Architekt Herbert Weny: Gedanken über „Nachhaltiges Bauen“ bei der Einweihung der historischen Hien-Sölde

 

Die Hien-Sölde - ein altes Baudenkmal oder ein topmodernes Gebäude?

Diese provokante Frage stellte Architekt Herbert Weny im Rahmen der Schlüsselübergabe bei der Einweihung der restaurierten historischen Hien-Sölde. Seine (vorweggenommene) Antwort lautete: Beides.

 

Architekt Herbert Weny: Eines der aktuellsten Themen moderner Architekturphilosophie befasst sich mit „Green Building", dem „Grünen = nachhaltigem Bauen". Was ist „grün" - oder: was ist nachhaltig? Sind es immer die visionären Entwürfe oder ist "grüne Architektur" manchmal auch nur eine Marketingstrategie? Es hat sich schon manch angebliche Ökosiedlung als Etikettenschwindel herausgestellt, während Gebäude, die recht konventionell wirken, höchst effizient sind und obendrein von hoher Lebensqualität und nachhaltiger Bauweise zeugen.

Kann "Bauen" überhaupt nachhaltig sein?
Jedes Gebäude versiegelt Boden, jeder Baustellenbetrieb ist die reinste Energieschleuder (Materialanlieferung per Lkw, Einsatz von Kränen, Baggern und anderen Maschinen, Winterheizung an der Baustelle und vieles andere mehr). Das ist aber noch nicht alles. Der hohe Energieverbrauch beim heutigen Bauen beginnt noch einen Schritt davor, also bereits bei der ressourcenintensiven Materialproduktion wie z. B. der Zementherstellung oder bei der ganzen Palette an Dämmstoffen auf Erdölbasis. In jedem Gebäude steckt daher bis zu seiner Fertigstellung eine Unmenge "Grauer Energie", „grau" - weil sie im Produkt versteckt, also nicht sichtbar ist.
Diese graue Energie eines Gebäude, also die Energie, die verbraucht wird, bis das Gebäude steht, kann dem späteren Betriebsenergieverbrauch von über 20 Jahren entsprechen. Der Baubetrieb weltweit ist für 50 % aller CO2-Emissionen verantwortlich.

Und wie lange hält das vor? Wie steht es mit der Nachhaltigkeit?
Nutze ich mein „Passivhaus", bis die Energiebilanz ausgeglichen ist oder sich zumindest mein Paket an Außendämmung amortisiert hat? Grundsätzlich gilt: Je höher der Anteil der technischen Anlagen ist, umso kürzer ist die Lebensdauer eines Gebäudes. Nach 15 - 20 Jahren müssen in der Regel ganze Anlagengruppen wie Heizung, Lüftung ausgetauscht werden. Nach einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 18.11.2013, soll das Uniklinikum Großhadern - gebaut in den 70er - 80er Jahren -komplett abgebrochen werden, eine Sanierung wäre unwirtschaftlich.

Aber nicht nur hoch technisierte Gebäude sind nicht nachhaltig gebaut. Die übliche, durchschnittliche wirtschaftliche Nutzungsdauer von Gebäuden stellt sich wie folgt dar:

Tankstellen, Discounter 10 – 20 Jahre,
Einkaufszentren 30 – 50 Jahre,
Hotels 40 – 60 Jahre,
Schulen/Kindergärten 50 – 80 Jahre,
Einfamilienhäuser 60 – 100 Jahre.

Der übliche Lebenszyklus eines Gebäudes gliedert sich dabei in die Phasen Neubau, Nutzung, Modernisierung, Nutzung, Umbau und Erweiterung, evtl. mit geänderter Nutzung, Leerstand bis zum Abbruch, Abbruch und Beseitigung. Die wirtschaftliche Nutzungsdauer des Gebäudes und die technische Lebensdauer seiner Bauteile stehen dabei in direktem Zusammenhang. Maxime ist: ohne Gewinn kein Erhalt eines Gebäudes.

Bleibt deshalb die Eingangsfrage, was „grüne Architektur" überhaupt ist.

Braucht man zur Beantwortung dieser Frage komplizierte Bewertungssysteme oder „geht's auch eine Nummer kleiner"? Muss es immer mehr technische Raffinesse sein oder reichen passive Ansätze? Einer der passivsten Ansätze wäre einfach, eben nicht sofort abzubrechen sondern nach Möglichkeit wieder und weiter zu verwenden/verwerten, auch wenn es nicht in jedem Detail immer der aktuellen Norm entspricht.

Und damit wäre ich wieder bei der Hien-Sölde, einem Gebäude, das vor rund 570 Jahren errichtet wurde.

Man muss sich diesen Zeitraum einmal historisch vorstellen: Christoph Kolumbus war noch nicht mal geboren, die Agnes Bernauer gerade ertränkt, und hier in der Gegend ging es rau zu: Es war die Zeit der Hussitenkriege. Seit dieser Zeit wird das Gebäude bewohnt. Und es wurde von seinen Bewohnern wieder den aktuellen Bedürfnissen angepasst. Es wurde nicht abgebrochen sondern umgebaut, aufgestockt und erweitert. Die Materialien dazu hatten keine langen Transportwege, sondern fanden sich in der unmittelbaren Umgebung.


 

Die Gesamtenergiebilanz dieses Gebäudes schlägt daher über alle Bauphasen betrachtet jedes moderne Passivhaus um Längen. Die Hien-Sölde ist deshalb nicht nur ein Baudenkmal, sondern auch ein hervorragendes Beispiel ökologisch und ökonomisch nachhaltigen Bauens.


 

Und zum Abschluss noch ein Wort zu der "Grauen Energie", der Energie, die später nicht mehr sichtbar in einem Gebäude steckt.

Die Energie, die die Hien-Sölde gerettet hat, waren die Mitglieder des Fördervereins Freunde der Hien-Sölde. Ich habe diese Energie, und oft auch Akribie der Arbeit bei vielen Baustellenterminen bewundert. Nicht fabulierende Grundsatzreden Außenstehender sondern allein Ihr tatkräftiger, zupackender Einsatz hat die Hien-Sölde gerettet und gibt uns heute die Möglichkeit dieses Gebäude zu bestaunen.

einweihung hien-soelde schluesseluebergabe w

Es folgte die symbolische Schlüsselübergabe durch den Architekten Herbert Weny an die Vorsitzende des Freundeskreises, Maria Birkeneder.

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