, Tagelöhner und Dienstboten in dieser Welt jedoch eine ganz und gar beiläufige Rolle spielen. Das schließt aus, dass die Gesamtheit der porträtierten Gestalten ein Spiegelbild der „christlich-bairischen und bairisch-christlichen Seele“ (Dr. Rupert Sigl) ergibt. Schlicht, so Hausberger, idealisiert die großbäuerliche Welt und ignoriert bzw. negiert die durch Industrialisierung und Technisierung hervorgerufenen gesellschaftlichen Umbrüche seiner Zeit. Damit redet er „der Wahrung des Überkommenen das Wort und weist Störer der altbewährten bäuerlichen Lebenswelt in die Schranken. Unter Letzteren trifft die Juden das schärfste Verdikt.“ Allerdings: Auch wenn die Figuren in Schlichts Erzählungen idealisiert und verfremdet sind, so sind sie doch „beispielhaft und nachahmenswert, abschreckend und warnend“. Der Leser erkennt sich in ihnen wieder und fühlt sich von ihnen angesprochen. Wo Schlicht Kritik übt, ist diese nicht verletzend, sondern „eingebettet in ein tiefes Verständnis für die Schwäche des Menschen, weitaus mehr auf Helfen und Heilen angelegt als auf Anprangern und Verurteilen. ... Und mit dieser Form der Hilfestellung zur Lebensbewältigung hat Joseph Schlicht auch unserer Zeit noch etwas – oder wieder etwas – zu sagen.“

Dieses Verdienst wurde und wird dem Steinacher Schlossbenefiziaten auf vielfache Weise gedankt: Im Frühjahr 1956 hat man an seiner Grablege in der Pfarrkirche von Steinach eine bronzene Gedenktafel enthüllt, 1960 wurde die Steinacher Volksschule nach ihm benannt, in einer Reihe von Gemeinden gibt es Joseph-Schlicht-Straßen und seit 1977 verleiht der Landkreis Straubing-Bogen die Joseph-Schlicht-Medaille an Persönlichkeiten, die sich um Heimat, Kultur und Brauchtum besondere Verdienste erworben haben.

Herbert Becker/BOG Zeitung vom 2. März 2019

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