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Sie bleiben in Erinnerung (10): Der Heibl Hans

Der Heibl Hans

Einer vom Rande der Gesellschaft

Vom Hans redet man noch heute. Auch Bubenstückl werden dabei aufgefrischt: Wie man die nächtliche Christmettenzeit dazu missbrauchte ...

... den Hans zu ärgern, ihm erst die Haustür mit Schnee zu vermauern und ihn dann mit viel Krawall aus seinem Fuchsbau zu locken. Fiel ihm bei der anschließenden Verfolgung eines der Mitläuferbübl in die Hände, passierte dem gar nichts! An einem Kind ließ der Hans seinen Zorn nicht aus. Sein Argwohn galt vielmehr den Großen. Voller Misstrauen blinzelten die Augen über die Nickelbrille hinweg, immer gewärtig, dass man ihn narrte. Einmal drehte er den Spieß um: Er lief in Altweiberkleidung durchs Dorf, und als er den Unmut der Leute sah, tat er's umso lieber. Ansonsten trug er sein Leben lang den mächtigen Lederschurz, Standeszeichen des gelernten Handwerkers. Im Sommer sparte er sich darunter die Hemden.

Als "Einschichtiger" bewohnte der Hans erst das Rittmannsbergerhaus in Scheibelsgrub, später das winzige Häusl in der Burgstraße, das zwischen Altschäffl und Weinbacher stand. In allem versorgte er sich selbst. Den Rantsch kochte er gleich so dick und in solcher Menge, dass er für mehrere Tage reichte. Süßigkeiten mochte er besonders gern, und wenn ihm ganz wohl war, leistete er sich ein Tortenstückl aus der gegenüberliegenden Konditorei (früher Schmatz, dann Pronold). Mit sichtlichem Hochgenuss schob er Stück für Stück hinter seine auffallend schönen, elfenbeingleichen Zähne. Bei Schmatz hielt man auch einen Schäferhund, der den Lockungen des Hans gerne folgte und ihn auf seinen Wegen begleitete. Später schaffte sich der Hans selber ein "Hundl" an, damit er seine "Ansprache" hatte (auf einem der Bilder ist er zu sehen).

Noch etwas gibt es zu berichten, dessen sich kaum ein anderer rühmen kann: dass sich der Hans schon als Schulbub mit einem künftigen bayerischen Kultusminister anlegte, und dass der Münchner Oberstadtschulrat Josef Bauer (†1958) sich noch 50 Jahre nach seiner Mitterfelser Hilfslehrerzeit (1900 - 1901) an seine Plag mit dem Hans erinnerte. Mehr konnte er dem nicht abverlangen, als ihm ein ganzes Jahr über Buchstaben aus der Fibel abmalen zu lassen. Der visitierende Bezirksamtmann und spätere Minister Dr. Matt wusste das nicht und versuchte, dem Hansl ganz sachte und unauffällig die Fibel wegzulegen und ihn zum Aufmerken anzuhalten. Da fuhr der wie ein Wilder in die Höhe, riss dem hohen Herrn das Buch aus der Hand und schrie: "Mei g'hörts! Mei g'hörts!" (Mei g'hörts! bedeutet: Mein = mir gehört es!). - Nicht minder verzweifelt klang das: "Halt mi'! Halt mi'!", wenn er sich auf dem schier abgrundtiefen Sitzabort der Schule an die Ärmel seines Lehrers krallte.

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Hans als Spediteur, daneben sein "Waukerl" und die Buben Heiß Karl (vermisst) und Kelber Girgl – Fotos: Anneliese Haiböck

Im Elternhaus ging's recht ärmlich zu. Der Vater, Viktualienhändler Johann Heibl, bewohnte das noch strohgedeckte Häusl, das in der Burgstraße an Stelle des Offenbeckhauses stand. Hier hatte er 1880 das "Heimathrecht" zugesprochen bekommen, es wurde zugleich sein Schicksalsplatz. Als der Hansl einmal aufs Dach geschickt wurde, um die Beschwerung in Ordnung zu bringen, kollerte ihm ein Stein herunter und erschlug den Vater. "Wär' er weg'gangen, wär' er weg'gangen!" war die ständige Entschuldigung des Hans.

Heibl Hans 05Nun nahm sich die alte "Petern-Zus" der Heiblbuben an (Peter war Scheibelsgruber Bürger, seine Unterschrift findet sich im Gemeindeauflösungsbeschluss von 1875.) Für den älteren Seppl fand sie eine Schneiderlehrstelle in Straubing, den Hans konnte sie in der Wagnerei von Lang Clement's Vater, beim "Lang-Wonga", unterbringen.

