Auferstehung, Isenheimer Altar, Matthias Grünewald (wikipedia/commons)
Osterpredigt von P. Dominik Daschner OPRaem …
… in der Pfarreiengemeinschaft Mitterfels-Haselbach
Ich weiß nicht, ob es Ihnen aufgefallen ist, wenn Sie vom Gründonnerstag bis Ostersonntag mit Jesus mitgegangen sind: in einem Garten hat es am Abend des Gründonnerstags begonnen – im Garten Getsemani – und am Morgen des Ostersonntags finden wir uns erneut in einem Garten wieder: am leeren Grab Jesu.
Ostergeschehen: Alles beginnt in einem Garten – Symbol für das Leben
Der Garten, in dem es keimt und grünt und blüht und Früchte trägt, das ist – nicht nur in der Bibel – ein Bild, ein Symbol für das Leben schlechthin. Alles Leben – so erzählt es die Schöpfungsgeschichte – beginnt in einem Garten, den Gott dafür angelegt hat: den Garten Eden, das Paradies. Für nicht wenige ist er bis heute ein Sehnsuchtsort, der Inbegriff des Glücks: das eigene Häuschen im Grünen, im Garten sitzen und das Leben genießen. Die Sehnsucht nach dem Paradies.
Garten Getsemani – Gegenteil des paradiesischen Gartens Eden
Doch wir leben – seit dem Sündenfall – jenseits von Eden. Am Gründonnerstag, nach dem Letzten Abendmahl, wartet auf Jesus ein ganz anderer Garten. Zuerst ist es Judas, der den Saal verlässt, nachdem er als der Verräter Jesu geoutet worden war. Bezeichnenderweise heißt es dazu im Evangelium: „Es war aber Nacht.“ Das ist nicht nur eine Zeitangabe. Diese Nacht steht für Schuld und Verrat, für Ausweglosigkeit und für den Tod. Später wird auch Jesus mit den übrigen Jüngern hinausgehen – in den Garten Getsemani. Er ist das Gegenteil des paradiesischen Gartens Edens, in dem alles Glück der Welt zuhause ist. Hier hingegen beginnt der Leidensweg Jesu, in dem sich alles Leid der Welt spiegelt.
Im Garten Getsemani ringt Jesus unter Blut und Tränen um seinen Weg ans Kreuz, der vor ihm liegt. Um das Warum und Wozu dessen, was sein himmlischer Vater ihm da zugedacht hat. Und ob es nicht einen leichteren Weg für ihn gäbe. Einen Weg ohne Leid und Schmerz.
Auch wir haben manchmal mit dem zu ringen, was das Leben uns zumutet
Mit ähnlichen Fragen im Herzen gehen auch wir manchmal durch das Leben. Wir ringen mit dem, was uns das Leben zumutet. Weil der schöne Traum vom Leben oft nur allzu leicht zerplatzt wie Seifenblasen, und Menschen plötzlich vor dem Nichts stehen: vom Schicksal verraten, allen Lebensmutes beraubt. Job verloren, Streit eskaliert, Beziehung zerbrochen. Denunziert, von einer Erkrankung heimgesucht. Abhängig geworden, in die Sucht abgerutscht. Ohne Obdach, vereinsamt, dem Tod geweiht. Ja, immer wieder zerrinnt uns Menschen das Glück zwischen den Fingern, holt uns die Finsternis ein, gehen Menschen zu Boden, versinken in Abgründe. Wie soll man in einer Welt voller Kriege, Gewalt und Unterdrückung, voll Hass, Spaltung und Hetze, die unsere Wirklichkeit prägen, wie soll man da an einen Gott des Lebens und der Freiheit glauben, der sogar den Tod besiegt? Fragen, mit denen wir uns im Leben herumschlagen. Der Anblick der täglichen Nachrichten kann uns das Fürchten lehren, ähnlich wie Jesus in seiner Todesangst im Garten Getsemani.
