„Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.“

2026 04 06 Emmausgang 1 

Gang nach Emmaus (unbekannt, Diözese Linz/commons)

Predigt an Ostermontag von P. Dominik Daschner OPraem …

… in der Pfarreiengemeinschaft Mitterfels-Haselbach

Der Schriftsteller Franz Kafka hat einmal gesagt: „Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.“ Dieses Zitat passt gut zum heutigen Ostermontag mit seinem Evangelium von den Emmaus­jün­gern, das wir Jahr für Jahr an diesem zweiten Feiertag zu hören bekommen.


Der Weg der beiden Emmausjünger - geprägt von Trauer und Enttäuschung


Dem, was Lukas da erzählt – dass zwei Jünger nach der Katastrophe des Karfreitags enttäuscht aus Jerusalem weggehen und ihnen auf ihrem Weg und schließlich am Abend in Emmaus beim Brotbrechen Jesus als der Auferstandene erscheint -, dem liegt sicher ein reales Geschehen zugrunde. Lukas kann einen Zeugen dafür namentlich benennen: Kleopas. Er hätte sicher auch den Namen des zweiten Emmausjüngers angeben können. Aber er lässt ihn offen, weil er will, dass sich in des­sen Gestalt jeder von uns wiederfinden kann. Denn so wie Lukas das Ganze erzählt, schildert er nicht nur ein historisches Ereignis, sondern berichtet er von einem Glaubensweg, wie wir ihn letztlich alle gehen. Der Weg der beiden Jünger nach Emmaus ist zugleich ein innerer Weg.

Ihr Hinweg ist geprägt von Trauer und Enttäuschung. Sie sind desillusioniert. Der vermeintliche Retter Israels, auf den sie ihre ganze Hoffnung gesetzt hatten, wurde grausam hingerichtet. Als Fragende sind sie unterwegs. Sie können das alles nicht begreifen.


Unterwegs durch unser Leben, durch diese Welt – auch wir können vieles nicht verstehen.


Damit sind uns die beiden sehr nahe. Auch wir sind unterwegs durch unser Leben, durch diese Welt – und können vieles nicht verstehen. Warum ist so viel Krieg und Gewalt in dieser Welt? Warum schaffen wir Menschen es nicht, im anderen einfach den Mitmenschen zu erkennen; mit den gleichen Bedürfnissen wie wir selbst? Stattdessen so viel Gegeneinander, Abgrenzung, Spaltung und Streit! Oder warum werden Menschen, die noch so dringend gebraucht worden wären, von Krankheit in der Mitte ihrer Jahre aus dem Leben gerissen? Fragen über Fragen. Am Anfang jedes Glaubensweges stehen Fragen: die großen Fragen nach Welt und Mensch; dem Woher und Wohin, nach dem Sinn des Lebens.


Unbeantwortete Fragen nach dem Warum des Kreuzestodes Jesu


Mit ihren ungelösten Fragen nach dem Warum des Kreuzestodes Jesu sind die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus. Im Heiligen Land gibt es mehrere Ortschaften, die für sich rekla­mieren, das biblische Emmaus zu sein. Aber es spielt auch keine Rolle, wo genau es lag. Die Entfernung zu Jerusalem, die Lukas angibt – 60 Stadien -, das sind zwischen 15 und 30 Kilo­meter, je nachdem, wie man die Stadien in unsere heutigen Maßeinheiten umrechnet. 15 bis 30 Kilometer durch die Wüste; über Geröll, Stock und Stein. Aber – Gott sei Dank – immer bergab. Denn Jerusalem liegt ganz weit oben in Israel, fast einen Kilometer über dem Meeresspiegel. Zur damaligen Zeit – zu Fuß, bestenfalls mit einem Wanderstock ausgerüstet – werden die bei­den an die vier, fünf Stunden unterwegs gewesen sein. Ein ziemlicher Marsch. Ganz schön anstrengend. Man sieht die beiden Emmausjünger förmlich vor sich, wie sie mit vor Enttäu­schung hängenden Schultern schweigend und grübelnd mehr vor sich hin schlurfen, als dass sie gehen.