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Schon als junger Bursch war Hans ein Invalide: Mit der rechten Hand war er in die Förderwalzen einer Gsodmaschine geraten.

 

Später gab sie ihn zu einem Bauern in Dienst. Dort geriet der Hans mit seiner rechten Hand in die Förderwalzen der Gsodmaschine und war schon als junger Bursch ein Invalide. Er bekam einen Lederschaft über den Stummel des Unterarms, vorne dran mit einem verstellbaren Eisenring. Diese "eiserne Hand" ist meine früheste Erinnerung an den Hans. Ich hatte ihm immer wieder zusehen müssen, wie er hunderte Male den Ring auf- und zuschraubte, um Stemmeisen, Hobelgriff, Reifmesser, Latten, sogar Nägel und Schrauben einzuklemmen. Die Arbeit musste allein die Linke tun. Mit einer Zähigkeit und Verbissenheit sondersgleichen baute er sich einen Kastenwagen zusammen; beim Gattung-Schmied ließ er ihn dann beschlagen. So hatte ich den Hans eigentlich schon von Kleinauf bewundert, auch wenn er sonst nicht viel galt bei den Leuten. Gerne zugeschaut hatten wir ihm auch beim Werkzeugschleifen; mit Hilfe des Tretantriebs ließ er zwei Puppen auf hoher Stange mittanzen.

Mit dem stabilen Wagen baute sich der Hans eine neue Existenz auf: Er wurde der Spediteur in Mitterfels. Bahnvorstand Franz Burger unterstützte ihn sehr. Sicherlich hatte er ihm auch die Dienstmütze eingeredet, deren "Würde" der Hans hoch zu schätzen wusste. Was unser Spediteur mit nur eigener Muskelkraft die steile, steinige Bahnhofstraße hinaufschleppte, übersteigt alle Vorstellungen. Die Zähne aufeinandergebissen, spannte er sich in die Riemen. Manchmal legte er sogar Steigeisen an, damit er sich noch besser einkrallen konnte. Aber anschieben ließ er keinen: Er traute den "Helfern" nicht. Oft musste er "zwiefadeln"; dann lud er oben auf dem Berg beide Stapel zusammen und schleppte sie gen Mitterfels. Auf die gewissenhafte Zustellung war Verlass. Einmal spielte ihm das seltsame Behördendeutsch einen Streich: eine schwere Kiste für das "Titl. Finanzamt Mitterfels" stellte er zwei Stiegen hinauf dem Finanzbeamten Dietl zu.

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Bahnvorstand Burger übergibt dem Spediteur Heibl Hans Ladung und Papiere.

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Hans wollte mit der Dampfwalze fotografiert werden, traute sich aber nicht hinein. Mehr Mut hatte er bei der kleinen Dampflok.

Als er beim Bau der Steinburger Straße 1932/33 öfters Bahnfrachten anlieferte, erfüllte ihm Vorarbeiter Stahl (Vater von Paul Stahl) den Wunsch, ihn mit der Dampfwalze zu fotografieren; eigentlich wollte der Hans einmal auf einer Dampfwalze sitzen - aber dann traute er sich doch nicht hinauf. Bei der kleinen Dampflok der Amberger Tiefbaufirma zeigte er dann schon mehr Mut.

Vielleicht war es die letzte Freude des Hans gewesen. Das aufkommende Dritte Reich hatte kein Verständnis für Leute, die nicht vollwertig galten. Der Hans spürte, was man mit ihm vorhatte und wehrte sich ganz wild. Dann wurde er fortgeschafft; sein gepflegtes und von ihm so geliebtes Werkzeug wurde versteigert. Sein Bruder Sepp kam hin und wieder von Straubing herein, erzählte ein wenig vom Hans und hatte manch Bitteres zu sagen. Unser spätes Erinnern an den Hans zwingt uns zu den gleichen Gedanken, wie schon zu Anfang gesagt: Wir sehen den armen Teufel, vom Schicksal früh getroffen, und es doch mit eisernem Willen meisternd. Der Hans war einer, der niemanden zur Last gefallen war, der keinem etwas angetan hatte, der sich ganz allein durchzuschlagen verstand, und der doch so arm wieder gehen musste, wie er gekommen war.   

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