"Bairische Sprachwurzel 2012" für Luise Kinseher

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Luise Kinseher Preisträgerin 2012 - mit Links zu den Berichten des Bayerischen Rundfunks und der Zeitungen und eigenen Fotos (Fotostrecke)

Die "Bairische Sprachwurzel" ging in diesem Jahr an Luise Kinseher. Die niederbayerische Kabarettistin und Schauspielerin, die beim Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg die Bavaria verkörperte, bekam den Preis am Sonntag auf dem Gäubodenfest in Straubing überreicht. Mit der Sprachwurzel zeichnet der Bund Bairische Sprache Prominente aus, die auch bei "hochoffiziellen Anlässen" Dialekt sprechen. "Zum 200-jährigen Gäubodenvolksfestjubiläum auf dem Straubinger Hagen hat Niederbayern das prominente lebendige Gegenstück zur berühmten Statue über der Theresienwiese für sich entdeckt: Die Mama Bavaria Inferior (aus Niederbayern) mit einem muttersprachlichen Herz gegenüber der Bavaria Superior aus kaltem Erz ..." so Sepp Obermeier, der Erfinder des Sprachpreises ....

"... und die Straubinger haben sie beim Standkonzert die 120 Musikanten aller sieben Festzeltkapellen dirigieren lassen, die Bavaria auf dem Münchner Oktoberfest indes darf beim Standkonzert immer nur zuschauen." 

„Sprachwurzelwürdig“ ist die Luise, weil sie im Gegensatz zu vielen anderen Prominenten abseits der Bühne bei offiziellen Anlässen – vor allem bei Fernseh- und Rundfunkinterviews - mittelbairisch redet, dadurch den Dialekt auf gleiche Augenhöhe mit der Standardsprache bringt und gesellschaftlich aufwertet.

Die Laudatio hielt Prof. Dr. Reinhard Wittmann. Wir bringen sie  hier in voller Länge:

 

Bairische Sprachwurzel 2012: Laudatio auf Luise Kinseher

Laudator: Prof. Dr. Reinhard Wittmann

„Omei, der scho wieda – a so a Gschaftlhuaba!“ Geb’n se’s zua: es san scho an etla vo Eahna, wo se dees denka (oder flüstan), wenns‘ mi heid no amoi ois Laudator sehng. Denn de Stammgäst (und des san de ollamehran) ham mi scho bei de Wellküren und beim Stückl Christian ois Lobredna ertrogn. Tatsächli hod da Obermeier Sepp eigntli jemand ganz andern vorgseng, awa des hod se im letzten Moment zerschlong. Im ollaletztn: erscht vorgestern in da Fruah bin i dienstverpflichtet wordn. Es ist zwar wirkli ned da naxte Weg vom Miaschbecka Oberland ins Gäubodenfest, aber weil mei Tochda und meine 5 Enkelkinda in Geltolfing wohna, ham ma hoid an unvorhergesehenen Familienbsuach eigeschobn. Es war ned de Aussicht auf a Freimaß, de den Ausschlog gebn hod, sondan de Person vo da Preisträgerin. Wenn I dank höherer Gwalt die Luise Kinseher lobn derf, is des a Ehr und a Freud – un d scho glei gor am Gäubodnfest, wo des Boarische no echt und lewendig is.

De „Bairische Sprachwurzel“ werd seit 2005 verliehn. Sie is a niederboarisch‘s Gwachs, aa erfundn von am niederboarischen Gwachs – dem Obermeier Sepp. Wenn man‘ oschaugt, foin oam de Klischees vo de reisenden Nordlichter ausm 18 Jahrhundert wieda ei: ned unbedingt a nordischer Riese, guad beinand, aber wirkli ned a dumpfschädliger Phlegmatiker (des verrodn scho seine flinken, hellwachen Luser), sondern a unbandiger Energiebolzen und ein zacher Dickschädel, a richtiga „Dialektjunkie“ (sogt da Kratzer Hans), dea für de Mundart unerbittlich kämpft – wer‘n unterschatzt, dea hod scho vaspuit. Und wenn a Förderverein seine Initiativen ned fördert, sondern neidig verdrängt, dann gründt er hoidt sein‘ eignen Bund Bairische Sprache.


Für sei große, wia mas heid sogt, „Marketingidee“, de bairische Sprachwurzel, gibt’s koan Sponsor, des organisierda oiss alloa. Und er konns mit da Presse und am Fernseh, de Vergabe kimmt in de Hauptnachrichten und auf de vordern Seitn. Ned blos in Bayern, sondan in ganz Deutschland (naja, zwengs da Exotik bei dene Seppln). Sovui Aufmerksamkeit fia de boarische Sach und boarische Sproch hat a andra Varein des ganze Johr net.


Seid acht Johr gheat de Sprachwurzel zum Gäubodenfest dazua, und im Jubiläumsjohr bleibt aa de Sprachwurzel im Gäu. Se war ja ganz international: noch am Landrat Reisinger warn die Preisträger a Marktler im Vatikan (Benedikt XVI.), des westboarische Trio 'Die Wellküren', a boarischer Multimusikkünstler mit preißischem Geburtsort (da Haindling), a Grazer (da Assinger Armin), a Oberammergauer (da Stückl Christian), ois letzta da Ringsgwandl Schorsch vo Reichenhall.

