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Pfarreiengemeinschaft Mitterfels-Haselbach. Predigt in der Christmette von P. Dominik Daschner OPraem
„Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war“, so hören wir im Evangelium der Heiligen Nacht von Maria.
Und von den Hirten heißt es: „Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt.“ Sie machen sich auf diese Verheißung des Engels hin auf den Weg nach Betlehem. Die Hirten benötigen dazu keinen Stern wie die Weisen aus dem Morgenland. Sie starten mit traumwandlerischer Sicherheit, folgen dem Kompass ihres Herzens und finden Maria, Josef und das Kind. So sehen wir es dargestellt in unseren Krippenlandschaften. Die Krippe mit dem Jesuskind darin, auf Stroh gebettet, umringt von Maria und Josef in einem Stall oder einer Grotte; und die Hirten davor mit ihren Schafen. Fast immer befindet sich der Stall mit der Krippe irgendwo einsam, still und ruhig in der Landschaft.
Fand die Geburt Jesu wirklich in romantischer Idylle von Krippe und Hirten statt …
Eine Reihe heutiger Exegeten kratzt an diesem romantischen, idyllischen Bild. Sie vertreten stattdessen eine andere Vorstellung, die uns aber helfen kann, die Geburt Jesu, das Kommen des Gottessohnes in unsere Welt, besser und tiefer zu verstehen. Demnach waren zur Zeit Jesu die Gästehäuser in den Städten und Ortschaften des Vorderen Orients sogenannte Karawansereien. Nicht wenige von ihnen sind bis heute erhalten. Eine Karawanserei ist ein meist zweistöckiges Gebäude, das um einen großen Innenhof gebaut ist. Im Obergeschoss sind die Schlafräume, während sich im Erdgeschoss, das zum Hof hin offen ist, die Unterstände für die Reittiere der durchreisenden Gäste befinden und für das Vieh, das die Händler auf den Märkten verkaufen wollen. Weiter gibt es dort Toiletten, Waschmöglichkeiten, Wassertröge zum Tränken der Tiere, Futterkrippen usw.
In solch einer Karawanserei dürften wohl auch Maria und Josef Quartier gesucht haben. Doch die Schlafräume im ersten Stock waren schon alle besetzt. „In der Herberge“ – also in den eigentlichen Gästezimmern – „war kein Platz für sie“, wie Lukas erzählt. Und deshalb fanden Maria und Josef notgedrungen Unterschlupf im Erdgeschoss der Karawanserei mit seinen Tierunterständen und Futterkrippen, Wasserbassins und Aborten.
… oder mitten im Getümmel und Getriebe des Alltags?
Hier also, in einer solchen Umgebung, wurde aller Wahrscheinlichkeit nach Jesus geboren, so sagen uns die Bibelwissenschaftler.
Das heißt aber: Der Sohn Gottes ist nicht in der Ruhe und romantischen Abgeschiedenheit eines Stalles zur Welt gekommen, in der Stille der Heiligen Nacht – nirgendwo ist im Evangelium von einem Stall die Rede! -, sondern mitten im Getriebe einer überfüllten Karawanserei; mitten unter den Reittieren und dem Vieh, mitten im Hin und Her von Gästen, die nach ihren Tieren geschaut haben, die sich wuschen, Wasser holten, ihre Tiere tränkten oder ihre Notdurft verrichteten. Die Geburt Jesu fand statt mitten unter umtriebigen Menschen, die demnach auch ganz hautnah gesehen haben, dass da eine Frau ihr Kind zur Welt bringt, und die ihr dafür dennoch keinen Platz im ersten Stock überlassen haben. Weihnachten hat sich also nicht in einer lieblichen Atmosphäre abgespielt, wie das die meisten unserer Krippendarstellungen nahelegen.
Nein, schon die Umstände seiner Geburt entsprechen in ihrer Dramatik ganz und gar dem darauffolgenden Leben und Sterben Jesu. Schon seine Geburt hat mitten im Getümmel von Menschen stattgefunden, mitten im unruhigen Getriebe des Alltags, mitten unter der Hartherzigkeit von Menschen, die die Not und Probleme einer gebärenden Frau sehen und doch so weitermachen wie bisher.
Gott wird in unseren Alltag hineingeboren
Die Karawanserei ist damit ein sprechendes Bild für unsere Welt, so wie sie ist; für die Welt unseres oft so gestressten Alltags, für die Welt anonymer Massen, in der einzelne nicht zählen und einsam bleiben, für die Welt des Getriebes und Durcheinanders, für die Welt des Elends und der Not. Da hinein kommt Gott.
