Sonntag - Urfeiertag der Christen

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Predigtreihe im Advent 2018 – gehalten von P. Dominik Daschner OPraem, Pfarrer der Pfarreiengemeinschaft Mitterfels-Haselbach

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1. Adventssonntag: Was ist der Ur-Feiertag, das wichtigste Fest der Christen?

Wer das öffentliche Leben in un­serem Land wahrnimmt und beobachtet, für welches christliche Fest der größte Auf­wand betrieben wird, der wird wohl sagen: Weihnachten natürlich. Jedoch: Das Weih­nachts­fest gibt es erst seit dem vierten Jahrhundert. Gut 300 Jahre lang ist die Christenheit ohne ein eigenes Geburtsfest Jesu ausgekommen, ohne dass ihr damit etwas abgegangen wäre. Das kann man sich heute kaum noch vorstellen.

Wer theologisch etwas mehr bewandert ist, wird vielleicht antworten: Das wichtigste christli­che Fest ist selbstverständlich Ostern. Denn ohne die Auferstehung Jesu Christi gäbe es gar keine christliche Kirche. Doch auch da ist Vorsicht geboten. Denn ein jährliches Osterfest entwickelt sich in der Liturgiegeschichte erst ab dem zweiten Jahrhundert allmählich.

Aber selbstverständlich haben die Christen auch davor schon Liturgie gefeiert, kannten sie christliche Feiertage. Nur: Welche waren das dann, wenn nicht Weihnachten und Ostern?


Die Sonntage sind es. Der Sonntag als wöchentliches Gedenken an Leiden, Tod und Auf­erstehung Jesu Christi; er ist der Ur-Feiertag der Christen.


Das Zweite Vatikanische Konzil hat dies wieder in Erinnerung gerufen, wenn es in der Liturgiekonstitution schreibt: „Aus apostolischer Überlieferung, die ihren Ursprung auf den Auferstehungstag Christi zurückführt, feiert die Kirche Christi das Pascha-Mysterium jeweils am achten Tag, der deshalb mit Recht Tag des Herrn oder Herrentag genannt wird. … Des­halb ist der Herrentag der Ur-Feiertag, den man der Frömmigkeit der Gläubigen eindringlich vor Augen stellen soll“ (SC 106).

Ich möchte deshalb heuer die vier Adventssonntage nutzen, um in einer Predigtreihe mit Ihnen ein wenig intensiver über unseren christlichen Sonntag nachzu­denken: seine Herkunft und Entwicklung, über seine Bedeutung für uns und wie eine christli­che Sonntagskultur heutzutage aussehen kann.

 

Sonntag, der Schöpfungstag

Der Sonntag ist jener Tag, mit dem der Bibel zufolge die Schöpfung begann; der Sonntag ist daher Schöpfungstag. Dieses Motiv gehört wesentlich zum Sonntag. Mit dem Sonntag hebt die Schöpfung an; und auch die Neuschöpfung der Welt, Gottes neue Schöpfung, der neue Himmel und die neue Erde. Der Sonntag, der erste Tag. Am siebten Tag, dem Sabbat, ruhte Gott.

 

Sonntag, Tag der Auferstehung Jesu

Am Tag nach dem Sabbat, an einem Sonntag also, ist Christus von den Toten auferstanden. Der Sonntag ist deshalb unser wöchentliches Osterfest: der Auferstehungstag Christi. Die Oster­berichte des Neuen Testaments nehmen immer wieder ausdrücklich Bezug auf die­sen ersten Tag der Woche. Bei Markus heißt es von den Frauen am Grab: „Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohl­riechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben. Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab“ (Mk 16,1-2a). Dem Johannesevangelium zufolge tritt der Auferstan­dene am ersten Tag der Woche in die Mitte seiner Jünger und gibt sich ihnen als lebendig zu erkennen. Eine Woche darauf darf schließlich auch Thomas es erfahren, der am Sonntag da­vor in der Versammlung der Jünger gefehlt hatte (vgl. Joh 20,19-26). Auch den beiden Emmausjüngern erscheint der Auferstandene am Abend des ersten Tages der Woche (vgl. Lk 24,13-35).

Der Sonntag ist der Tag der Auferstehung Jesu. Im Russischen hat er von dorther seinen Namen bezogen. Woskresenje heißt er dort – Auferstehungstag.

