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P. Dominik Daschner OPraem: Predigt am 1. Weihnachtsfeiertag ...
in der Pfarreiengemeinschaft Mitterfels-Haselbach
Die Krippe, der Stall von Betlehem, Maria und Josef, Ochs und Esel, die Hirten, der Stern, Engel und Könige, Weihrauch, Gold und Myrrhe – das alles ist für uns untrennbar mit Weihnachten verbunden. Aber in den Lesungen und im heutigen Evangelium war keine einzige Silbe davon zu hören. Da klingt Weihnachten ganz anders als gestern, an Heiligabend.
Heute – am Weihnachtstag – sehen wir weiter als bis zur Krippe
Die Heilige Nacht hatte etwas Inniges, Heimeliges – auch wenn wir natürlich wissen, dass die Verhältnisse alles andere als rosig waren. Krippe und Kind sind im Mittelpunkt gestanden – und wir zusammen mit den Hirten anbetend davor; haben uns von den Engeln sagen lassen, was das alles zu bedeuten hat: „Heute ist euch … der Retter geboren.“
Jetzt, am helllichten Tag, sehen wir weiter als bis zur Krippe. Der Evangelist Johannes spannt einen weiten Bogen auf: bis vor den Anfang der Welt. Er nimmt uns mit hinein in eine riesige Bewegung.
Johannes reduziert die Weihnachtsgeschichte auf das Wesentliche …
Johannes reduziert dabei die Weihnachtsgeschichte, wie sie sonst von Matthäus und vor allem von Lukas ausführlich erzählt wird, auf ihre absolute Essenz. Ihm geht es allein darum, dass Jesus, der Christus, der Messias geboren wird. Das Wie und Wo und alles Drumherum dieses Ereignisses ist für ihn völlig uninteressant. Nur die Tatsache selbst zählt. Die Tatsache, dass das Wort des ersten Anfangs - Gott selbst – Mensch geworden ist.
„Im Anfang war das Wort … und das Wort war Gott.“
Mit einem hochpoetischen Gedicht über das Wort bringt er das Weihnachtsgeschehen auf den Punkt. Bis an den Ur-Anfang der Schöpfung greifen seine Gedanken aus: „Im Anfang war das Wort … und das Wort war Gott.“
Ein Gott, ein Wort. Ja, das Wort hat Macht. Wer etwas sagt, macht etwas, bewirkt etwas. Das Wort macht etwas mit dem, dem es zugesprochen wird. Das merken wir leider oft erst daran, dass wir etwas besser nicht gesagt hätten. Aber es gibt mehr als genügend andere Beispiele: Wenn zwei verliebt sind, braucht es nicht nur Blicke und Berührungen. Ein Paar werden sie erst durch das Wort: „Ich meine dich! Ich liebe dich!“ In jeder Biografie gibt es machtvolle Worte, die etwas machen, etwas bewirken: Klärung herbeiführen, Altes loslassen, verbindlich werden, Neues wagen.
In dem Gedicht zu Beginn des Johannesevangeliums ist dieses Wort niemand anderer als Jesus. Und woher kommt dieser Jesus? Der Evangelist Johannes sagt: Er war schon im Anfang da, als Gott die Welt erschaffen hat. Er war schon von Anfang an Gottes gutes Wort, Leben und Licht. Wer seine Ahnen waren oder wo er geboren wurde, das ist dem Johannesevangelium egal. Solche Details sind ihm nicht wichtig. Nur das: Jesus war von allem Anfang an Gott. Nichts anderes ist sein Ursprung.
… und dieses „Wort“ ist Mensch geworden – einer von uns
Und dieses Wort ist Fleisch geworden, ist Mensch geworden. Darin gipfelt die Aussage des Johannes. In Jesus ist jenes Wort Gottes, das schon im Anfang war, das schon seit Urzeiten existiert, in Jesus ist es einer von uns geworden: mit Haut und Haaren und Herzblut, verletzlich und sterblich. In Jesus Christus erhält der Ewige Koordinaten in Raum und Zeit. Lukas benennt sie in seinem Evangelium: unter Kaiser Augustus; als Quirinius Statthalter in Syrien war, in Betlehem in Judäa. Der Ewige gibt damit ein großes Stück seiner Abstraktheit auf: wird für uns anschaulich und be-greifbar.
Es geht bei Gott nicht irgendwie um ein höheres Wesen, um eine schwammige Macht jenseits unserer eigenen Vorstellungskraft, um die abstrakte Idee vom Guten.
Jesus ist Gottes schönstes Wort für uns: sein Du auf Augenhöhe.
Es geht an Weihnachten darum, einen Tag und Ort benennen zu können, an dem sich Himmel und Erde berührt haben – in dem Menschen Jesus Christus, Gottes ewigem Wort -, so dass daraus eine bleibende Veränderung entstanden ist mit Auswirkungen auf die Geschichte, die Gegenwart und die Zukunft. Gottes ewiges Wort ist Person geworden, ist für uns ansprechbar geworden. Jesus ist Gottes schönstes Wort für uns: sein Du auf Augenhöhe. Das feiern wir heute.
Der Johannesprolog als Weihnachtsevangelium mag manchem recht abstrakt erscheinen. Doch der Evangelist Johannes will mit seinem Gedicht über das menschgewordene Wort Gottes keine abstrakte Spekulation anstellen, sondern uns etwas mitgeben. Es geht um uns. Wer Jesus, das menschgewordene Wort Gottes, aufnimmt, hat Macht Kind Gottes zu werden, so sagt er. Wir kommen uns manchmal ohnmächtig vor bei all dem, was in dieser Welt vorgeht. Was können wir da als Einzelne schon tun?! Aber das ist nicht alles. Es gibt eine andere, göttliche Macht. Ihr begegnen wir in Jesus Christus.
Aus lauter Liebe hat dieses Wort „Fleisch angenommen“
Wir dürfen neben unseren alltäglichen Sorgen und Freuden heute das große Ganze schauen. Und das zeigt uns: Es ist kein Zufall, dass es diese Welt gibt, dass es Leben gibt, dass es dich und mich gibt. Wir dürfen dahinter einen Willen vermuten, einen Plan Gottes. Wir dürfen glauben, dass es ein liebender Wille ist, dass Gott aus lauter Liebe sein Wort in diese Welt hineingesprochen hat; dass er uns damit angesprochen hat. Wir dürfen glauben, dass aus lauter Liebe dieses Wort Fleisch angenommen hat und von einer Mutter zur Welt gebracht worden ist – so wie Aber-Milliarden von Menschen vorher und nachher. Und wir dürfen hoffen, dass diese große unendliche Liebe Gottes zu uns, die sich in diesem Geschehen ausdrückt, dass uns diese Liebe Gottes – wenn wir sie annehmen – uns heimführen will zu sich: jeden und jede Einzelne und die ganze Welt.
Inmitten all der Finsternis, die es gibt in dieser Welt, gibt es die Liebe Gottes – das ist Weihnachten!
Wir dürfen hoffen, dass Tränen und Tod einmal nicht mehr sein werden, weil dann diese Liebe Gottes alles in allem ist. Und wir dürfen wissen, dass diese Liebe heute schon möglich ist – möglich inmitten all der Finsternis, die es gibt in dieser Welt.
All das ist Weihnachten, so wie es Johannes in seinem Gedicht als Einleitung zu seinem Evangelium als weiten Horizont aufzieht, wenn wir es denn annehmen können. Die Essenz von Weihnachten jenseits aller historischen oder auch nur literarisch erdichteten Details der Kindheitsgeschichten Jesu.