Als sich Jesus zu ihnen gesellt, werden aus Enttäuschten Zuhörer, Verstehende …


Doch man hört regelrecht aus dem Text heraus, wie sich ihr Gang ändert, als sich Jesus auf dem Weg zu ihnen gesellt – freilich noch ohne, dass sie ihn erkennen. Aus den Enttäuschten und Fragenden werden Zuhörer. Im Gespräch mit Jesus – unterwegs, über Gott und Welt – erschließt er ihnen den Sinn der Schrift. Im Miteinander-Gehen und -Reden kommt in ihnen buchstäblich etwas in Gang. Ihn ihnen bricht so eine Ahnung auf, dass all das, was sie mit Jesus in den letzten Jahren erlebt hatten, nicht einfach vorbei ist; dass auch sein Sterben am Kreuz doch einen tie­feren Sinn hat. Ein anfanghaftes Verstehen macht sich in ihnen breit, dass Leben und Welt trotz aller ungelösten Fragen Sinn macht und bleibenden Wert hat.


… und dann gehen ihnen die Augen auf: Es gibt Leben, auch durch den Tod …


Und am Abend in Emmaus, beim Brotbrechen, gehen ihnen vollends die Augen auf. In diesem dichten Moment erkennen sie, dass Jesus nicht einfach tot ist, sondern lebt; dass er auf andere, neue Weise weiterhin bei ihnen ist; dass das Leben stärker ist als der Tod; dass es Leben gibt, auch durch den Tod hindurch. Festhalten können sie diesen Moment jedoch nicht. Im selben Augenblick – so erzählt es Lukas – „entschwand er ihren Blicken.“ Gott lässt sich nicht dingfest machen. Wir können keine handfesten Beweise dafür vorlegen; allenfalls Indizien, Hinweise, die sich einem glaubenden Blick auf die Welt erschließen.


… wie verwandelt kehren sie um


Diese Herzenseinsicht, die den beiden Jüngern am Abend in Emmaus beim Brotbrechen ge­schenkt wird, die verändert die beiden total. „Noch in derselben Stunde brachen sie auf…“ heißt es im Evangelium. Den gleichen Weg zurück – über Stock und Stein, im Dunkeln durch die Wüste; mindestens 15 Kilometer, 1000 Höhenmeter, jetzt aber bergauf, hinauf nach Jerusalem. Jetzt lau­fen sie regelrecht zurück. Statt tieftraurig hängender Schultern ist da auf einmal eine wahn­sinnige Energie. Woher haben sie plötzlich diese Kraft? Wie verwandelt sind die zwei.


Der Weg nach Emmaus und zurück – ein Glaubensweg.


Und als sie in Jerusalem ankommen – körperlich ausgepowert, aber mit vollem, überfließendem Herzen – da erzählen sie von ihrem Erlebnis und wie sie Jesus als Auferstandenen erfahren haben. Jetzt sprudelt es regelrecht aus ihnen heraus. Sie teilen ihre gläubige Einsicht mit den anderen Jüngern, die inzwischen offenbar ähn­liche Erfahrungen gemacht hatten. Aus den Fra­genden und Zuhörern vom Anfang sind Erzähler geworden, Verkünder des Glaubens. Der Weg nach Emmaus und zurück – ein Glaubensweg.


Auch unser Weg? Im Hören auf Gott erschließen sich uns Zusammenhänge


Liebe Schwestern und Brüder, ist das nicht auch unser Weg? Mit den großen ungelösten Fragen nach Welt und Mensch gehen wir durchs Leben. Im Hören auf Gottes Wort, im Gespräch mit Jesus – in der Auseinandersetzung mit ihm und seiner Botschaft - können sich uns manche Zusammenhänge erschließen. Manchmal, in dichten Momenten unseres Lebens, wird uns eine Herzenseinsicht in den Sinn des Lebens geschenkt: dass das Leben Sinn macht gegen alle Mächte des Todes. Vielleicht geschieht es auch bei uns beim Brotbrechen, sonntags in der Feier der Eucharistie, durch die Zeichen der Liturgie. Festhalten und beweisen können wir diese Mo­mente der Herzensgewissheit nicht, dass das Leben am Ende siegen wird. Aber sie ver­ändern uns. Und indem wir sie mit anderen teilen, werden wir aus Fragenden und Hörenden zu Erzäh­lern, zu Verkündern des Glaubens für andere.

Das ist der österliche Glaubensweg, auf den der Auferstandene uns alle schickt. „Wege ent­stehen dadurch, dass man sie geht.“

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