 

Sonntag, Tag des Herrn

Und schon in der Bi­bel – in der Offenbarung des Johannes - wird der Sonntag daher schlicht als „Tag des Herrn“ (Offb1,10) bezeich­net; oder - wie in der frühen Christenheit – als „Herrentag“. In den romani­schen Sprachen heißt unser Sonntag bis heute so. In Italien: domenica; französisch: dimanche; domingo auf Spanisch. Alles abgeleitet vom lateinischen „dies do­minica“, dem „Herrentag“. Im Einflussbereich der germanischen Sprachen hat er hingegen die alte Bezeichnung aus der griechisch-römischen Planetenwoche behalten: der Tag der Sonne: der Sonntag, der sunday, der zondag. Aber auch das lässt sich ja gut christlich interpretieren, wird doch Christus auch als die wahre Sonne unseres Heils bezeichnet, als die „Sonne der Gerechtigkeit“ (Mal 3,20).

Der Sonntag ist also der Tag der Auferstehung, unser wöchentliches Osterfest. Von Anfang an haben sich die Christen an diesem Tag zur Feier der Eucharistie versammelt, zum Mahl mit dem auferstandenen Christus – Woche für Woche. Schon die biblischen Ostererzählungen deuten dies an. Der Sonntag als unser christlicher Ur-Feiertag ist eine Erfindung der frühen Christenheit.

 

Sonntag, Tag der Versammlung zur Feier der Eucharistie

Der Sonntag mit der Versammlung zur Feier der Eucharistie im Sieben-Tage-Rhythmus, das ist sozusagen die Grundfolie des ganzen christlichen Kirchenjahrs. Die Hochfeste und Feier­tage – Weihnachten und Ostern -, die Vorbereitungs- und Festzeiten – Advent oder Fastenzeit, Weihnachts- und Osterzeit – sie legen sich auf diese Folie drüber. Aber unser Ur-Feiertag bleibt der Sonntag. In seinem Grundrhythmus – alle sieben Tage - gehen wir der Wiederkunft Christi und der Vollendung der Zeit entgegen.

Darum wird der Sonntag manchmal auch als der „achte Tag“ bezeichnet, weil er schon über diese unsere Erdenzeit mit seiner Sieben-Tage-Woche hinausweist auf die Vollendung und Überschreitung der Zeit in der Ewigkeit, wenn Christus wiederkommt und alles vollenden wird. Auch diese eschatologische Dimension ist unserem Sonntag eigen.

Von Anfang der Christenheit an – ich habe es schon erwähnt – ist der Sonntag für uns Chris­ten der Tag der Versammlung zur Feier der Eucharistie. Nur am Sonntag wurde in der frü­hen Kirche die Eucharistie gefeiert. An den Werktagen traf man sich zum Tagzeitengebet. Der Sonntag jedoch ist Tag der Eucharistie. Weil man in ihr dem auferstandenen Herrn begegnen darf. Was die biblischen Osterberichte erzählen – dass die Jünger am ersten Tag der Woche Christus als Auferstandenen erfahren -, das gilt bis heute. Wenn wir Eucharistie feiern, dann erinnern wir uns nicht bloß an Jesus, denken wir nicht nur an ihn oder stellen ihn uns geistig vor Augen, sondern im Mahl mit dem auferstandenen Herrn begegnen wir auf sakramentale Weise ihm selbst, dürfen wir ihn in den Gestalten von Brot und Wein leibhaft berühren so wie Thomas, reicht er selbst uns das Brot des Lebens so wie den Emmausjüngern am Abend beim Brotbrechen.

Deshalb ist der Sonntag mit der Feier der Eucharistie für uns Christen auch nicht verhandelbar und niemals aufgebbar. Daran werden auch sinkende Kirchenbesucherzahlen nichts ändern. Was – nebenbei bemerkt - schon zu biblischen Zeiten einsetzt, als die als nahe erwartete Wiederkunft Christi ausgeblieben ist, und der Autor des Hebräerbriefs seine Adressaten des­halb ermahnen muss: „Lasst uns nicht unseren Zusammenkünften fernbleiben, wie es einigen zur Gewohn­heit geworden ist“ (Hebr 10,25).

Kirche lebt von der Feier des Sonntags. Aus den Märtyrerakten von Karthago gibt es dafür ein eindrucksvolles literarisches Zeugnis. In den Christenverfolgungen unter Kaiser Diokletian An­fang des vierten Jahrhunderts hatte man den Christen dort verboten, sich am Sonntag zur Eucharistie zu versammeln. Doch die Christen hielten sich nicht an das Verbot und wurden deshalb verhaftet. Im Verhör nach ihren Gründen befragt, gaben sie zu ihrer Verteidigung an: „Wir können ohne dominicum nicht sein!“ – ohne sonntägliche Eucharistie also – und sind dafür als Märtyrer in den Tod gegangen.

Ich denke, das Glaubenszeugnis dieser frühen Christen sagt eigentlich alles aus, was der Sonntag für uns Christen bedeutet; und müsste alle beschämen, die der sonntäglichen Eucha­ristiefeier Woche für Woche fernbleiben, dem Ur-Feiertag der Christen.

