Karwochen- und Ostererinnerungen eines Lausbuben

Klaus Bielmeier aus Perasdorf, Kulturreferent des Bayerischen Waldgaus, erzählt:

„In der Karwoche pfeift ma net, Bou!“ Jedes Jahr, aber auch jedes Jahr musste mich meine liebe Großmutter daran erinnern. Eigentlich hätte ich es als kleiner Ministrant seit dem letzten Passionssonntag wissen müssen, da wir der Pfarrerköchin geholfen haben, die „Herrgottn“ in der Kirche violett zu verhängen.

Karwoche. Das heißt auch die „heiligen Geräte“ auf Hochglanz putzen, wobei auf den Jüngsten, mich, das Rauchfassl mit den hundert Schnörkeln trifft. Zuerst aber brechen die Osterferien für uns aus. Um der Palmgerte würdig zu sein, polieren wir Kinder bei der Osterbeichte unsere Seele auf und präsentieren daheim sofort den obligatorischen Beichtzettel als Nachweis, wenn der Herr Pfarrer seinen Sammelbesuch macht.

Bei der „Dod“ hat die Mutter schon die uralte Osterlamperlblechform bestellt, in der dann die feinen Lamperl mit den wunderbaren Schneckerln gebacken werden - zu schade um sie insgeheim schon ein bisserl anzufieseln. Längst hat der Großvater schon eine passende Palmgerte gesucht, für unser Sacherl nicht zu groß. An der Länge der Palmgerte sollte man schon auch die Größe des Anwesens erkennen. Mit Lebens- und Buchsbaum, mit Papierröserln und bunten Kreppbandln verziert, tragen wir Kinder schließlich das häusliche Kunstwerk zur Weihe am Palmsonntag in die Pfarrkirche.

Nur, eingedenk dessen, wie dem Heiligen Florian letztes Jahr hinter einigen Prunkbäumen auf seinem Postamentl schwindlig wurde, steht heuer unser alter Mesner vor dem Portal und kürzt mit einem Sagl die längsten Bäume unbarmherzig zurück. Einige Jahre durfte ich sogar zwei Palmgerten mittragen, denn die Nachbarsbuben waren dem Brauch entwachsen und ich kassierte mit viel „Vergelt's Gott“ dafür oa (in Worten, „ein“) „routs Oa“. Seinerzeit ein Wertobjekt, besonders in der schlechten Zeit, als selbst der Hausierer oft keine Eierfarben in der Buttn hatte. Eine Geduldsprobe, die Passionsgeschichte in „Rollen“ vorgelesen, wenn sich nur die Kronen unserer bändergeschmückten Baamer nicht immer verhagglt hätten, so dass man sie mit einigen Verlusten wieder geräuschvoll entzerren musste. Die restlichen Bandl auf dem Pflaster durften sich danach die Ministranten einheimsen.

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Haselbacher Ministranten beim "Ratschen" in der Karwoche 2014 © ft

Auf dem Sakristeiboden üben wir dann die Holzklappern zu beherrschen, nachdem man uns der Altarschellen enteignet hatte; sogar die Glocken, hieß es, seien „nach Rom geflogen“. Lausbuben freilich glauben nicht alles und so steige ich mit dem Oberministranten (im Besitz der nötigen Schlüssel), durch das Läuthäusl den Turm hinauf in noch nie erreichte Höhen. Die Glockenseile sind noch da, nur die Treppenstaffeln zunehmend voller Fledermaus- und Eulenschiss Die vier Glocken: Alle noch da am Karfreitag! So etwas juckt halt einen Lausbuben - und mit dem Fingernagel kriegt die große Laurentiusglocke einen kleinen „Bing“. Ungeahnt der Schalllöcher im Turm verbreitet sich der „Bing“ aber weit drunten im Dorf. Noch vor unserem Abstieg hören wir: Die Tür zum Läuthäusl ist gegangen. Da heißt es eben warten, bis der gestrenge Mesner heimgeht zur Nachtsuppe. Keine Chance. So ernten wir unten ein paar Strixn um die Wadln mit dem Glockenseil.

Karfreitagsliturgie: alles in Latein. Erst als Lateinschüler erfahre ich, was der Herr Pfarrer bei den großen Fürbitten gesungen hatte: „Flectamus genua“ (Beugen wir die Knie) - Für mich aber drei Jahre lang: Der Fleck muss nach Genua. Darauf der Chor: „Levate!“ (Erhebt euch - er wartet).

Als richtiger Bua hat man sich schon ein wenig geniert zum „Viere-rucka“ auf den Knien, um vorn den Herrgott abzubusseln. Aber nach dem ersten Start erfasst nicht nur die Deandln ein heiliger Ehrgeiz und so rutschen wir den Parcours nicht nur einmal. Der Großvater hat für die „Scheitlweih“ am Karsamstag aus der Palmgerte das Osterscheitl gezimmert, das dann zur Feuerweihe im Osterfeuer gehörig angebrannt wird, um die Weihe mit nach Hause zu bringen.

Osternacht: Der Chor hat sich mit viel „Halleluja“ vorbereitet und zum Gloria jubiliert es: Die Glocken sind wieder da, die Orgel braust und alles Volk darf laut mitsingen - und daheim dürfen die Lausbuben wieder pfeifen. Vergessen sind für uns Ministranten die vielen Dienste der Karwoche, und meine Gedanken sind beim Osteramt schon etwas unandächtig auf dem Weg zu „Dod und Död“, bei prächtigster Buttercremetorte, einem Körbl voller, bei der Speisenweihe geweihter Ostereier und einem goldgelb gebackenem Lamperl mit Siegesfähnchen im Gnack.


Quelle: Bogener Zeitung Osterausgabe 2011

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