Das leere Grab - zuerst ein Schock für die Jünger
Predigt zur Osternacht von P. Dominik Daschner OPraem …
… in der Pfarreiengemeinschaft Mitterfels-Haselbach
„Halleluja, Jesus lebt!“ Christus ist auferstanden. Er ist wieder da. Alles ist wieder gut; alles hell und klar. Ostern. Doch ich muss Sie enttäuschen, liebe Schwestern und Brüder in Christus: Das ist nicht die Osterbotschaft. Jedenfalls nicht die der Evangelien.
Das Grab ist leer: Was für ein Schock!
Nach der Katastrophe des Karfreitags, die seine Jünger erleben mussten, erzählt das Osterevangelium die nächste Krise.
Nach seinem Tod am Kreuz wurde Jesus in aller Schnelle bestattet. Wegen des hereinbrechenden Sabbats war bei seinem Begräbnis nicht möglich gewesen, was normalerweise dazugehört hätte: das Waschen, Salben und Einbalsamieren des Leichnams, das Herrichten des Grabes. Das wollen die Frauen nachholen, nachdem der Sabbat mit seinen Ruhevorschriften endlich vorüber ist. In aller Frühe, bei Tagesanbruch, eilen sie deshalb zum Grab Jesu. Doch sie finden das Grab offen und leer. Was für ein Schock!
Jesus tot ist. Nicht einmal als Toter ist er für die Jünger noch da.
Die Jünger Jesu erleben einen doppelten Verlust. Gleich zweimal haben sie Jesus verloren: auf Golgatha mit seinem Tod am Kreuz und in dem Ereignis, das wir Christen später Ostern nennen werden. Was auf der Schädelstätte geschehen war, das war furchtbar schrecklich – aber vorstellbar. Was an Ostern geschehen ist – das leere Grab, der verschwundene Leichnam Jesu -, das ist für seine Jünger schlimm und völlig rätselhaft. Ein Doppelschlag. Nicht nur, dass Jesus tot ist. Nicht einmal als Toter ist er noch da.
Liebe Gemeinde, wir müssen uns das in unserer freudigen Osterstimmung vielleicht neu vor Augen führen: Ostern war für die Freundinnen und Anhänger Jesu zunächst kein Freudenfest. Kein jubelndes „Halleluja, lasst uns singen…“. Ostern war ein Schock für sie. Alles, was ihnen von Jesus bleibt, ist ein leeres Grab. Nicht einmal ein Grab mit seinem Leichnam drin als Erinnerungsort, wo man hingehen kann, um Jesus irgendwie nahe zu sein. So wie wir an die Gräber unserer Lieben gehen. Nicht einmal das.
An einer Grabstätte, wo die religiöse Gründergestalt begraben liegt, da hätte man einen schönen Wallfahrtsort errichten können mit allem, was dazugehört. Dann hätte man zu Jesu Märtyrergrab pilgern können und dort die Erinnerung an ihn hochhalten. Vielleicht hätte man im Nachhinein sogar klarstellen können, dass sein Tod ein fatales Fehlurteil war und er als Opfer für die gute Sache gestorben ist. Aber nicht mal das. Nur ein leeres Grab.
Und die vage Verheißung, die den Frauen am Grab von himmlischen Boten ausgerichtet wird, dass er von den Toten auferstanden sei – was immer das für sie heißen mochte – und sie ihn in Galiläa sehen würden, ihn als lebendig erfahren würden. Galiläa, das war die Heimat und Lebenswelt seiner Jünger. Da, wo die Jünger hingehören, wo sie arbeiten und ihre Zeit verbringen, wo sie die Lasten ihres Lebens zu bewältigen und zu tragen haben, wo sie Freud und Leid mit ihren Familien und Freuden miteinander teilen, dort würden sie ihn als lebendig und gegenwärtig erfahren. Im Alltag, im alltäglichen Leben ist Jesus als der Auferstandene zu erfahren, so die Verheißung – bis heute.
Das leere Grab: Es wirft mehr Fragen auf, als es Antworten gibt.
Liebe Schwestern und Brüder, ein leeres Grab, eine Gruft ohne Inhalt – das ist der Gründungsort unseres christlichen Glaubens. Der Jesuit Michel de Certeau spricht vom „gründenden Bruch“ am Beginn des Christentums. Der weggewälzte Stein, das aufgebrochene Grab, das einen Spaltbreit nur den Blick freigibt. Ein Spalt, der sich auftut; der mehr Fragen aufwirft, als er Antworten gibt. Ein nicht vorhandener Leichnam - Beweis für gar nichts. Eine Ahnung vielleicht und ein Indiz, ja; deutbar für ein glaubendes Herz, das es fassen und verstehen kann. Der weggewälzte Stein, das offene Grab - nur ein Spaltbreit Hoffnung. Das ist Ostern.