 

 

Adventspredigten2016 2

2. Adventssonntag: Sonntag: Wieso "erster Tag" der Woche?

 

Haben Sie nicht auch schon mal am Sonntag beim Hochgebet gestutzt, wenn . . .

. . . der Priester da kurz nach dem Sanctus-Lied als Einschub betet: „Darum kommen wir vor dein Angesicht und feiern in Gemeinschaft mit der ganzen Kirche den ersten Tag der Woche als den Tag, an dem Christus von den Toten erstanden ist“? Oder haben vielleicht sogar innerlich moniert: wieso „erster Tag der Woche“? Die Woche fängt doch mit dem Montag an! Der Sonntag ist doch Teil des Wochenendes, der letzte in der Reihe der Wochentage! So findet er sich in unseren Ka­lendern: ganz rechts am Ende der Zeile oder ganz unten auf der Seite; der Sonntag als der siebte und letzte Tag der Woche.

Schöpfungserzählung: Der erste Schöpfungstag ein Sonntag

Der Bibel zufolge, mit ihrer Schöpfungserzählung, ist der siebte Tag der Sabbat, an dem Gott geruht und so sein Schöpfungswerk vollendet hat, unser Samstag. Der darauffolgende Sonn­tag ist also der erste Tag der neuen Woche. Der erste Schöpfungstag war demnach ein Sonn­tag. In jüdischer Zählung ist der Sonntag der erste Tag der Woche. So war das schon immer. So galt es auch der Reihung in der grie­chisch-römischen Planetenwoche nach. Und so haben wir Christen es aus unse­rem jüdischen Erbe übernommen: der Sonntag als der erste Tag der Woche.

Geändert hat sich das erst im 20. Jahrhundert. Um wirtschaftlichen Abläufen besser zu ent­sprechen, hat die Internationale Organisation für Standardi­sierung empfohlen, ab dem 1. Januar 1976 den Sonntag im wirtschaftlich-technischen Leben und damit im ganzen öffentli­chen Bereich als letzten Tag der Woche zu betrachten. Der Deut­sche Normenausschuss hat diese Empfehlung aufgegriffen und als DIN-Norm 1355 für Deutschland so eingeführt. Seit­her gilt der Sonntag als siebter und letzter Tag der Woche, als Teil des Wochenendes, an dem man von der Arbeit ausruht, um dann mit dem Montag die Arbeit der neuen Woche zu begin­nen.

Wir haben den Advent selbstverständlich mit dem 1. Adventssonntag begonnen, nicht mit dem Montag. . .

Seit dieser Entscheidung klaffen öffentlicher und kirchlicher Kalender eklatant auseinander. Denn für uns Christen bleibt der Sonntag als erster Schöpfungstag und als Tag der Auferste­hung Christi weiterhin der erste Tag der Woche. Wir haben den Advent selbstverständlich mit dem 1. Ad­ventssonntag begonnen, nicht mit dem Montag der 1. Adventswoche. Wenn man dem öffent­lichen Kalender folgt, würde der 1. Adventssonntag ja noch gar nicht zum Advent dazugehören - als erster Tag des neuen Kirchenjahrs -, sondern als siebter Tag der letzten Woche im Jahreskreis noch zum alten Kirchenjahr. Das zeigt: Man kann eine über Jahr­tausende gewachsene Menschheitstradition nicht einfach per Verwaltungsakt vom Tisch wi­schen. Aber nun müssen wir eben mit dieser Festlegung leben, dass der Sonntag als siebter und letzter Tag der Woche gezählt wird.

Ist das so entscheidend?

Nun kann man natürlich fragen: erster Tag, letzter Tag - ist das so entscheidend? Die Zeit ist doch ein ewig nach vorne fließender Strom: Minute um Minute, Stunde um Stunde, Tag um Tag. Wo man da die Zäsuren setzt, wo man Anfang und Ende der Woche einträgt, ist doch letztlich etwas Willkürliches. Die Zeit schreitet doch un­aufhörlich und gleichmäßig voran. Und doch, so meine ich, macht es einen Unterschied, welchen Charakter der Sonntag – noch dazu als wöchentlicher Ruhetag – erhält, ob man ihn als den ersten oder den letzten Tag der Woche ansieht. Das sagt viel über unser Verständnis vom Mensch-sein aus.

. . . Sonntag gerät als letzter Tag der Woche unter das Primat der Wirtschaftlichkeit.

