„Die Welt wird allerweil narrischer!“

Fiktives TagebuchIllustrationen aus Fendl: „Die Geschichte Schwarzachs im Zeitraffer"

Die Ge­schich­te Schwarz­achs im Zeit­raf­fer ei­nes fik­ti­ven Ta­ge­buchs

Josef Fendl, mehrfach preisgekrönter Mundartautor aus Neutraubling (Landkreis Regensburg), hat eine Ortschronik der besonderen Art verfasst: „Die Geschichte Schwarzachs im Zeitraffer eines fiktiven Tagebuchs“. Fendl, geboren und aufgewachsen in Schwarzach, versetzt sich darin in die Lage eines Bauern aus dem Vorderen Bayerischen Wald und schildert in 50 kleinen Kapiteln Orts- und Weltgeschichte aus dessen Sicht. Im Folgenden einige Auszüge daraus:

Gesch Schwarzachs1In der neuen Badstube in Perasdorf treten Spielleute auf.

22. Juni 1515 Die Welt wird allerweil narrischer! Laufen jetzt die jungen Leute an den Feiertagen in hellen Scharen Perasdorf zu, wo das Kloster Windberg eine Badstube unterhält. Eine Badstube! Wozu? In unserer Zeit ist man nie so dreckig gewesen, dass man sich hätte baden müssen! Und wenn schon, dann hat man sich einfach in den Regen hinausgestellt, wenn es wieder einmal richtig geduscht hat. Sollen aber in besagter Badstube auch allerhand Spielleut auftreten und soll sonst noch ein ziemlicher Spektakel sein. Unsereins tät sich Sünden fürchten, aber die jungen Leut haben heutzutag keinen Schamerer mehr. Noch mehr wundert’s mich aber, dass der Abt Sigmund das zulässt. Es wird halt viel Bier umgesetzt, Windberger Bier, und was übrig bleibt, kann er gut gebrauchen. Soll ihm aber unser Herr einen geharnischten Brief geschrieben haben, dem Herrn Abt, weil er jetzt auch angefangen hat, Bier zu sieden. Scheint ein einträgliches Geschäft zu sein, das sich der Unsrige nicht nehmen lassen will. Recht hat er!

12. März 1518 „Bauer, bleib bei deinem Gänswein!“, hätt mein Vater selig gesagt, wenn er noch erlebt hätt, dass die Herren in Schwarzach ein extra Bräuhaus bauen. Denn Bier ist nichts für unsereinen, ist ein Trunk für die Herren. Die können sich’s leisten, dass sie müde werden untertags oder in der Nacht. Wir müssen wieder früh heraus! Sagt Martl, dem Bräuknecht, dass der Degenberger versucht, das alleinig Recht zu bekommen, im Wald Weißbier brauen und vertreiben zu dürfen. Wollen’s aber die Deggendorfer nicht leiden. Schwören jetzt die meisten auf dieses Bier und loben es über den Schellnkönig. Vor allem die wittelsbachischen Herren in München glauben, dass die Schwarzacher das Beste brauen im ganzen Herzogtum. Müssen es ihnen deshalb die Degenberger überallhin nachfahren. Andere wieder sagen, das Weißbier wär ein furchtbares Gesöff, das einem nur den Bauch auftreibt und das Ingräusch durcheinanderbringt. Probiert hab ich es schon einmal. Muss man vor allem sehen, dass die angesammelte Luft wieder irgendwo hinauskann, entweder oben oder unten. 5. März 1520 Erzählt man sich seit einiger Zeit gar seltsame Dinge von unserem Herrn Hannsen, das heißt weniger von ihm als von seinem Eheweib Magdalena. Soll eine Tochter sein des festen Ritters Johann von Aichberg und der Gräfin von Öttingen und hat ihm nicht nur ihr elterliches Schloss Hals hinter Passau mit in die Ehe gebracht, sondern ihm auch vier Kinder geboren, heißen Hans, Georg, Sigmund und Margret. Muss aber dann zu einem großen Zerwürfnis gekommen sein zwischen den Eheleuten, denn Herr Hans hat sie in seiner Burg Weißenstein auf dem Pfahl eingesperrt; andere sagen sogar eingemauert. Alte Weiber wollen wissen, sie hätt einige ihrer Kinder umbringen lassen. Kann es aber nicht recht glauben. Alte Weiber erzählen viel, wenn der Tag lang ist. Ist ihnen keine Geschichte zu blutrünstig, wenn sie in diesem langen Winter in der Nacht am Spinnrad sitzen ...

19. Oktober 1590 Es heißt allgemein, dass wir unseren Herrn Pfarrer nicht mehr allzu lange haben werden. Der Herr Sigmund ist nämlich nur bischöflichen Administration nach Regensburg gereist und hat ein Memorial mitgenommen, wie man sagt, darinnen sind 21 Punkte aufgeführt, die zeigen, was das für ein Grobian ist, unser Pfarrer – seine heilige Weihe natürlich ausgenommen (wenn er überhaupt eine hat). Die Domherren sind alle faule Polsterhund, hat er gesagt, und der Herr Weihbischof ist ein Narr. Einmal hat er, als man während der Messe zum Opfer gegangen, das Weib des Leonhard Kheilhofer am Altar angespieben, eine Hur geheißen und gesagt, sie soll ihm aus dem Gesicht gehen. Und beim letzten Kirta in Einfürst hat er sogar die adeligen Fräulein vom Degenberg und andere Jungfrauen öffentlich Hurn geheißen. Dabei hat er selber, wie seine Haushälterin eidlich bezeugen kann, sein Schlafbett in der Kammer für seine Enkeltochter und ihre Burschen hergegeben. Am letzten Weihnachtstag hat er während der Christvesper mit einem Tannenbäumel auf die unruhigen Kinder eingeschlagen und tausend Sakra geflucht, so wie damals, als er auf einem Versehgang mit dem Allerheiligsten beim Bräuhaus in den Dreck gefallen ist. Der Herr verzeih es ihm!

