5. Dezember 1896 .... Erinnerungen an die Eisenbahn

Bahn Menachbruecke n

Es gibt keinen "rekordverdächtigen" Mitterfelser (was das Alter anbelangt), der den 5. Dezember 1896 selbst erlebt hätte, einen für Mitterfels wichtigen Tag:

Am 5. Dezember 1896 wurde die Teilstrecke Steinburg - Mitterfels - Konzell-Süd eingeweiht.

 

Erinnerungen an die Eisenbahn von Sigurd Gall: "Abgehängt", "Lok entgleist", "Walz-Geld", "Häberl geh!" und "Steinburger Tegel" ...

von Franz Wartner: "Meine erste Zugfahrt - etwa um 1920" ...

von Therese Schlamminger: "Die wohl sonderbarste Holzfracht"

 

Endlich war es soweit: Am 5. Dezember 1896 erreichte die Bahn Mitterfels.

 

erinner1_an_bahn_wAm 5. Dezember 1896 wurde die Teilstrecke Steinburg - Mitterfels - Konzell-Süd eingeweiht, nachdem der "Eiserne Hund" (so der Mühlhiasl) bereits am 8. Dezember 1895 zum ersten Mal von Straubing kommend über die neue Donaubrücke in den Bahnhof Bogen eingefahren war. Die Strecke von Bogen nach Steinburg war am 16. Mai 1896 feierlich eingeweiht worden. Seltsam, dass von der Eröffnung der schwierigen Strecke nach Mitterfels das Straubinger Tagblatt überhaupt keinen Bericht brachte. Vielleicht war die "General-Direktion" der ständigen Einweihungsfeiern müde.

Nachdem das Mitterfelser Magazin 2/1996 längst vergriffen ist, stellen wir die Artikel über die Bahn aus diesem Jahrband ins Netz.

 

Sigurd Gall: Erinnerungen an die Eisenbahn

Abgehängt

Der Zugbetrieb lief schon einige Jahre, und immer mehr Menschen nutzten die Segnungen des Bahnverkehrs. Das genaue Datum weiß heute niemand mehr, es dürfte kurz nach der Jahrhundertwende gewesen sein. Das „Bayerwald-Bockerl” dampfte wieder einmal von Wiespoint her über die Eisenbahnbrücke und schickte sich an, unter mächtigem Fauchen die Steigung zwischen Brücke und Mitterfelser Bahnhof zu bewältigen. Nach dem Überqueren der Brücke löste sich wie von Geisterhand der letzte Wagen vom übrigen Zug. Zunächst lief er noch durch den Fahrtschwung eine Strecke bergan, doch dann rollte er in die Richtung, aus der er gekommen war, zurück. Wegen des Gefälles zur Brücke hin kam er gut in Fahrt und rollte auf der leicht ansteigenden Strecke in Richtung Wiespoint. Etwa 200 m vor dem Haltepunkt Wiespoint blieb er stehen. Erst jetzt bemerkten die Fahrgäste, dass ihr Wagen allein war. Groß war das Geschrei, dass man „abgehängt” worden war. In Mitterfels hatten Schaffner und Lokführer den „Verlust” bemerkt, und so kam der Zug zurück und holte den „verlorenen Sohn” wieder. Als der Wagen wieder angehängt wurde, fuhr den Fahrgästen erst so richtig der Schreck in die Glieder. Wäre der Wagen nur 10 m weiter gerollt, so wäre er in die Gefällstrecke in Richtung Steinburg geraten. Der Wagen wäre nach einigen hundert Metern auf der kurvenreichen Strecke aus dem Gleis geflogen; Tote und Schwerverletzte wären sicher die Folge gewesen.

Lok entgleist

Der Mitterfelser Wanderweg Nr. 5 schlängelt sich von Mitterfels her an der „Goasreibn“ (Geisreibe) über den „Perlbach” und steigt dann hinauf zum jetzigen Rad- und Wanderweg. Viele Jahrzehnte gelangte man an dieser Stelle an die Bahnstrecke Straubing - Cham. Der Weg überquerte hier bei Kilometer  23,9 (ca. 200 m östlich der Bahnbrücke) den Bahnkörper und ging, damals wie heute, weiter über Uttendorf wieder zurück nach Mitterfels. Dieser Bahnübergang bei Kilometer  23,9 erlangte einerseits wegen der drei schweren Unfälle, die sich hier ereigneten, andererseits auch wegen des folgenden Vorfalls eine traurige „Berühmtheit”.

erinner2_an_bahn_wEs dürfte 1930 gewesen sein, genau wissen es selbst Augenzeugen nicht mehr. Wolkenbruchartige Regenfälle waren in einer Nacht niedergegangen. Stundenlang hatte es in Strömen gegossen. Nebelschleier lagen auf dem Land, als die Morgensonne den Dunst durchbrach. Der „Frühzug” aus Straubing dampfte von Wiespoint her auf Mitterfels zu. Bei Kilometer  23,9 schreckte ein Krachen, Knirschen und Gerumpel die Fahrgäste auf. Was war geschehen? Die Lok und der erste Wagen waren entgleist und ratterten auf den eisernen Bahnschwellen und dem Schotterbett dahin, bis der ganze Zug beim Kilometerstein 24 zum Stehen kam. Was war die Ursache? Der starke Regen hatte aus dem Hohlweg, der von Uttendorf her zum Bahnübergang führt, derartige Mengen Sand auf den Bahnkörper gespült, dass die Lokomotive aus den Schienen gehoben wurde.