Als letzter Tag der Woche gerät der Sonntag unter das Primat der Wirtschaftlichkeit und der Arbeitsleistung des Menschen. Das war ja auch der Anlass für diese Umstellung. Am Sonntag darf sich der Mensch von der Arbeit ausruhen und erholen. Aber wozu? Damit er wieder fit ist für die Arbeit der neuen Woche. Im Vordergrund steht somit die wirtschaftliche Leistungs­fähigkeit des Menschen. Dem hat sich alles andere unterzuordnen. Der Sonntag wird zum Rest des Wochenendes, in den schon die neue Arbeitswoche hereindrängt und dadurch den Festcharakter dieses Tages trübt. Der Sonntag sinkt so in seiner Bedeutung herab zum letzten Rest, zum Ende einer freien Zeit; eben zum Wochenende.

. . . Sonntag als Auferstehungstag verleiht der Woche einen anderen Charakter.

Der Sonntag als Auferstehungstag zum Auftakt der Woche, er setzt ein Vorzeichen an den Anfang der Zeile im Kalender und verleiht der ganzen Woche ihren Charakter, so wie die Vorzeichen auf dem Notenblatt einem Musikstück seine besondere Färbung geben. Nämlich: Wir leben als von Christus Erlöste. Seine Auferstehung qualifiziert und prägt unser Alltagsleben. Der Sonntag als festlicher Auftakt der Woche macht uns das bewusst.

Es ist also doch nicht ganz gleichgültig, ob wir den Sonntag als den ersten oder den letzten Tag der Woche erachten. Freilich soll man die neue Festlegung auf den Sonntag als letzten Tag auch nicht rundum verteufeln. Denn jede Woche ist ja auch ein Abbild jener hohen Woche im Jahreslauf: der Karwoche. Und die strebt über den Freitag, als dem Tag des Lei­dens und Sterbens Christi am Kreuz, und dem Samstag, als dem Tag seiner Grabesruhe, na­türlich dem Sonntag zu. Der Ostersonntag als Tag der Auferstehung ist Ziel- und Höhepunkt. So kann man das auch für jede Woche se­hen, ist doch der Sonntag unser wöchentliches Oster­fest, der Ur-Feiertag der Christen.

. . . Sonntag als Auferstehungstag Zeichen der ewigen Vollendung

Und als achter Tag, als welcher der Sonntag auch manchmal bezeichnet wird, durchbricht er sogar unsere Erdenzeit. Die Auferstehung Christi, die wir am Sonntag feiern, hebt uns über diese irdische Existenz hinaus. So wird der Sonntag zum Zeichen der ewigen Vollendung, auf die wir mit unserem Leben zugehen, wenn sich un­ser persönlicher Advent und einmal der große Weltenadvent erfüllen wird, von dem die Schrifttexte in diesen adventlichen Wochen sprechen. Wenn Gott uns um seinen Thron ver­sammeln wird zur Feier des ewigen Sonntags in der himmlischen Herrlichkeit seiner neuen Schöpfung.

Zählt der Sonntag indes als erster Tag der Woche, dann fangen wir die Woche nicht mit einem Arbeitstag an, sondern mit einem Feiertag. Heißt also: Noch bevor wir etwas geleistet haben, dürfen wir es uns erlauben, zu feiern. Das sagt viel aus, wie wir unser Mensch-sein verstehen dürfen.

. . . Das Leben ist mehr als Arbeit . . . ist ein Geschenk aus Gottes Gnade

Als Gottes Ebenbilder, von ihm geschaffen und berufen zum Dialog und zur Gemeinschaft mit ihm, leben wir nicht, um zu arbeiten; wir arbeiten, um zu leben. Den Vorrang hat das Le­ben. Das Leben ist mehr als Arbeit. Wir leben im Letzten nicht von unserer Arbeit, sondern aus Gottes Gnade. Da wird der Ge­schenkcharakter unserer christlichen Existenz deutlich. Wir können es uns leisten, nicht nur zu arbeiten, können einen Tag auf Erwerbsarbeit verzichten und leben doch. Denn Gott sorgt für uns. Da ist etwas von der Fülle des Lebens zu spüren, die Christus uns verheißen hat. Der Sonntag als arbeitsfreier erster Tag der Woche unterstreicht: Das unverzweckte Dasein – Muße, geistliche Erhebung und mitmenschliche Begegnung, für welche der Sonntag frei von Arbeit gehalten werden soll –, sie haben Vorrang vor dem Schaf­fen-müssen. Der Mensch hat vor Gott eine Würde und gilt etwas, noch bevor und nicht nur dann, wenn er etwas leistet.