Das offene Grab: ein „Spaltbreit Hoffnung
Leonhard Cohen: "Alles hat irgendwo einen Riss, aber genau das ist der Spalt, durch den das Licht einfällt.“
Von Leonard Cohen, dem kanadischen Dichter und Liedermacher, gibt es ein Lied, in dem das schön eingefangen ist. Der Refrain dieses Liedes lautet auf Deutsch übersetzt: „Alles hat irgendwo einen Riss, aber genau das ist der Spalt, durch den das Licht einfällt.“ Ein wirklich tiefsinniger Satz ist das. Unsere Welt ist brüchig und unvollkommen, das menschliche Leben ist zerbrechlich, vergänglich und in vielem fragwürdig. Der Riss, von dem Leonard Cohen singt, ist Symbol für alles Unvollkommene, Unfertige, für das Schmerzbehaftete, für Zerbrochenes und Zerstörtes im Leben: der Riss einer Krankheit, Wunden, die das Leben reißt, wenn Lebenspläne zerstört werden oder Beziehungen zerbrechen; die Lücken, die der Tod in unserer Mitte reißt.
An Ostern hat auch der Tod einen Riss bekommen
Aber diese Risse in der Fassade unserer Welt sind der Spalt, durch die Gottes Licht in sie hereinfällt; gerade durch sie. Denn an Ostern, durch die Auferstehung Jesu, hat auch der Tod einen Riss bekommen. In seinem Sterben ist Jesus Christus selbst in den Tod hineingegangen und hat ihn für uns von innen her aufgebrochen auf neues Leben hin. Die Osterevangelien fangen das bildlich ein mit dem offenstehenden Grab, mit dem weggewälzten Stein davor.
Mit diesem Hoffnungsstrahl, der aus dem spaltbreit geöffneten Grab Jesu in unser Leben fällt, gehen wir österliche Menschen durchs Leben. Oder haben Sie den Beweis für die Auferstehung gefunden? Was genau im Grab Jesu geschehen ist? Haben Sie Gott gesehen und können ihn beweisen?
Den Sprung in den Glauben an den Auferstandenen wagen und …
Auferstehungserfahrungen, so zeigen es die Ostererzählungen im Neuen Testament, bleiben immer auch Entzugs-Erscheinungen – im buchstäblichen Sinn. Seine Jünger dürfen den Auferstandenen als lebendig erfahren. Er ist leibhaft und greifbar da. Dann aber „sahen sie ihn nicht mehr“, wie es bei den Emmausjüngern heißt. Er ist da, aber er entzieht sich auch. „Halte mich nicht fest!“ wird der Auferstandene zu Maria von Magdala sagen. Festhalten können wir ihn nicht. In der Hand haben wir nichts. Aber die Erfahrung seiner Jünger zeigt, dass der Boden trägt, wenn sie den Sprung über diesen gründenden Bruch wagen, über den österlichen Graben, den Sprung in den Glauben an den Auferstandenen: dass er lebendig ist und auch unser Leben trägt.
Es ist die uralte Glaubenserfahrung, dass Gott nur vorübergehend erkennbar und fassbar ist: im Pessach, dem Vorübergang. Eindrücklich ist es Mose widerfahren, als Gott zu ihm sagt: „Wenn meine Herrlichkeit vorüberzieht, stelle ich dich in den Felsspalt und halte meine Hand über dich, bis ich vorüber bin. Dann ziehe ich meine Hand zurück, und du wirst meinen Rücken sehen. Mein Angesicht kann niemand schauen.“ In der Felsspalte, im gründenden Bruch, macht Mose seine Gotteserfahrung. Geht es uns, liebe Schwestern und Brüder, mit Gott nicht ähnlich? Wir können nicht sagen: Da ist er; oder: Dort ist er. Erst im Rückblick erkennen wir oft Gottes Handeln an uns; wo er mit im Spiel war. Ins Angesicht blicken können wir ihm nicht, nur in den Rücken hinterherschauen – und erhaschen vielleicht gerade noch den Mantelsaum seiner Gegenwart. Die Erinnerung an einen kurz erhaschten Blick auf den Rücken Gottes – dieser Glücksmoment ist für Mose nicht festzuhalten, aber er erfüllt ihn von nun an mit Sehnsucht.
… die Ahnung, dass auch wir nicht im Tod enden werden
Das, liebe Gemeinde, ist Ostern: der erhaschte Lichtblick aus dem spaltbreit offenen Grab Jesu, die glückhafte Ahnung, dass der Gekreuzigte lebt und dass auch wir nicht im Tod enden werden, weil Gott Leben für all seine Geschöpfe will, weil das Leben stärker ist als der Tod. Mit dieser Ahnung im Herzen durchs Leben gehen und daraus leben und hier und dort die Erfahrung machen dürfen, dass diese Ahnung sich im Leben bewahrheitet und es trägt. Das ist Ostern.
Vielleicht ist das die tragende Bedeutung eines leeren Grabes. Denn zu sagen: „Hier fehlt aber etwas. Du fehlst!“ Wäre das nicht schon ein zaghaftes Glaubensbekenntnis?