Einige Stunden dauerte es, bis mit Hilfe von Winden die Lok wieder auf das Gleis gesetzt werden konnte. Der Gegenzug von „drinn außa” mußte die ganze Zeit über auf dem Mitterfelser Bahnhof warten, und die Fahrgäste in beiden Zügen erreichten erst mit erheblicher Verspätung ihr Ziel.

Walz-Geld

Gegen Ende und nach dem 2. Weltkrieg hatte die RM (Reichsmark) nur noch sehr geringen Wert. Naturalien waren weit wertvollere Zahlungsmittel. Und die Münzen? Kaum noch einer bückte sich, wenn ein Zehnerl oder gar ein Pfennig zu Boden fiel. Weil auch wir Kinder unsere Fünferl und Zwoaring nicht nutzbringend anlegen konnten, so machten wir uns einen Sport daraus, die Münzen in „Walzgeld” zu verwandeln. Und das ging so: Wir legten die Geldstücke in einer schönen Reihe auf die Schienen und warteten auf den Zug. Gespannt verfolgten wir die Fahrt über die Münzen. War der Zug in sicherer Entfernung, so begutachteten wir das Werk. Einige Geldstücke waren schon nach dem Überrollen durch das erste Rad der Lokomotive vom Gleis gefallen, sie waren nur schwach gewalzt. Gingen aber alle Räder der Lok über die Münzen, so war daraus ein „Pfannakuacha” geworden. Groß war die Enttäuschung, wenn der Zug das Geldstück durch das Überrollen so angewärmt hatte, dass es in die Schiene eingepresst wurde. Ein Geldstück, das aus dem Schienenstrang „herausblickte”, war ein schönes Bild, aber auch ein herber Verlust. Je gleichmäßiger eine Münze ausgewalzt war, desto größer war der „Wert”. Auch diese Erfahrung machten wir: Legten wir das Geldstück in einer Kurve auf die innere Schiene, so wurde es gleichmäßiger und damit schöner ausgewalzt als auf dem äußeren Schienenstrang. Die DM (Deutsche Mark) beendete 1948 die Walz-Geld-Druckerei.

Häberl geh!

Schaut man von Uttendorf in Richtung Buchberg, so treten am Nordhang des Berges drei Häuser, aufgereiht wie auf einer Perlenkette, ins Blickfeld. Das untere und das obere sind Neu- bzw. Umbauten; das mittlere ist dem Verfall nahe und verdient eher die Bezeichnung Hütte. Diese seit vielen Jahren unbewohnte Hütte heißt bei den Einheimischen „Schinderhütte”. In ihr hauste früher der Schinder (Abdecker) mit seiner Familie und einer Ziege. In den zwei kleinen Stuben war nicht genügend Platz für Betten, und so schliefen die kleineren Kinder im „Strahkorb” (Korb, mit dem die Streu in den Stall getragen wurde). Der alte Schinder (Familienname: Fischer) war ein Original, stets zu Späßen und derben Possen aufgelegt. Dies bekamen auch die „Bahnerer” zu spüren.

Die Bahnstrecke vom Bahnhof Steinburg bis Wiespoint war eine einzige Steigung, die längste (3 km)  und höchste auf der gesamten Bahnlinie zwischen Straubing und Cham. Auf dieser Steigung kam die Dampflok nur sehr langsam voran. Gelegentlich ging der „Lok auch der Dampf aus”, dann blieb der Zug eben stehen. Dunkler Rauch aus dem Schornstein der Lok zeigte den Fahrgästen, dass der Heizer kräftig „nachlegte”, um  im Dampfkessel wieder genügend Energie für die Weiterfahrt anzusammeln. Gerade an den Sonntagen, wenn der Zug „voll” war, kam es des öfteren vor, dass der Zug nach dem Verlassen des Steinburger Bahnhofs schon nach einigen hundert Metern wieder den Rückweg antrat. Eine zweite Lok wurde aus Straubing herbeigerufen. Der Zug fuhr dann etwas rückwärts in Richtung Hunderdorf, nahm „Anlauf”, und mit vereinten Kräften zogen und schoben die beiden Lokomotiven die Wägen bergan zum Haltepunkt Wiespoint.

Folgendes soll sogar vorgekommen sein: Ein Fahrgast stand auf der Plattform des ersten Wagens. Da sah er am Bahndamm eine wunderschöne Rotkappe. Er sprang ab, pflückte den Schwammerl und schwang sich beim letzten Wagen wieder auf das Trittbrett. Seitdem machte über die Bayerwald-Bahn die Redensart die Runde: „Dieser Zug ist so schnell, dass man während der Fahrt sogar Schwammerl brocken kann.”