 

 

Adventspredigten2016 3

3. Adventssonntag: Sonntag - der christliche Ur-Feiertag

 

Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal im Heiligen Land waren, in Jerusalem, oder zumindest im Fernsehen gesehen haben, was dort in den orthodoxen Judenvierteln geschieht, wenn der Sab­bat beginnt. Die jüdischen Viertel werden dann von der Außenwelt abgeriegelt. Die orthodo­xen Juden klinken sich vom Leben der restlichen Welt für einen Tag regelrecht aus. Denn es ist Sabbat, ihr wöchentlicher Ruhetag, an dem man dem mosaischen Gesetz zufolge keine Arbeit verrichten darf.

Und die ultraorthodoxen Juden legen dieses Sabbatgesetz ganz streng aus. Man darf am Sab­bat außerhalb des eigenen Hauses nur eine kurze Strecke zu Fuß gehen, nur einen Sabbatweg weit (vgl. Apg 1,12); das sind ca. 1000 Meter. Und am Sabbat darf kein Feuer angezündet werden, denn auch das wäre ja Arbeit. Deshalb brennen in den Judenvierteln in Jerusalem am Sabbat keine Straßenlater­nen. Auch Strom zählt zum Feuer. Deshalb kann am Sabbat nicht gekocht werden; alle Spei­sen müssen schon vorher zube­reitet sein und werden dann in speziellen Behältnissen warm­gehalten. Autos - weil die ja mit einem Verbrennungsmotor fahren - dürfen am Sabbat ebenfalls nicht bewegt werden. Aus dem glei­chen Grund fliegt die ElAl, die israelische Fluggesellschaft, am Samstag nicht.

Es rührt aus der Schöpfungserzählung: „Sabbat“ ist Ruhetag, ausgespart für Gott…

Alles aus dem einen Grund: weil der Sabbat Ruhetag ist. Da steht für die Juden das Leben still. Dieser Tag ist ausgespart für Gott, für das Dasein vor ihm, den Gottesdienst und das Zu­sammensein in der Familie.

Dass der Sabbat als Ruhetag zu halten ist, das rührt aus der Schöpfungser-zählung der Bibel her. Nach dem Sechs-Tage-Werk der Erschaffung der Welt, so erzählt es das Buch Genesis, ruhte Gott am siebten Tag, dem Sabbat. So vollendete Gott sein Schöpfungswerk und „seg­nete den siebten Tag und heiligte ihn“ (Gen 2,3a), wie es dort heißt.

… kein langweiliges Nichts-tun, sondern schöpferische Ruhe  

Dieses Ruhen Gottes am siebten Tag ist nach dem Bericht der Bibel kein langweiliges Nichts-tun, sondern auch dies ist Teil seines Schöpfungshandelns, eine schöpferische Ruhe. Von da­her muss man übrigens auch die Bitte beim Gebet für unsere Verstorbenen richtig verstehen, wenn wir da immer wieder beten: „Herr, gib ihnen die ewige Ruhe.“ Ewige Ruhe, damit ist nichts tödlich Langweiliges gemeint, wo sich nichts mehr tut und ereignet - was man ja auch niemandem ehrlicherweise wünschen möchte. Sondern damit ist die Teilhabe an eben dieser Schöpferruhe Gottes gemeint: nach getaner Arbeit zufrieden, erfüllt und dankbar auf das voll­endete Werk zurückschauen können und es genießen dürfen.

Der Sabbat als wöchentlicher Ruhetag, an dem der Mensch an dieser erfüllten Ruhe Gottes teilhaben darf, das ist eine einzigartige kulturelle Errungenschaft der jüdischen Religion. Die griechisch-römische Antike und die ganze restliche Welt ringsum kannte Vergleichbares nicht. Dort gab es keinen wöchentlich wiederkehrenden arbeitsfreien Tag; das gab es nur bei den Juden. Ansonsten kannte man nur einzelne heilige Tage im Verlauf des Jahres, die arbeitsfrei waren.

Die Christen der Urkirche, die ja aus dem Judentum herausgewachsen waren, sie haben zu­nächst weiterhin den Sabbat gehalten – als arbeitsfreiem Ruhetag, mit der Teilnahme am Synagogengottesdienst. Und am Tag danach, am Sonntag, dem Auferstehungstag ihres Herrn Jesus Christus, trafen sie sich in ihren Häusern zur Feier der Eucharistie.

Für Urchristen war der Sonntag Arbeitstag.

Nur war der Sonntag eben normaler Werktag. Deshalb mussten sie das entweder am Abend nach getaner Arbeit tun. So erzählt es zum Beispiel der Apostel Paulus in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinth, wenn er die Christen dort dafür rügt, dass bei ihren Versamm­lungen die Reichen, die schon eher da sind, bereits mit dem gemeinsamen Essen beginnen – damals war mit der Eucharistiefeier noch ein Sättigungsmahl verbunden -, und dann alles weggegessen haben und schon betrunken sind, bis auch die Armen der Gemeinde, die Sklaven vor allem, dazustoßen können, die noch in der Arbeit gebunden waren. Eine Versammlung am Abend also.