Wir feiern an Weihnachten den heruntergekommenen Gott. Vom Himmel herunter, hinein in unsere niedrige, abgerissene Geschöpflichkeit. Gott geht nicht in eine Welt hinein, wie wir sie uns erträumen oder ersehnen: in der alles ideal und perfekt ist. Schon der allererste Augenblick seiner menschlichen Existenz heißt Hinabstieg. Hinabstieg in unseren Alltag, in das Getriebe und Getümmel unserer Welt, in unsere menschliche Selbstsucht und Verschlossenheit.
Am Anfang steht die Krippe – am Ende das Kreuz
In einem Wort gefasst: Am Anfang steht die Krippe, am Ende das Kreuz. Und dies in einer bruchlosen Kontinuität. Der Kreuzestod Jesu ist die letzte Konsequenz dessen, was an Weihnachten begonnen hat. Eine Reihe von Krippendarstellungen zeigt deshalb nicht von ungefähr an einer Wand neben der Krippe mit dem Jesuskind schon ein Kreuz hängen.
An der Krippe zeigt sich gewissermaßen das Lebensgesetz Gottes. Statt wie unter uns Menschen üblich, eine Karriere nach oben anzustreben, tritt Gottes Sohn die Karriere nach unten an. Weil er diesen letzten, allerletzten Platz einnimmt, kann er buchstäbliches alles in der Welt und in unserem Leben umgreifen: Hohes und Niedriges, Großes und Kleines, Gelungenes und Misslungenes, Gutes und Böses, Leben und Tod. Alles.
Deswegen: Am allernächsten ist Gott den „Kleinen“ und Armen, den Leidtragenden …
Darin besteht die große Hoffnung, die uns Weihnachten vermittelt: In seinem menschgewordenen Sohn ist Gott jedem unendlich nahe, keinem ist er fern. Und gerade die Kleinen und Armen, die Leidtragenden und Hungernden, die Verachteten und Ausgestoßenen, die äußerlich gesehen am Ende und auf dem letzten Platz sind, sie stehen ihm - seiner Liebe und Zuwendung - am allernächsten.
Inmitten des geschäftigen Treibens, des Gewusels und Getümmels einer orientalischen Karawanserei also kam Gottes Sohn in unsere Welt. Dort ist er Mensch geworden; dort also ist Gott zu finden – mitten im geschäftigen Alltag dieser Welt. Das ist die Botschaft von Weihnachten, liebe Schwestern und Brüder, dass wir Gott nicht im Jenseitigen suchen müssen, im Wunderbaren und Spektakulären, sondern dass sich Gott unserem banalen menschlichen Leben eingeschrieben hat und sich dort finden lassen will. Teresa von Avila kann deshalb sagen, Gott sei auch zwischen den Kochtöpfen. Und der heilige Ignatius von Loyola lädt dazu ein, Gott in allen Dingen zu suchen.
Die Krippe umschwirrt kein göttlicher Glanz
Als die Hirten an der Krippe ankommen, da schwirrt kein göttlicher Glanz in der Hütte herum. Was sie bei ihrer Ankunft zu sehen bekommen, ist ganz und gar alltäglich und irdisch: „Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag.“ Man kann sich ja fragen: Was hat die Hirten eigentlich so sicher gemacht, dass sie hier richtig sind? Es müssen wohl die Zeichen gewesen sein, die ihnen der Engel in Aussicht gestellt hatte – Windeln und Krippe – und die sich als wahr erwiesen haben. Dann wird wohl auch der Kern seiner Botschaft wahr sein, den man nicht sehen, sondern nur hören kann: „Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr.“
Liebe Gemeinde, wenn sogar Windeln und ein Futtertrog im geschäftigen Treiben einer orientalischen Karawanserei nicht zu profan sind, um als Ort des Göttlichen zu dienen, dann ist diese Welt nicht gottlos; dann ist Gott uns nicht fern. Dann ist er da und lässt sich finden inmitten dieser Welt und in unserem Leben.
Solange wir das Leben jedoch weiterhin aufspalten in einen geistlichen und einen ungeistlichen Teil, in einen frommen und einen weltlichen, in die Sonntage und die Alltage, haben wir Weihnachten noch nicht ganz verstanden.