Gesch Schwarzachs2Anfang des 17. Jahrhunderts wütete vielerorts die Pest.

9. Oktober 1623 Grassiert jetzt, wie man hört, an mehreren Orten eine Pestilentzisch Seuch. Müssen deshalb seit einiger Zeit alle Fuhrleut eidlich versichern, dass sie an keinem sterbenden Ort gewesen. Ist neulich ein Karrner mit einer großen Fuhre Hopfen aus dem Böhmischen hier ankommen und hat Stein und Bein geschworen, dass er mit keinen verdächtigen Personen Gemeinschaft gehabt, auch nicht mit ihnen gegessen oder getrunken hat. Hat der Mann im Bräuhaus noch geholfen, den Hopfen abzuladen, ist ihm aber dabei zum Speiben schlecht geworden. Hat dann angegeben, dass er in Bogen ein Känndl Wein getrunken hat, das verdorben gewesen sein muss. Hat aber dieser Karrner anderntags nicht aufstehen können und mehrere Zeichen am Körper gehabt. Daraufhin hat ihn der Pfleger aus dem Ort schaffen lassen, in einen leeren Stadel, wo er über Nacht an der bösen Krankheit gestorben ist. Haben zwei Totengräber den Leichnam an Ort und Stelle verscharrt. Sollen sich, wie die Leut unter der Hand erzählen, einige Schwarzacher Herrschaften mit einem Ölberg versprochen haben, wenn sie nicht angesteckt worden.

Gesch Schwarzachs3Geschichte und Geschichten aus dem Wald werden thematisiert.

30. Juli 1627 Kann mich noch recht gut erinnern, wie vor über zwanzig Jahren das ungefähr siebenjährige Annerl unseres Nachbarn verschwunden gewesen ist. Kein Mensch hat gewusst, wie und wo. Seine älteren Brüder haben es überall gesucht und nirgends gefunden. Ist ihnen auf einmal der Gedanke gekommen, es könnte in den Brunnen gefallen sein. Da haben sie es dann auch liegen sehen. Hat sich aber nicht mehr gerührt. Mein Weib hat ihnen geraten, sie sollten das Annerl mit einer wächsernen Figur in seinem Gewicht der heiligen Muttergottes auf dem Bogenberg versprechen. Das haben sie auch getan und sofort hat das Dirndl die Augen aufgeschlagen. Aber sein Vater hat nicht erlaubt, das Versprechen einzulösen. Er ist nämlich ein rechter Rouch. Aber jetzt ist die Anna 29 Jahre alt und verheiratet und hat selber ein Kind! Ihr Mann hat nichts dagegen gehabt und deshalb haben sie vor acht Tagen das Gelübde erfüllt und eine 22 Pfund schwere Figur geopfert. Mein Weib ist auch mit zum Bogenberg gegangen. Denn eigentlich ist sie an allem schuld.

9. April 1634 Was sind doch das jetzt für blutrünstige Zeiten! Am Sonntag hat der Pfarrer – wir haben jetzt einen Windberger Pater, weil sich sonst keiner hertraut! – in der Predigt erzählt, was in seinem Kloster passiert ist. Da haben die Mordbuben einen Pater während des Unterrichts in der Schulstube umgebracht, einem andern haben sie den Schwedischen Trank eingeflößt, wie sie den Odel aus der Mistlacke nennen, und sind dann die ganze Zeit auf seinem Bauch herumgesprungen, dass ihm der braune Saft vorn und hinten heraus ist. Der Arme ist am nächsten Tag unter grässlichen Schmerzen gestorben. Noch schlimmer hat das Kriegsvolk in Oberaltaich gehaust. Dem Klosterschmied haben sie erst beide Ohren abgeschnitten und dann den Kopf auf den Amboss gelegt und mit einem großen Hammer draufgedroschen. Den Bruder Pförtner haben sie mit der Zimmermannsaxt erschlagen, den Gesindekoch totgeprügelt, den Klosterboten aufgehängt. Aber wenigstens einer von den Schweden hat seinen Frevel mit dem Leben bezahlt. Er hat vom Kirchturm heruntergebrunzt und dabei das Gleichgewicht verloren ...

*** Aus Josef Fendl: Die Geschichte Schwarzachs im Zeitraffer eines fiktiven Tagebuchs, Sonderdruck aus dem Straubinger Kalender 2003. Im Vorwort verweist Fendl darauf, dass er sich mit Sonderdruck beim Gemeinderat von Schwarzach für die Verleihung des „Silbernen Degenbergers“ am 23. November 2002 bedanke.

Quelle: Josef Fendl/BOG Zeitung vom 21. August 2017 (Zeitversetzte Übernahme aufgrund einer 14-tägigen Sperrfrist.)

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