Weihnachten in der Pfarrkirche Mitterfels (Archivbild)
Gott rechnet nicht ab und nicht auf
Predigt zur Christmette in der Pfarreiengemeinschaft Mitterfels-Haselbach von P. Dominik Daschner OPraem
Ein Schlagwort dominiert die politische Debatte derzeit in unserem Land: Entbürokratisierung. Die Bürokratie soll abgebaut werden, um die Betriebe aus den Fesseln überbordender Vorschriften zu befreien, damit die Wirtschaft wieder besser in Schwung kommt. Ob das gelingen wird…?
Wenn der Cartoon Recht hat, den ich vor Kurzem dazu gesehen habe, dann wohl kaum. Da betritt der Behördenchef das Büro seiner Sekretärin mit dem Satz auf den Lippen: „Jetzt wird es ernst mit der Entbürokratisierung, Frau Schmitz.“ Woraufhin die antwortet: „Aber, Herr Meier, wir haben ja noch nicht mal die entsprechenden Formulare dafür!“ Manch Älteren unter uns kommt da vielleicht das Lied von Reinhard Mey in den Sinn vom „Antrag auf Erteilung eines Antragsformulars“.
Auslöser für Weihnachten: eine bürokratische Maßnahme, bei der sich alles um Geld dreht
Bürokratische Regelungen sind einerseits notwendig, aber sie haben auch die Tendenz, sich zu verselbständigen. Uns Deutschen scheinen sie besonders im Blut zu liegen. Doch, liebe Gemeinde, ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass auch der Auslöser für Weihnachten - dafür, dass der Sohn Gottes in Betlehem zu Welt gekommen ist -, eine bürokratische Maßnahme war: die möglichst lückenlose Erfassung aller steuerpflichtigen Bürger in seinem Reich unter Kaiser Augustus? So hören wir es in jeder Heiligen Nacht gleich im ersten Satz des Weihnachtsevangeliums: „Es geschah aber in jenen Tagen, dass Kaiser Augustus den Befehl erließ, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen.“ Das war der Anlass, weshalb sich Josef mit seiner schwangeren Verlobten auf die Reise nach Betlehem macht, wo Jesus geboren wird: mitten hinein in unsere Welt der Zahlen und des Zählbaren, der bürokratischen Regelungen und Vorschriften, des Aufrechnens und vor allem des Abrechnens. Alles dreht sich um die Steuer, ums Geld, selbst an Weihnachten! Selbst der Sohn Gottes scheint davon nicht ausgenommen.
Durch die Geburt Jesu dringt die Sphäre Gottes in die Welt des Materiellen ein
In dieser Welt des rein Materiellen ist für das Kind kein Platz, wie der Evangelist erzählt, weder in der Herberge noch im Leben. Damals nicht und selten auch heute. Durch seine Geburt im Stall entzieht sich der neugeborene Jesus jener Welt der zahlenmäßigen Erfassung. Er ist herausgehoben aus dem vom bloßen Kalkül bestimmten Denken und Handeln. Damit ist seine Geburt, ist Weihnachten bereits ein Zeichen des Aufbruchs und des Neuen. In Jesus – in dem Kind in der Krippe und später in der Art und Weise, wie der erwachsen gewordene Jesus handeln und den Menschen begegnen wird – in ihm bricht jene andere Welt Gottes in unsere Welt herein. Der Evangelist Lukas deutet dieses Hereinbrechen der göttlichen Welt auf unsere Erde mit verschiedenen Bildern an: der offene Himmel; der Engel, den die Herrlichkeit Gottes umstrahlt; die lobpreisenden himmlischen Heerscharen. Die himmlische Welt, die Sphäre Gottes dringt in unsere Welt herein.
Das wirkliche Weihnachten – eine Welt jenseits des Zählbaren
Weihnachten macht deutlich, dass da noch eine andere Welt ist, jenseits des Zählbaren und Machbaren. In Jesus ist diese radikal andere Welt Gottes auf unsere Erde gekommen. Wo Menschen nicht nur als weitere, letztlich unbedeutende Nummer in einem bürokratischen Apparat gelten, sondern als Person ernst genommen sind und zählen – unabhängig von der Frage, ob sie etwas bringen: für andere, für den Staat, an Leistung; oder ob sie bloß ein Kostenfaktor sind: als Pflegebedürftiger, in einem bald nicht mehr bezahlbaren Rentensystem.
