Erntedankfest - heute nur noch religiöse Folklore?

Erntedank01 2020 in Haselbach

Erntedankfest 2020 in der Pfarrkirche von Haselbach - Fotos: Franz Tosch

Erntedank mit einer kleinen Fotostrecke von 2020

und einer Predigt aus unserem Archiv von 2013 von Pater Dominik OPraem am Erntedankfest 2013 in der Pfarreiengemeinschaft Mitterfels-Haselbach

Einführende Worte

An diesem Sonntag bieten die Altäre in unseren Kirchen über die Kunstwerke und Kirchenschätze in ihnen hinaus einen besonderen Augenschmaus. Wir sehen Früchte der Erde, Getreideähren und Weintrauben davor ausgebreitet. Sie sind Zeichen für unseren Dank an Gott, dass er auch dieses Jahr Wachstum und Gedeihen geschenkt hat, so dass wir genug zum Leben haben. Am Erntedankfest stehen die Früchte im Mittelpunkt. Dieser Festtag macht uns den Unterschied bewusst zwischen Frucht und Erfolg. Der Erfolg ist die Leistung des Menschen, Früchte aber brauchen den Segen des Himmels. Wer nicht nur den Erfolg eigener Leistung einfährt, sondern Früchte erntet, der wird ein dankbarer Mensch sein. Der weiß, dass nicht alles aus eigener Kraft machbar ist, sondern dass wir im Leben von Gott wunderbar beschenkt sind. So wollen wir mit dankbarem Herzen diese Erntegaben segnen und Gott damit die Ehre erweisen.

  • Erntedank01_2020_in_Haselbach
  • Erntedank02_2020_in_Haselbach_-_mit_Abstand_in_Corona-Zeiten
  • Erntedank03_2020_in_Haselbach_-_Prof_Hausberger_segnet_die_Fruechte_der_Erde
  • Erntedank04_2020_in_der_Weissen_Marter-Sankt_Englmar
  • Erntedank05_2013_in_Mitterfels
  • Erntedank06__in_Mitterfels

Predigt

Noch mehr als sonst werden heute in der Kirche beim Gottesdienst alle unsere Sinne angesprochen. Vielleicht haben Sie es sofort beim Hereinkommen in die Kirche gerochen: diesen Duft nach reifen Früchten; nach Äpfeln und Kraut. Und spätestens beim Blick zum Altar gehen einem die Augen über vor der Vielfalt an Farben und Formen, die da ausgebreitet ist. Erntedank, das ist ein Fest für die Sinne. Da stellen wir die Früchte des Feldes, Obst und Gemüse aus dem Garten, Blumen und Kräuter, Brot und Wein vor den Altar. Und natürlich werden dafür die prächtigsten und schönsten Exemplare davon ausgewählt, auf Hochglanz poliert, dass die Farben nur so leuchten, das Korn zu einer prächtigen Erntekrone gebunden. Eine Pracht ist das heute in vielen Kirchen, dass einem dabei das Herz aufgeht.


Erntedank - ein willkommener, farbenfroher Anlass - aber eher religiöse Folklore?


Aber, liebe Schwestern und Brüder, irgendwie werde ich den Verdacht nicht ganz los, dass der Erntedanksonntag in unseren Breiten zwar immer noch ein willkommener, farbenfroher Anlass ist, aber eher als so etwas wie religiöse Folklore. Eine wirkliche Herzensangelegenheit, dass sich da tatsächlich ein tief im Herzen empfundener Dank Ausdruck verschafft darüber, dass die Erde in diesem Jahr genug wachsen hat lassen, so dass wir gut über den Winter kommen werden und im neuen Jahr keinen Mangel an Lebensmitteln werden leiden müssen, so richtig von innen heraus, mit einem echten Gefühl der Erleichterung und Dankbarkeit – weil es ja auch anders hätte kommen können -, scheint mir das bei den allermeisten nicht zu sein.

Denn so unmittelbar abhängig vom Wachstum auf unseren Feldern erleben wir uns doch nicht. Wir holen unsere Lebensmittel aus dem Supermarkt. Was bei uns nicht wächst, das kaufen wir halt von woanders her. Und wenn die Wetterbedingungen, wie in diesem Jahr, schwierig waren und manches nicht recht oder nicht so reichlich wachsen wollte, deshalb müssen wir uns um unser Essen noch lange keine ernsthaften Sorgen machen. Allenfalls müssen wir für den Salat oder das Obst halt ein paar Cent mehr bezahlen.

