Die Mühlfahrt - nur noch Erinnerung

02valentin_xav_wxAb 1876 konnten die Scheibelsgruber und alle Höfe dahinter zur neuen Neumühle fahren; ab 1881 dann auch die Buchberger. Beides ist gewesen noch vor meinem Vater - der ist 1883 geboren. Dennoch hat sich in dem nun folgenden Dreivierteljahrhundert kaum etwas an der Mühlfahrt geändert. Und ließe ich darüber meinen Vater aus seinen Bubentagen berichten, es wäre kaum anders als die eigene Erinnerung aus meinen frühen Jahren.

 

 

Ochs und Einspannkuh waren die treuesten Helfer - ob am Heuwagen, am Pflug, bei der Holzfuhre oder für die Mühlfahrt.

Quelle: Franz Wartner, in: Mitterfelser Magazin 6/2000, Seite 130

 

Da ging es von unserem Scheibelsgruber Gütl aus durch die (verschwundene) „Hackl-Goss’n” den gleichen Weg, den wir auch zu unserem „Toiwe” fuhren, unserer „Talweg”-Wiese mit dem noch heute stehenden, mächtig gewordenen Holzbirnbaum. Von der dortigen kurzen, größtenteils verschwundenen Steilböschung haben wir uns immer Sand heimgeholt. Um den Weg längs unserer Wiese aber hat sich stets der Vater gekümmert: dass vor allem die „O-lejß”, die „Ablässe” für das Wegwasser freigehalten werden, damit der Weg nicht ausgeschwemmt wird.

 

Weiter unten, schon im Holz, habe ich dann immer zum einsam gelegenen Herrnberger Haus geschaut, weil es das Elternhaus unserer Nachbarn war: des „Valentin Xav”, der Rosl und Nannl (den Hausnamen hatten sie von ihrem Vater Valentin Wagner). Von hier weg war der Weg besser ausgebaut, mit einem gleichmäßigen Gefälle bis zur Neumühle.

 

Aus dem Hof hat uns meist ein Hund entgegengebellt - das gehörte einfach zu einem Einödgehöft. Wir aber mussten erst um das Gebäude fahren, vorbei auch am Holzverschlag, aus dem wir das Plätschern des Mühlrads hörten; dann unter der „Wasserbrücke” durch in den Hof und dort nahe heran an die Rampe vor der Mühlentür. So ging das Ab- und Aufladen der Säcke am besten. Drum ließ der Müller einen, der sich nicht daran gehalten hatte, ein zweites Mal um das ganze Gebäude fahren - „damit er’s lernt”!

 

Von der Buchberger Seite her war die Mühlfahrt schwieriger: der Höhenunterschied war größer, der Waldweg nirgendwo befestigt, das Ausweichen selten möglich, dazu kam noch die Spitzkehre nahe dem unteren Ende, die vor allem beim Bergabfahren  Vorsicht verlangte. Der Gall­Vater von Uttendorf hatte sich für diese Waldstrecke seine eigene „Vorsicht” ausgedacht: Er nahm sich zwei Buben mit als „Kundschafter” und „Melder” - den Enkel Sigurd und dessen Freund Santl Hans. Noch oben, über’m Wald, schickte er die Buben voraus. Der eine musste ganz hinunter und schauen, ob da nicht schon ein Buchberger Mühlfahrer wäre, musste diesen entweder aufhalten oder melden; durch Zuruf verständigte er dann den zweiten, oben im Wald Zurückgebliebenen, und der lief bergan zum Gespann. Bei der Rückfahrt machte man es dann umgekehrt.

 

Für Winterfahrten, wenn im Schnee die Wagenbremsen nicht so wirken, hatten sich die Bauern eine zusätzliche Kettenbremse ausgedacht: Um das bergseitige Hinterrad wurde eine, an der „Langwied” befestigte Kette gelegt, die nicht nur bremsen half, sondern den Wagen auch zur Bergseite hinzog; denn gegenüber war’s gefährlich: Da fällt der Hang steil ab zum Buchberger Graben. „Rauh ei’hänga” sagte man dazu. Aber einmal hatte auch das ein Unglück gebracht: Ein Buchberger „Rossbauer” hatte es übersehen, unten bei der Spitzkehre, wo Berg und Steilabfall die Seiten wechseln, auch die Kettenseite zu wechseln. Was nun kam, kann sich jeder denken: Nach wenigen Metern zog es den Wagen zum Abhang hin, und nichts hat ihn mehr aufhalten können, im Gegenteil: Auch die Pferde wurden mitgerissen und rumpelten den Steilhang hinunter. Ein Wunder, dass ihnen nichts passierte. Ein Heraufkommen an dieser Stelle war unmöglich; aber unten, neben dem Bach, war eine schmale Fahrt zu einer Bachwiese, da konnte man alles bergen. - Ein anderer aus Uttendorf hatte einmal die damalige Bohlenbrücke vor der Mühle schlecht angefahren, und der Wagen ist über die Kante abgerutscht. - Einem dritten vom „Seitenberg” sind auf der Scheibelsgruber Zufahrt, weil seine Bremse zu wenig angezogen war, die Öchsl „dummerweise” über die Wegkante in’s steil abfallende „Herrnbergholz” hineingeschoben worden. Aber solche Sachen sind doch die Ausnahme geblieben.

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Zu den Ausnahmen zählt auch, dass an einem Mühlfahrttag ein Gewitter so schnell aufzog, dass man es bei Beginn der Fahrt nicht ahnen konnte. So ist’s einmal auch dem Gall-Vater auf der Heimfahrt passiert. Die zwei Begleiterbuben mussten sich nun auf die Mehlsäcke legen, und über sie breitete der Opa noch eine Plane. So war wenigstens das Mehl gerettet. Daheim stand ihm das Wasser in den Holzschuhen. Doch die erste Sorge galt den beiden Ochsen: Sie wurden trockengerieben, damit sie nicht krank werden. - Auch an der steilen Mühlfahrt stand er seinen Ochsen zur Seite: Bergab passte er die Wagenbremse dem Gefälle an; bergauf ließ er an den „Ablässen” rasten, dass sich seine Arbeitsgefährten entspannen und ausschnaufen konnten. Und wo es besonders steil war, ging er seinen Ochsen vorneweg mit angezogenem Leitseil - für seine Ochsen gleichsam ein Ansporn und „Trost”; denn ohne sie wäre auch die Mühlfahrt nicht möglich gewesen. Auch daran wollen wir denken.

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Ochs und Einspannkuh waren die treuesten Helfer - ob am Heuwagen, am Pflug, bei der Holzfuhre oder für die Mühlfahrt. Abb. links: Unser Nachbar, der „Valentin Xav”, der aus dem Herrnberger Gütl gestammt hat. -  Abb. rechts: Mein 14-jähriger Bruder Ludwig, der noch kurz vor Kriegsende im Osten gefallen ist.

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