Oder – so die spätere Entwicklung – man traf sich am frühen Sonntagmorgen zur Eucharistie­feier, bevor man die Arbeit des Tages in Angriff genommen hat. So berichtet es der Hl. Justin um das Jahr 150 aus Rom in einer Schrift, worin er die sonntägliche Messe der Christen be­schreibt.

Der Sonntag, ihr wöchentlicher Feiertag, war also für die Christen der ersten Jahrhunderte normaler Arbeitstag. Und für Christen, die als Minderheit in buddhistisch oder muslimisch geprägten Ländern leben, wo zum Beispiel der Freitag staatlich geschützter, wöchentlicher Feiertag ist, für sie gilt das bis heute so.

Erst Kaiser Konstantin ordnete für Sonntag Arbeitsruhe an oder gewährte Zeit für Gottesdienst.

Erst im Zuge der öffentlichen Anerkennung des Christentums im vierten Jahrhundert unter Kaiser Konstantin hat sich das geändert. In verschiedenen Erlassen ordnet der Kaiser für den Sonntag Arbeitsruhe an. Zunächst aber nur für bestimmte Berufsgruppen. Die Richter, die Stadtbevölkerung und Gewerbetreibende sollen sonntags die Arbeit ruhen lassen. Die Bauern dürfen indes ihre Felder bestellen, um günstiges Wetter dafür nicht zu verpassen. Auch die christlichen Soldaten und Sklaven sollen am Sonntag frei bekommen, um ihrer Religions­ausübung nachgehen zu können.

Allerdings erhalten sie nicht den ganzen Tag frei, sondern nur – wie Konstantin schreibt – „solange, bis sie ihre Gebete verrichtet haben.“ Heißt also: Für den Besuch des Gottesdienstes sind sie freigestellt; danach müssen sie in ihren Dienst zurückkehren. Diese Regelung zeigt schon: Es geht also nicht - wie beim Sabbat - darum, einen völligen Ruhetag einzuhalten. Nicht die Arbeitsruhe als solche ist das Motiv, um das es geht. Im Vordergrund steht: Die Christen sollen entsprechenden Freiraum erhalten, damit sie, befreit von Alltagssorgen, am Sonntag die Eucharistie feiern können, ohne das - wie bisher - im Verborgenen tun zu müssen und an den Rändern eines gewöhnlichen Arbeitstages.

Im 6. Jahrhundert erst wird der Sonntag, unser Ur-Feiertag, arbeitsfrei: ein Tag der Muße – frei auch für Gottes-Dienst.

Erst im Verlauf des sechsten Jahrhunderts wird der Sonntag dann komplett zum arbeitsfreien wöchentlichen Feiertag erhoben. Und der Sonntag gleicht sich mehr und mehr dem Sabbat als einem Tag der öffentlichen Arbeitsruhe an. Erstaunlich jedoch, wie lange sich Kirchenväter und Konzilien gegen die Übernahme einer völligen Arbeitsenthaltung vom jüdischen Sabbat auf den christlichen Sonntag wehren. Das erscheint ihnen als Müßiggang, vor dem sie warnen; als typisch jüdische Praxis, von der man sich abheben will; oder sogar als Zeichen des Antichrists. Es trifft also historisch nicht zu, wenn manchmal behauptet wird, unser christlicher Sonntag als wöchentlich wiederkehrender, arbeitsfreier Tag sei eine direkte Übernahme des jüdischen Sabbats; der Sonntag habe den Sabbat beerbt und ihn abgelöst.

Natürlich: Wir dürfen dankbar sein, dass der Sonntag als unser christlicher Ur-Feiertag, unser wöchentli­ches Osterfest, bei uns arbeitsfrei ist. So dass wir an diesem Tag frei sind für religiöse Be­schäftigung, entspannt am Gottesdienst teilnehmen können.

Der Sonntag als ein Tag der Muße, zur Erhebung für Geist und Seele, zum Ausspannen und zur Erholung, für den Dialog mit Gott und zur Begegnung mit unseren Mitmenschen in der Familie und im Freundeskreis. So ist der Sonntag gedacht. Ein Tag, an dem wir uns als freie und erlöste Menschen erleben dürfen.

So ist der christliche Sonntag ein ganz hochrangiges Kulturgut, das wir schätzen und schützen soll­ten.