Den Gipfel an Verspottung leistete sich da der Schinder von Uttendorf. Als sich der Zug wieder einmal äußerst langsam von Steinburg nach Wiespoint heraufquälte, sprang der Schinder ab und rupfte ein Büschel Gras ab. Mit dem Grasbüschel in der Hand lief er vor der Lokomotive her, streckte ihr das Büschel entgegen und rief: „Häberl (Ziege) komm, Häberl geh!”

Der Richter schickte den Schinder wegen Verkehrsgefährdung und Eingriff in den Bahnverkehr für einige Zeit ins Mitterfelser Gefängnis.

Steinburger Tegel

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Ein weiteres wichtiges Massengut, das mit der Bahn schnell, zuverlässig und günstig transportiert werden konnte, war Tegel. Ganz in der Nähe des Steinburger Bahnhofes bauten die Dachziegelwerke Jungmeier aus Straubing diesen wichtigen Bodenschatz im Tagebau ab. Tegel wurde dem Lehm beigemischt; das Rohmaterial für die Dachziegel wurde dadurch fester und dichter und die Bruchsicherheit der Ziegel erheblich verbessert. In den Anfangsjahren der Grube waren Abbau und Verladen reine Handarbeit. Später erfolgten Abbau und Verladung auf die Loren maschinell. Die Trasse, auf der die Kleinbahn die blau-grauen Tegelbrocken zur Verladestation beförderte, ist heute mit Wald überwachsen aber doch noch zu erkennen. Am Bahnhof schob die Lok die Kipploren auf ein spezielles Gerüst; hier wurde der Inhalt dann in offene Güterwagen gekippt.

Franz Wartner: Meine erste Zugfahrt - etwa um 1920

Wenn in Buchet, der Heimat meiner Mutter, die großen Herzkirschen reiften, kam jedes Jahr eine Postkarte und tat davon Kunde. Und für Mutter kam, mit der Fahrt dorthin, ein glücklicher Tag, weil sie wieder ein paar Stunden „daheim” war. Dann war auch das geflochtene Tragkörbl gefüllt, und es reichte für Kirschreinmus und Maultaschen, und zum Frisch-Essen blieb auch noch genug. - Mutter nahm gerne auch eins der Bübl mit, und so lernten wir von früh an, was „Froidschaft” ist.

Ich mag fünf, sechs Jahre gewesen sein, da traute mir die Mutter erstmals zu, dass ich die beiden Fußstrecken schaffen werde: vom unteren Scheibelsgrub zum Bahnhof Mitterfels, und von Haselbach zum hochgelegenen Buchet. Für mich war das nicht die Hauptsache; sie war vielmehr: zum ersten Mal einen Zug sehen und damit fahren! - Dass ein Zug raucht und faucht, hatten mir schon die größeren Brüder erzählt - aber nichts von der (vorgeschriebenen) Pfeif-Zeremonie, weil am Bahnhof ein Gegenzug hinter der Waldecker Bahnbrücke lauerte.

Wir stiegen ein in unser „Vierter Klasse”, und ich bekam einen Platz am Fenster. Aber das musste zu bleiben, dass mir der Wind kein Rußkörnl ins Auge treibt oder mir das Hütl davon reißt. - Erst ging’s auch nicht schneller als auf dem Graswagl mit dem Scheckl vornedran. Aber bald sausten wir durch’s Rogendorfer Holz, schneller als ein Rehbock springen kann. Und auf einmal sagte ich zur Mutter: „Die Telegraphenstangen” - die kannte ich schon von Scheibelsgrub her - „fliegen alle z’ruckaus!” - „Und die Telephondräht’ geh’n allweil auf und nieder!” Und so habe ich zum ersten Mal das „Tempo” erfahren.

Doch in Haselbach war alles viel zu schnell vorbei. Das „Bockerl” hielt - wir stiegen aus - und Mutter zeigte mir, weit oben am Waldberg, ihr Heimathaus.   

 

Therese Schlamminger, Uttendorf: Die wohl sonderbarste Holzfracht

Das Bayerwald-Bockerl fauchte erst einige Jahre in den Vorwald, und der Personen- und Güterverkehr nahm ständig zu. Grubenholz für die Bergwerke im Ruhrgebiet war ein wichtiges Frachtgut, das durch die Bahn aus dem „Wald” geholt wurde und in umgekehrter Richtung Geld in den „Wald” brachte. Die wohl sonderbarste Holzfracht ging ca. 1903 vom Steinburger Bahnhof ab. In Wasenberg war eine riesige Tanne gefällt worden. Der Stamm war bis in große Höhe hinauf astfrei; erst dann überragte der Gipfel in über 40 m Höhe die Nachbarbäume. War das Fällen eines solchen Riesen schon keine Kleinigkeit, so brachte der Transport des 32 m langen Nutzstammes zum Bahnhof das ganze Dorf auf die Beine. Die Schulkinder hatten sich „schulfrei” genommen, um die Verladung auf dem Bahnhof zu verfolgen. Der kerzengerade und sich nur langsam nach oben verjüngende Stamm trat seine Reise an die Nordseeküste an, um als Schiffsmast weite Meere und ferne Länder zu „sehen”.

 

Aus: Mitterfelser Magazin 2/1996

 

 

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