Zugehen auf Weihnachten - Zum 4. Adventssonntag

Adventspredigten2016 4

Kein moralinsaurer Aufpasser- und Richter-Gott

Predigt in der Pfarreiengemeinschaft Mitterfels-Haselbach von P. Dominik Daschner OPraem - mit Links zu den Predigten vom 1. bis 3. Adventssonntag

In seinem Buch „Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer“ erzählt Michael Ende eine fantasti­sche Episode. Lukas und Jim Knopf sind in der Wüste und sehen am Horizont einen Riesen. Sie erschrecken und wollen weglaufen. „Bitte lauft nicht fort“, bettelt der Riese, „alle haben Angst vor mir!“ Sie fassen sich ein Herz und bleiben stehen. Und während der Riese näherkommt, geschieht etwas Sonderbares: Er wird immer kleiner. Als er schließlich neben ihnen steht, hat er die Größe eines normalen Menschen. Die beiden schauen ihn verdutzt an. Der Scheinriese erklärt ihnen: Jeder Mensch hat ein Geheimnis, auch ich. Jeder andere, der sich entfernt, wird zum Horizont hin immer kleiner. Bei mir ist es umgekehrt, ich werde im­mer größer. Und er fährt fort: „Je weiter ich entfernt bin, desto größer erscheine ich. Je näher ich komme, desto mehr erkennt man meine wirkliche Gestalt.“


Nicht der moralinsaure Aufpasser- und Richter-Gott


Diese Geschichte, liebe Gemeinde, die könnte auch gut in der Bibel stehen, in der Nähe der Weihnachtserzählung. Denn das feiern wir an Weihnachten: Gott kommt auf uns zu. In Jesus kommt er uns nahe. Damit wir ihn erkennen können, macht er sich klein, nimmt er menschli­che Gestalt an und bekommt ein menschliches Gesicht.

Für viele ist Gott weit weg. Darum erscheint er groß, unnahbar, flößt Angst ein - wie der Scheinreise in Michael Endes Geschichte. So ist vielen Menschen in der Vergangenheit Gott vermittelt worden – leider: der moralinsaure Aufpasser- und Richter-Gott, „der alles sieht, auch was in dunkler Nacht geschieht“, der uns Menschen und unser Tun dauernd kritisch be­äugt, der seine Strichlisten darüber führt, nach denen er später einmal den ewigen Lohn oder ewige Strafen bemessen wird. Und kleine Sünden straft der liebe Gott sofort, wie man so sagt.


Nicht der Gott, der auf jede Sünde lauert und bestraft


Ein Gott, dem man nie ganz gerecht werden kann, vor dem man nie genügt, so sehr man sich auch bemühen mag, weshalb immer ein schlechtes Gewissen zurückbleibt, wo doch bei jeder Kleinigkeit die Sünde lauert. Ein pathologisches Gottesbild. Von „Gottesvergif­tung“ hat der Theologe Tilman Moser deshalb gesprochen, wenn Menschen Gott auf diese Weise nahe­gebracht wurde und sie diese bedrückende, belastende Vorstellung von ihm ihr Leben lang nicht mehr loswerden, dieses Gottesbild ihr ganzes Leben belastet, sie klein macht und nie­derdrückt. Gott als angsteinflößender Riese am Horizont ihres Lebens.


Nein, Gott geht auf uns zu – er verliert alles archaisch Furchteinflößende


Wenn wir Christen in wenigen Tagen das Fest der Menschwerdung Gottes feiern, dann feiern wir, dass Gott dem Menschen nahegekommen ist. In seinem Zugehen auf uns Menschen hat Gott alles archaisch Furchteinflößende verloren, das die Menschen der Vorzeit mit ihm ver­bunden hatten. Gott sei Dank! An Weihnachten ist Gott auf Augenhöhe mit uns Menschen gegangen, hat er sich klein gemacht, damit der Mensch seine wirkliche Gestalt erkennt.


Ein Gott, der uns wohlwollend zugetan ist


Was kennzeichnet diese Gestalt? Was erwartet uns, wenn der kommt, den wir erwarten? Es begegnet uns ein Gott, über den der Apostel Paulus schreibt: „Erschienen ist allen Menschen die Güte und Freundlichkeit unseres Gottes und Retters.“ Ein menschenfreundlicher Gott scheint in Jesus auf, der uns wohlwollend zugetan ist, voller Verständnis für alles, was mit unserem Menschsein verbunden ist, weil er es selbst erlebt, es am eigenen Leib erfahren hat, und liebevoll, ein Gott, der uns Freund sein will. Nichts von angstmachender, bedrohlicher Größe und Ferne.

In seiner Menschenfreundlichkeit schenkt Gott jedoch nicht nur Gutes und Erfreuliches. Er räumt nicht alle Hindernisse für uns aus dem Weg. Darin bleibt auch der menschgewordene Gott für uns ein Geheimnis. Trotz seiner Nähe bleibt Schweres schwer, Bedrängendes bedrän­gend, Notvolles notvoll. Der Gott, der in Jesus aufscheint, bettet uns nicht auf Rosen. Doch wenn wir seine wahre Gestalt erkennen, dann ahnen wir, dass er uns zwar nicht am Leid vorbei­führt, wohl aber durch das Schwere des Lebens hindurch begleitet. Wir dürfen ihn an unse­rer Seite wissen, wenn Schmerz uns bedrängt. Das ist seine Freundlichkeit: gott-mensch­liche Nähe, sein Da-sein bei uns in allem, was ist.


Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir in unserem Zugehen auf Weihnachten jemanden er­warten – einen riesenhaften Helden -, dessen Ankunft alles Schwere aus der Welt und aus unserem Leben fortnimmt, dann werden wir enttäuscht sein. Erwarten wir aber jemanden, der uns Menschen im Schweren dieser Welt- und Erdenzeit nicht allein lässt, sich darin mensch­lich nahe, liebevoll, verstehend und helfend an unsere Seite stellt, dann werden wir beschenkt.


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