Das leere Grab am Ostersonntag: angesiedelt in einem Garten, Inbegriff aufblühenden Lebens
Jetzt, am Ostersonntag, stehen wir wieder in einem Garten mit dem leeren Grab Jesu und hören die Botschaft, dass Jesus auferstanden ist und lebt. Dass die Evangelien das leere Grab Jesu ausgerechnet in einem Garten ansiedeln – dem Symbol und Inbegriff für aufblühendes Lebens -; dass Maria Magdalena den Auferstandenen für den Gärtner hält, weshalb Jesus auf Osterbildern häufig mit einem Spaten in der Hand zu sehen ist – alles das unterstreicht, dass unser Gott ein Gott des Lebens ist, dass er Leben für all seine Geschöpfe will – ein Leben, das auch der Tod nicht mehr zunichtemachen kann.
Unser Gott will Leben für alle seine Geschöpfe …
In der Osternacht haben wir in den alttestamentlichen Lesungen einen Durchgang durch die Heilsgeschichte Gottes mit uns Menschen gehört. Und alle Lesungen treffen sich in der Aussage, dass Gott Leben für uns Menschen will; ein Leben in Freiheit; Leben in Fülle. Die Schöpfungsgeschichte hat uns vor Augen geführt, dass alles Leben seinen Ursprung in Gott hat. Er hat alles gut geschaffen. Er ist der Anwalt des Lebens – eines gelingenden Lebens in Freiheit. Darum hat er sein Volk aus der Sklaverei in Ägypten befreit und auf wunderbare Weise durch das Rote Meer geführt in ein Land, in dem Milch und Honig fließen. In der Geschichte vom Issak-Opfer zeigt Gott, dass er nicht den Tod will – auch nicht als Opfergabe an ihn -, sondern dass wir ihm unser Herz zukehren. Und wenn sein Volk vom guten Weg des Lebens abweicht, dann lässt Gott uns Menschen nicht ins Verderben rennen, sondern schickt uns seine Propheten hinterher, um uns auf den richtigen Weg zurückzuführen.
… und deswegen hat er seinen Sohn nicht in Tod und Grab gelassen
Unser Gott ist ein Gott des Lebens durch und durch. Und darum ist es nur konsequent, dass er seinen Sohn Jesus Christus nicht in Tod und Grab gelassen hat, sondern ihn auferweckt hat zu neuem Leben – als Bestätigung der Frohen Botschaft, die Jesus gepredigt und uns vorgelebt hat; und uns zum Zeichen, dass auch auf uns Leben wartet durch den Tod hindurch, der allem Irdischen innewohnt, und das all jene Todesboten überwinden kann, die uns in dieser Welt immer wieder bedrohen, uns plagen und umtreiben. Ostern – das ist die Botschaft: Gott will Leben für uns.
Der große Gärtner, Emil Nolde (The Yorck Project/commons)
Der Maler Emil Nolde stellt Gott deshalb auf einem seiner Gemälde als großen Gärtner des Lebens dar. Von oben herab beugt sich der Gärtner über ein Blumenbeet; ganz nahe ist er mit seinem Gesicht über den Pflanzen, so als würde er sie anhauchen oder liebevoll mit ihnen sprechen. Seine Hände breitet er dabei über das Beet aus, aber er zieht nicht ungeduldig an den jungen Trieben. Er weiß: Das würde die aufkeimenden Pflanzen nur zerstören; man muss sie geduldig wachsen lassen. Eher wie ein schützendes Dach hält er seine Hände über die Blumen, um sie zum Wachsen und Gedeihen zu ermutigen. Ein wunderbares Bild Gottes. Ein Gott, der Leben schenkt. Ein Gott, der Leben will, der zum Leben ermutigt, der dem manchmal so bedrohten und gefährdeten Leben aufhilft, der ihm aber auch Zeit lässt, sich zu entwickeln.