 

 

Adventspredigten2016 4

4. Adventssonntag - Was macht den Sonntag zum Festtag?

Ich weiß nicht, ob Ihnen die Band „Torfrock“ ein Begriff ist. In den 70er- und 80er-Jahren war sie mit ihren witzigen, hintersinnigen Liedtexten in den Hitparaden; für die „Wer­ner“-Zeichentrickfilme hat sie die Filmmusik geliefert. Von dieser Band gibt es ein Lied, das die Sonntagsgestaltung in einem typisch ostfriesischen Dorf besingt und aufs Korn nimmt. Im Refrain heißt es dort:

„Sonntags in uns’re Gemeinde tut man nach uraltem Brauch

sich Kaffee und Kuchen in ‘n Bauch und mittags Gemüse mit Schweine.“

Da klingt so manches an, was für die Menschen dort den Sonntag zum Sonntag macht, was ihn vom Rest der Woche abhebt. Der Sonntagsbraten wird da genannt, Kaffee und Kuchen.

Wenn ich Sie jetzt fragen würde: Was macht für Sie den Sonntag zum Festtag? Wodurch ragt er in der Art, wie Sie diesen Tag verbringen und gestalten, unter den übrigen Tagen der Wo­che heraus?


. . . die Antwort: unsere christliche Sonntagskultur


Vermutlich würden viele - wie in dem Lied auch - das besondere Essen am Sonntag erwähnen. Zum Frühstück Kuchen statt Semmeln und Brot wie die Woche über. So kenne ich es selber von klein auf; und so halte ich es bis heute.

Vermutlich würden viele - wie in dem Lied auch - das besondere Essen am Sonntag erwähnen. Zum Frühstück Kuchen statt Semmeln und Brot wie die Woche über. So kenne ich es selber von klein auf; und so halte ich es bis heute.

Mittags ein festliches Menü daheim oder das Essen im Gasthaus, so würden wohl einige ant­worten. Das gemein­same Mahl mit der Familie, wo man zusammensitzt, gemeinsam speist und sich austauscht. Nicht so wie werktags, wo - auch in Familien - oft jeder nach Kantinenart isst, wann man ge­rade heimkommt und Zeit hat. Eher als bloße Nahrungsaufnahme, denn als bewusstes Genie­ßen der Speisen. Oder gar nur noch im Vorübergehen am Schnellimbiss; Essen to go; buch­stäblich von der Tüte in den Mund, unterwegs durch die Fußgängerzone. Zumindest am Sonntag soll das anders sein; so empfinden es viele.

Manche kennen noch das Sonntagsgewand; dass man sich am wöchentlichen Feiertag, zum Kirchgang, festlicher kleidet als werktags. Auch das ein Stück Sonntagskultur. Oder auch, dass es sonntags insgesamt ruhiger zugeht, man es entspannter angehen lassen kann, nicht nach der Uhr leben muss wie an Arbeits- oder Schultagen, wo der Terminkalender den Takt vorgibt, sondern vielleicht länger ausschla­fen mag, Zeit füreinander hat; dass man gemein­same Zeit mit der Familie oder mit Freunden verbringt, etwas zusammen unternimmt. Alles das hebt den Sonntag vom Rest der Woche ab. Und natürlich, dass der Sonntag arbeitsfrei ist, wovon letzten Sonntag schon ausführlich die Rede war.


Die christliche geprägte Sonntagskultur geht immer mehr verloren.


Alles das zusammen bildet unsere christliche Sonntagskultur, die über Jahrhunderte geworden ist, die den Sonntag über die anderen Tage der Woche hinaushebt und auf diese Weise in uns bewusst hält, dass der Sonntag unser christlicher Ur-Feiertag ist, unser wöchentliches Oster­fest. Leider geht diese christlich geprägte Sonntagskultur immer mehr verloren, wird der Sonntag mehr und mehr eingeebnet ins Wochenende und unter die restlichen Tage der Wo­che.

So nimmt – trotz gesetzlich geschützter Arbeitsruhe am Sonntag – die Sonntags­arbeit stetig zu. In einer Erhebung aus dem Jahr 2014 kam zu Tage, dass in Deutschland mittlerweile 14 Prozent der Arbeitnehmer ständig oder regelmäßig sonntags arbeiten – jeder siebte also. Bei den Selbstständigen ist der Prozentsatz noch deutlich höher. 20 Jahre zuvor waren es nur zehn Prozent. Natürlich gibt es Dienste, die in unserer Gesellschaft rund um die Uhr gebraucht werden und abrufbar sein müssen, sieben Tage die Woche – Polizei, Feuerwehr, Kranken­häuser, Ärzte, Pflegedienste, Servicekräfte -, weshalb jene, die in solchen Berufen tätig sind, immer wieder auch sonntags arbeiten müssen. Da geht es nicht anders.

