Briefe offenbaren Auswanderer-Schicksale von vor 127 Jahren

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„Grandma Huber“, Großmutter Huber, in einer Aufnahme Anfang der 1930er Jahre, hielt sich in Amerika offensichtlich Gänse und Truthähne.

Ein Stück Zeitgeschichte

Therese, eine Schwester meiner Urgroßmutter Maria Schiller, ist 1888 mit ihrer Familie nach Amerika ausgewandert. Aus Erzählungen meiner Mutter war bekannt, dass Verwandte in Amerika leben. Diese haben in der schwierigen Nachkriegszeit Hilfspakete geschickt und so die Not ihrer weit entfernt lebenden Angehörigen gelindert. In den 1950er Jahren ist der Kontakt abgerissen. Fast 60 Jahre lang wusste man nichts mehr voneinander – bis am 7. Juli 2013 eine E-Mail im Rathaus von Wörth und dann bei unserer Familie ankam. Eine gewisse Kim Knight suchte die Nachfahren der Maria Schiller aus Kiefenholz. Eine aufregende Ahnenforschung brachte Licht in die Familiengeschichte.

Auswandererbriefe1 019 BOG ZTG 00 060317„Grandma Huber“, Großmutter Huber, ist in Amerika offensichtlich stolz auf ihre prächtige Gans.

Zweieinhalb Jahre hatte Kim Knight schon Ahnenforschung betrieben, bevor sie über einen deutschen Genealogen nach den Schiller-Nachfahren suchen ließ. Er wurde schnell fündig, waren doch einige von ihnen in der Nähe wohnhaft. Kim stellte sich und ihr Anliegen in der Mail an die Gemeinde vor.

Bei einer Cousine von Kim Knight wurde ein Bündel mit Briefen aus der deutschen Heimat ihrer Urgroßmutter gefunden. Es ist zunächst der Schriftverkehr zwischen den zwei Schwestern Therese und Maria, später zwischen der Familie des Cousins und dessen Cousine Sophie in Amerika.

Der allererste Brief ist von der Mutter an ihre Tochter. Er stammt vom März 1890 und ist die Antwort auf das erste Lebenszeichen, das sie von ihrer Tochter seit der Abreise im September 1888 bekommen hat. Über 125 Jahre wurde er aufbewahrt!

Zunächst aber ein Rückblick auf die Familiengeschichte: Die Schwestern waren die Kinder von Johann Baptist Kulzer, geboren 1836, gestorben 1926, und Anna Maria Kulzer, geborene Listl (1843 bis 1920). Im Jahr 1862 wurde das erste Kind, Therese, geboren. Das Paar war allerdings nicht verheiratet. Therese war also ein lediges Kind und bekam den Familiennamen der Mutter: Listl. Erst im November 1869 heirateten die Eltern des Kindes. Therese war da schon sieben Jahre alt und hieß erst ab dann Kulzer.

In der Kulzer-Familie wurden weitere acht Kinder geboren, von denen aber fünf im Kindesalter verstarben. Die lebenden Geschwister von Therese waren Johann (geboren 1872), Maria (1875) und Ferdinand (1882). 1873 kauften die Eltern Kulzer ein Anwesen in Irnkofen bei Aufhausen im Landkreis Regensburg.

Am 10. November 1884 heiratete Therese Kulzer in Wiesent Franz Xaver Huber, der in Hadersbach geboren wurde. Sie wohnten dann auch in Wiesent. Innerhalb von drei Jahren wurden in der Ehe drei Kinder geboren: Anna (1885), Franz (1886) und Sophie (1888). Wahrscheinlich war es eine sehr schwierige Zeit, die die Familie und viele andere in Deutschland durchmachen mussten. Anders lässt es sich nicht erklären, dass ein Vater die Frau mit drei kleinen Kindern verlässt und in das unbekannte Amerika fährt. Die Hoffnung auf bessere Lebensbedingungen dort überwog.

Auswandererbriefe4 019 BOG ZTG 00 060317Anna Maria Kulzer – hier neben ihrem Gatten Johann Baptist – hat ihrer Tochter Therese nach Amerika geschrieben.

Franz Xaver Huber ging in Bremen an Bord eines Dampfschiffes und kam am 18. April 1888 in New York City an. Fünf Monate später folgte ihm seine Frau mit den drei Kleinen. Sophie, die Jüngste, war damals gerade acht Monate alt. Sie siedelten sich in Niles Center im Bundesstaat Illinois an und lebten als Gemüsebauern. Ihre Erträge verkauften sie in Chicago. Später wurden noch sieben Kinder geboren, von denen drei als Säuglinge starben.

Die Briefe, die aus Amerika nach Deutschland geschickt wurden, sind leider nicht mehr vorhanden, die Briefe, die Maria Schiller aus Kiefenholz an ihre Schwester Therese oder nach deren Tod an ihre Nichte Sophie schrieb, schon. Sie stammen aus den Jahren 1922 bis 1952. Maria Schiller schildert darin ihren Alltag, das Wetter und die Arbeiten in der Landwirtschaft. Sie berichtet von Missernten, Wetterextremen, Inflation, von freudigen Ereignissen oder Todesfällen.