Die Weihnachtsbotschaft: Bei Gott hat jeder Mensch Ansehen und Würde
Bei Gott hat jeder Mensch per se Ansehen und Würde – auch in seinem Leiden, auch im Scheitern und Versagen. So sehr, dass Gott selbst Mensch werden wollte. Ich, Gott, steh an deiner Seite, ich stehe zu dir, einfach, weil du Mensch bist – von Gott gewollt und geschaffen. Das ist die Botschaft von Weihnachten, die Botschaft des Kindes in der Krippe.
Gott rechnet nicht ab und nicht auf
In Jesus, in seinem Handeln, ist immer wieder deutlich geworden, wie sehr wir von etwas leben, das man nicht zählen und zahlen kann, dass Gott mit uns nicht abrechnet und nicht aufrechnet, was wir getan oder unterlassen haben, sondern uns schenkt, was wir zum Leben brauchen. Dass Gott uns in Liebe zugetan ist: bedingungslos, ohne dass wir dazu Vorleistungen erbringen müssen. Dass Gott uns Versöhnung schenkt: von sich aus, aus freien Stücken, ohne dass wir Verfehlungen oder begangenes Unrecht erst mühsam abbüßen und abarbeiten und uns seine Vergebung verdienen müssten.
… und an dieser anderen Welt Gottes sollen wir uns orientieren
Zu solcher Art von Entbürokratisierung lädt Gott uns ein, liebe Schwestern und Brüder, wenn wir Weihnachten feiern. Dass wir dem Leben und unseren Mitmenschen nicht bloß nach der Maßgabe des Zählbaren begegnen: nach dem, was ich schuldig bin und was ich verlangen kann; was sich rechnet und abrechnen lässt. Den Modus der Berechnung im Untergang miteinander hinter uns lassen, sondern uns von dem leiten lassen, was unser Herz uns eingibt. Dass wir uns an dieser anderen Welt Gottes orientieren, die mit Jesus auf unsere Erde gekommen ist: die nicht zählt und rechnet, sondern aus freien Stücken schenkt und sich selbst gibt. Dazu will uns Weihnachten ermutigen.
Nicht mit „Wie du mir, so ich dir“ dem andern begegnen, sondern mit einem Vorschuss der Liebe
Dass wir zum Beispiel nach einem Disput nicht warten und abwiegen, wer da vielleicht den größeren Anteil daran hatte und deshalb den ersten Schritt wieder aufeinander zu tun müsste, sondern selber diesen Schritt wagen. Dass wir wegkommen von dem ewigen „Wie du mir, so ich dir“, sondern dem anderen mit dem Vorschuss der Liebe begegnen, so wie Gott das uns selbst gegenüber tut. Durchforsten wir deshalb unseren eigenen Verhaltenscodex auf so manches kleinliche Gehabe, das uns im Umgang miteinander fesselt; was da im Sinne eines zwischenmenschlichen Bürokratieabbaus durchaus aussortiert werden und weg könnte. Damit wieder mehr Mitmenschlichkeit in Schwung kommt.
Nehmen wir Gottes Geschenk an!
Trauen wir jener anderen Welt Gottes, die nicht zählt und rechnet, sondern schenkt. Wir erleben es doch immer wieder – besonders jetzt zu Weihnachten -, wie reich gerade das unser eigenes Leben macht, was wir anderen schenken; wie gerade jene Dinge unser Leben bereichern, die man nicht zählen und zahlen kann - ein Wort, das zu Herzen geht; eine liebevolle Geste; eine Aufmerksamkeit; eine aufrichtige Begegnung; einfühlsames Zuhören; Empathie im Umgang miteinander. Das sind Anzeichen jener anderen, neuen Welt Gottes, die mit dem Kind in der Krippe in unsere Welt hereingebrochen ist.
Seinen Geburtstag feiern wir an Weihnachten. Gewöhnlich sind wir es, die zu Geburtstagsfeiern Geschenke mitbringen. Heute ist das ein bisschen anders. Wir bekommen das Geburtstagskind selbst als Geschenk. Es macht sich auf zu uns. In unser Leben hinein, wie es gerade ist. Vorbehaltlos, so wie Kinder sind. Und so ist Gott. Nehmen wir dieses Geschenk an und lassen wir uns darauf ein – ganz unbürokratisch!