Der Bauer von früher, und mit ihm alle anderen, sie waren direkt abhängig von der Natur, und haben das ganz unmittelbar erlebt. Der Bauer hat alles selber gemacht: Aussaat und Ernte, Korn mahlen, Brot backen. Seine Arbeit kannte er genau. Aber dass die Sonne scheint, dass der Wind weht und dass es regnet, genau so viel wie nötig, aber auch nicht zu viel, das konnte er nicht machen. Dass die Natur alles gab, was für die Ernte nötig war, das hat er Gott zugeschrieben. Dafür war er Gott dankbar. Das war sein tief empfundener Erntedank.

Diese unmittelbare Abhängigkeit von der Natur erleben wir heute nicht mehr so wie früher. Wir können die Felder bewässern, wenn es zu wenig regnet. Wir können Getreidesorten züchten, die widerstandsfähiger sind. Und wenn die Ernte bei uns in einem Jahr nicht so reich ausfällt, dann kaufen wir das in unserer globalisierten Weltwirtschaft eben von woanders her. Weil wir diese Unmittelbarkeit zum Wachstum auf unseren Feldern verloren haben, deshalb berührt uns wohl auch der Erntedanksonntag nicht mehr so wie frühere Generationen. Er ist zwar ein schöner Brauch, aber nicht existentiell.

Dabei, liebe Gemeinde, wenn wir es recht besehen, sind wir, was unsere Ernährung anbelangt, heute noch viel abhängiger als der Bauer von früher. Nicht nur von der Natur – dass überhaupt etwas wächst; was kein Mensch selber machen kann, sondern im Letzten immer Gabe Gottes ist -, sondern in noch nie gekanntem Ausmaß auch abhängig voneinander.

Dass wir heute unsere Nahrungsmittel im Supermarkt kaufen können, daran sind in unserer arbeitsteiligen Wirtschaft hunderte Menschen beteiligt. Ein Schritt muss genau in den anderen greifen. Viele Menschen müssen zuverlässig ihre Arbeit tun. Darum ist an Erntedank vielleicht sogar mehr und noch tiefer empfundener Dank angesagt als früher.

Wir haben nicht nur Gott zu danken für seine Schöpfung, die er so klug eingerichtet hat, dass wir gut von ihr leben können. Wir haben auch einander zu danken. Dafür, dass jeder seine Arbeit tut in dieser langen Kette vom Feld bis zum Supermarkt. Manchmal denke ich, es ist ein Wunder, dass all diese Abläufe so zuverlässig klappen, damit jeden Tag Lebensmittel ins Supermarktregal kommen – auch bei Glatteis, Stau, Streik oder Stromausfall. Es ist ein Wunder, dass unsere so komplizierte Gesellschaft so gut funktioniert. Alle, die daran beteiligt sind, verdienen unseren Dank.


Stimmt am Ende doch die sozialistische Parole aus DDR-Zeiten: "Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein"?


Und wo bleibt dann Gott? Stimmt am Ende doch die sozialistische Parole aus DDR-Zeiten: „Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein"? Das hieße zu vergessen, dass bei allem Staunen über menschliches Produzieren und Organisieren, dass es im Letzten doch Gott ist, der auf dieser Erde Leben hervorbringt und überhaupt etwas wachsen lässt. Das kann kein Mensch machen. Darum hat der DDR-Pfarrer Oskar Brüsewitz diese Parole auch entsprechend umgedichtet zu: „Ohne Sonne, ohne Gott, geht die ganze Welt bankrott."


DDR-Pfarrer hat die Parole umgedichtet: "Ohne Sonne, ohne Gott geht die ganze Welt bankrott."


Zuallererst haben wir also Gott zu danken, dass er Leben und Wachstum schenkt – immer wieder neu. Und zugleich dürfen wir ihm dafür dankbar sein, dass er uns Menschen so viel Phantasie und Schaffenskraft gegeben hat, eine moderne Gesellschaft zu gestalten, in der das Leben in vielem so gut und angenehm ist. Nicht nur die Natur ist ein Wunder, auch wir Men-schen mit all unseren Gaben und Fähigkeiten sind ein Wunder.
Darum von Herzen: Danke, Gott, dass du Leben, Wachstum und Nahrung schenkst; und danke, Gott, dass du uns Menschen so wunderbar schöpferisch geschaffen hast!

 

BESUCHER

Heute 1059 Gestern 2144 Woche 7399 Monat 5382 Insgesamt 1114749

Back to Top