Da wurden im September schöne Grüße ausgerichtet, die man beim Josefi-Markt im März in Wiesent von den früheren Nachbarn aufgetragen bekam. Es sind einfache Briefe, die allerdings viel aussagen. Es ist ein Stück Zeitgeschichte, das in ihnen festgehalten ist.

Quelle: Andrea Völkl/ BOG Zeitung vom 6. März 2017 (Zeitversetzte Übernahme aufgrund einer 14-tägigen Sperrfrist.)

 

„Es hat geheißen, das Schiff sei zugrund gegangen “

Auswandererbriefe3 019 BOG ZTG 00 060317Anna Maria Kulzer hat am 27. März 1890 ihrer Tochter Therese und ihrem Schwiegersohn Xaver in die neue Heimat am anderen Ende des Atlantiks geschrieben. Begonnen hat sie den Brief acht Tage zuvor und mehrmals aktuelle Ereignisse und Einfälle hinzugefügt.

 

Liebe Theres und Xaver!

Deinen Brief haben wir erhalten und darin gelesen, daß ihr gesund seid, wie es mein Wunsch ist. Ich bin alle Tage anders, der Johann ist aber im Krankenhaus, hat ein schlimmes Auge, er war in Riekofen bei Sebastian Gerl in Bruckhof als Unterbaumer (Anmerkung: Knecht).

Liebe Tochter, als wir nun Abschied in Regensburg genommen hatten und du mir so versprochen hast zu schreiben, tu ich dir gleich, zwar du dein Versprechen nicht gehalten hast. So liebe Tochter, denk ich mir, du hast noch kein Mutterherz nicht, du wirst aber noch eines bekommen. Da du mir das Gebet übergeben hast, ich habe unaufhörlich gebetet.

Meine Lieben, das erste Mal hats geheißen, das Schiff sei zugrund gegangen, (...) dann heißt es wieder, dein Mann hat etwas anfangen und hat sich flüchtig machen müssen, dann heißt es, er hat dich verkauft und wieder, ihr seid in einem Erdbeben zugrund gegangen. Ich glaube gar nichts mehr, ich habe es meinem Gott überlassen und du werdest es auch tun.

Liebe Tochter, unser Schuhmacher Joseph ist gestorben zu Weihnachten, die Amann Theres ist gestorben. Maurer, der Mathä Stanglmeier, ist gestorben in Amerika.

Von Wiesent weiß ich sonst nichts, als daß der Alois Schindler einen erstochen hat in Brennberg nachts 11 Uhr, bis morgens 3 Uhr ist er gestorben.

Liebe Tochter, deine Sachen habe ich auch nicht alle bekommen. Die Lerntafel und noch mehreres. Liebe Tochter, da ich nicht mehr mündlich, sondern nur schriftlich mit dir reden kann, so möchte ich doch gerne wissen, wie es mit der Religion aussieht, ob du in eine katholische Kirche kommst und da drin Gott andächtig anbeten kannst, das nun das Wichtigste von allem ist.

Liebe Tochter, wir haben Andachten gehabt zum heiligen Joseph, denn bei uns heißt es immer, eine große Strafe steht uns bevor. Wir haben einen Priester, der schon eine Reise ins heilige Land und auch durch Amerika gemacht hat. Wir haben zwei neugeweihte Priester in Aufhausen, auch in Wiesent ist einer mit Namen Schellmann.

Liebe Tochter, deinen Brief habe ich am 12. März erhalten, ob etwa deine Schwiegermutter nicht mehr lebe, weil da keine Rede ging. Sein Bruder hat uns schon oft gefragt, ob ihr noch nicht geschrieben habt.

Liebe Tochter, das Gefrage geht immer, ob du noch nicht geschrieben hast. Am 24. März ist die Maria Judemann gestorben. Auch mehrere junge Leute, die nicht aus unserem Dorfe sind. So wird es auch mit uns gehen, da wir aus diesem Leben in die Ewigkeit hinüber gehen, ohne daß wir uns nochmal sehen werden.

Aber liebe Tochter, ich hoffe ganz gewiß, daß wir uns im Jenseits wieder sehen, denn die Liebe stirbt nie. Wenn es nun so ist, wie du geschrieben hast, so ist mein verwundetes Herz wieder geheilt, denn die drei Enkel haben mich sehr beschwert, ob du sie gesund zu ihrem Vater brachtest.

Von Loichling sind von zwei Häusern von einem der Mann, vom anderen das Weib fort nach Amerika und sollen 14 Kinder hinterlassen, bei jedem Haus 7. (...) Es grüßt euch Xaver und seine Frau mit denen ich selbst gesprochen habe, auch alle meine Geschwister Anna, Kathl, Helene, Kreszenz, Joseph und Georg. Es grüßt dich Johann und Maria und Ferdinand und Vater. Liebe Tochter, wenn du wieder schreibst, so grüße deinen Vater ein paar Mal öfter, das hat er gleich grant (Anmerkung: bemängelt), daß es immer heißt „Liebe Mutter“. Du weißt es schon selber, wie es sich geziemt.

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