Wo Gott ist, blüht Leben auf und …
Diesen Gott des Lebens vermittelt uns der Ostersonntag mit dem leeren Grab Jesu in einem Garten und der Botschaft von Auferstehung und Leben. Wo Gott ist, blüht Leben auf. In seiner Nähe, unter seinem Segen lässt sich leben, da ist Auferstehung und Leben zu erfahren.
… umgekehrt: Wo Leben – oft nach schwerer Zeit - aufblüht, ist Gott
Und genauso gilt umgekehrt: Wo immer Leben neu aufblüht, da ist Gott zu finden. Da hat zum Beispiel eine Frau und Mutter eine schlimme Trennung von ihrem Partner erleben müssen – mit heftigem Rosenkrieg um die gemeinsamen Güter und um das Sorgerecht für die Kinder. Am Boden zerstört war sie, ihr ganzes Leben lag in Trümmern, nur noch Scherben des vermeintlichen gemeinsamen Glücks. Doch ein paar Jahre später hat sie eine neue liebevolle Partnerschaft gefunden, ihr Leben wieder in geordneten Bahnen. Lebensmut und Lebensfreude sind zurückgekehrt.
Eine andere muss den viel zu frühen Tod ihres Mannes und der gemeinsamen Kinder verkraften. Eine schlimme Krankheit hat ihm vor der Zeit das Leben geraubt; und ihr den Mann, den Kindern den Vater. Witwe mit noch nicht einmal 40. Alle Lebenspläne sind dahin. Doch trotz aller Trauer verkriecht sie sich nicht in ihrem Schmerz, sondern lässt sich ein auf das Leben, nimmt teil an Veranstaltungen und Treffen – auch wenn es immer wieder mal wehtut. Und so findet sie allmählich wieder Geschmack am Leben. Leben kehrt in sie zurück.
Da ist eine Jugendliche, die in ihrer Patchwork-Familie dauernd vermittelt bekommen hat, dass sie nur stört – das fünfte Rad am Wagen. Sie wird ständig niedergemacht; nichts kann sie recht machen. Bis sie schließlich den Mut fasst, sich der Sozialarbeiterin an ihrer Schule anvertraut. Das Jugendamt nimmt sie aus der Familie in Obhut. Nicht, dass damit alle Probleme gelöst und alles einfach wäre. Aber in der betreuten Wohngruppe für Jugendliche, in der sie nun lebt, fällt der jahrelange psychische Druck von ihr ab; sie blüht innerlich wieder auf; kann wieder lachen und sich am Leben freuen.
Oder der Mann mit Mitte 50. Er war jemand in seiner Firma und seinem Beruf. Doch dann die Insolvenz, seine Arbeitsstelle weg. Wer nimmt dich in diesem Alter noch? Tiefe Depression und Ratlosigkeit, Zukunftsängste. Weil er plötzlich viel Zeit hat, engagiert er sich in einem sozialen Projekt – und findet darin die Berufung seines Lebens, wie er später selber sagt. Er möchte fortan nichts anderes mehr machen. „Etwas Besseres als die Insolvenz meiner Firma hätte mir nicht passieren können“, so erzählt er im Rückblick. „Sonst hätte ich meine wahre Berufung nie entdeckt.“
Liebe österliche Gemeinde, Erfahrungen von Auferstehung mitten im Leben sind das, Ostererfahrungen im Alltag. Wo immer Leben aufblüht, da ist etwas von Ostern zu spüren, da ist Gott zu finden. Dass wir Ostern ausgerechnet im Frühling feiern, der Zeit des neu aufbrechenden Lebens draußen im Garten der Natur, wo es auch uns selber nach der Kälte und Finsternis des Winters wieder hinaus ins Freie zieht, das unterstreicht nur die Osterbotschaft vom Leben, das stärker ist als der Tod; jenem Leben, das Gott schenkt.
Unser Osterglaube ist nicht der Glaube an ein leeres Grab – Was beweist das schon? Das kann viele Ursachen haben! -, wir glauben an den Gott des Lebens, der Leben will und Leben schenkt: irdisches und ewiges Leben.