Aber müssen tatsächlich Bäckereifilialen am Sonntagvormittag offen haben? In Zeiten von Tiefkühltruhe und Mikrowelle kann man die Semmeln für das Sonntagsfrühstück doch auch daheim auftauen und aufbacken; und der Sonntagskuchen wird bis dahin auch nicht schlecht, wenn man ihn schon am Samstag kauft. Und müssen Möbel oder Autos ausgerechnet sonn­tags ausgesucht und gekauft werden? Geht das nicht an den anderen Tagen des freien Wo­chenendes, das für nicht wenige heutzutage spätestens am Freitagmittag anfängt?

Die verkaufsoffenen Sonntage werden auch immer mehr. Schauen Sie mal in die Zeitung! Es vergeht kaum ein Wochenende, wo nicht irgendwo im engeren Umkreis verkaufsoffener Sonntag ist. Ich denke mir manchmal dabei: Wenn der Mensch unserer Tage schon mal frei hat, fällt ihm dann nichts anderes mehr ein, als wieder Kaufen und Konsumieren? Zählt der Mensch nur noch als Wirtschaftsfaktor? Der Sonntag will den Kreislauf von Arbeit und Kon­sum gezielt unterbrechen, damit uns bewusst bleibt: Der Mensch lebt nicht nur von dem, was sich rechnet. Der Grundsatz „Zeit ist Geld“ soll nicht alle Tage unseres Lebens beherrschen. Der Sonntag und das, wofür er steht, ist unbezahlbar.

Natürlich erhalten all die, die am Sonntag arbeiten müssen, dafür irgendwann anders während der Woche einen freien Tag. Aber da müssen dann eben all die anderen arbeiten und haben keine Zeit, um sich mit mir zu treffen oder gemeinsam etwas zu unternehmen. Ein verbindlicher gemeinsamer freier Tag für weitgehend alle, das hat doch eine ganz andere, viel höhere Qualität - für jeden Einzelnen und für unsere Gesellschaft als ganze.

Bis vor einigen Jahren gab es in Deutschland zudem die Übereinkunft zwischen Sportverbän­den und Kirchen, dass der Sonntagvormittag von Jugendspielen freigehalten wird, um den Kindern und Jugendlichen die Teilnahme am Sonntagsgottesdienst nicht zu verbauen. Das ist von den Sportverbänden irgendwann stillschweigend aufgekündigt worden.


Ohne christlichen Sonntag gibt es nur mehr Werktage


So geht unser christlicher Sonntag mit seiner speziellen Sonntagskultur immer mehr verloren, wird der Sonntag nach und nach eingeebnet zu einem Tag wie jeder andere. Vermutlich wird es sein wie so oft: Der Mensch merkt erst dann, was er verloren hat, wenn es zu spät ist. Erst wenn der christliche Sonntag mit seiner Arbeitsruhe endgültig passé ist, werden wir gewahr werden, welch hohes Gut wir da ohne Not aufgegeben haben. Ohne christlichen Sonntag gibt es nur mehr Werktage!


Persönlich entgegensteuern


Darum sollten wir als Christen dieser Tendenz so gut es geht entgegensteuern und persönlich alles tun für eine gelebte Sonntagskultur, damit der Sonntag für uns jener besondere Tag der Woche bleibt, unser wöchentlicher Feiertag.

Gelebte Sonntagskultur:

ein Tag, der uns aufatmen lässt,

ein Tag, der zum Fest wird,

ein Tag, der uns Orientierung gibt,

ein Tag, der uns Lebenssinn erschließt,

ein Tag, der uns zusammenführt,

ein Tag, der uns aus dem Alltagstrott befreit,

ein Tag, der unsere Sinne öffnet,

ein Tag, der uns zu Gott führt.

Übrigens gibt es nicht nur von der ostfriesischen Band „Torfrock“ ein Lied über gelebte Sonntagskultur. Auch in unser neues Gotteslob hat man ein eigenes Sonntagslied aufgenom­men. Unter der Nummer 103 ist es zu finden. Es fasst in drei Strophen knapp zusammen, was der Sonntag für uns Christen ist, warum wir die­sen Tag hochhalten sollten:

Dieser Tag ist Christus eigen,

und das erste Morgenlicht

will von seinem Leben zeugen,

das die Todesnacht durchbricht.

Wenn wir sein Gedächtnis feiern,

Untergang und Auferstehn,

wird sich unsre Zeit erneuern,

wird er menschlich mit uns gehn.

Segne, Herr, den Tag der Tage,

dass die Welt dein Kommen spürt.

Löse Mühsal, Streit und Plage,

dass für alle Sonntag wird.

 

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