De Luise Kinseher aba, de is a Niederbayerin vom echtasten Schlog, quasi de leibhaftige Bavaria inferior. Geborn am 4. Januar 1969 (des muaß eigentli 1979 hoaßn!) und aufgwachsen a paar Kilometer vor Straubing, nämli in Geiselhöring (domois hod der Hans-Jürgen Buchner no gar net gwußt, wo Haindling liegt). In Straubing wars aufm Anton-Bruckner-Gymnasium, dann hods in Minga de brotlosen Künste studiert, nämli Germanistik, Theaterwissenschaften und Geschichte; so hoid wia unzählige Madln, de „irgendwos mit Medien“ macha mechtn, aber nur ja koa Lehrerin werden. Sie hod spada zuagebn, daß se "ned wirkli zielgerichtet und strebsam" war. Awa dann hods ihra niederboarischs Kabarett-Gen entdeckt: se hod se mit einem profimäßigen Soloprogramm als Rathausputzfrau, gschribn vom Straubinger Autor Joseph-Emich Rasch im Straubinger Rathaussaal „geoutet“. A Video vo dem Auftritts hods an de Sollner Iberl-Bühne gschickt, und de hams stantepede engagiert - von 1993 bis 1998 is se in gut 800 Vorstellungen durch de harte Schui vom echtn Volkstheater ganga. Und nebnbei hods ihra Magisterarbeit gschriebn- ausgerechnet übern Sigi Zimmerschied, der aa ihra Vorbild war. Die Spürnasn vom Franz Xaver Bogner hod aa de Frau Magister Kinseher entdeckt; er hod sofort gmerkt, daß do a groß‘, echts Talent herwachst. Se hod mitgspuit beim "Café Meineid", bei "München 7", aa beim „Tatort“ undsoweida, aber aa in a paar Kinofilme, natürli aa beim Marcus Rosenmüller.

Aber ihra Domäne bleibt des Kabarett; sie hod neben Maria Peschek und Monica Gruber an ganz eigenständigen Typus vo boarischer Kleinkunst gschaffn, se is a virtuose Verwandlungskünstlerin, mit am bissig- pointiertem und aa trocken-hinterkünftigem Humor, awa nia schrill-aggressiv, sondan mit raffiniertem, entwaffnenden Charme bei aller Unverblümtheit. 1998 gehts mit ihram ersten selbstgschriebnen Kabarettsolo "Ende der Ausbaustrecke" auf Tour und kriagt glei im Jahr drauf des Passauer Scharfrichter-Beil. Dann kemman weitere Soloprogramme wia "Glück & Co.", "Hotel Freiheit" und "Einfach reich". Dodafia gibts an Deutschen Kleinkunstpreis und 2003 an Kabarettpreis der Stadt München.


An Durchbruch aber hod natürli 2011 die Mamma Bavaria brocht, de is ihr auf den Leib gschrieben. Des Politikerderblecken am Nockherberg is wahrscheinlich de populärste Sendung vom Bayerischen Rundfunks übahaupts – weil Schadenfreude is ja de schönste Freude.
Da Salvator-Auftritt is vielleicht de greßte Herausforderung für an bairischen Kabarettkünstler übahaupt, a gfährlichs Pointen-Balanciern zwischen Gschmacklosigkeit und Lätschertheit. Bis jetz hat ses ganz pfundig gmacht: warmherzig und resolut, respektlos und treffsicher, aber nia wirklich gschert, gar peinlich. Und mit ana Stimme, de olle Register beherrscht, einem Boarisch, des dene zersetzenden Einflüsse vom Mingara Käferzeltchinesisch seit vui Johr unvasehrt widerstanden hod (und des is schwaar!).

Muaß I jetz a poor Minuten aus de Lobeshymnen vo da Presse zitiern? Koa Angst, es langd a oanziga Satz: „Man geht mit dem schönen Gefühl aus dem Theater, hohe Kunst der Kleinkunst gesehen zu haben“. Leider kimmd bei Google ois „verwandte Suchanfrage“ neben
luise kinseher youtube; tickets luise kinseher; luise kinseher agentur und luise kinseher nockherberg auch luise kinseher busen. Da gibt’s jetz koane Zitate.

De Sprachwurzel is aba koa Kabarettpreis. Sondern ihra wichtigstes Vergabekriterium hoaßd 'Geehrt werden nur Kandidaten, die bei offiziellen Anlässen Bairisch reden und damit die Mundart in der Öffentlichkeit stärken'.
Da vorjährige Empfänger vo da Sprachwurzel, der Ringsgwandl Schorsch, hod sei grad in Telfs uraufgführte „Stubenoper“ namens „Da varreckte Hof“ mit am Untertitel versehn – und zwar: „Gesänge in einer sterbenden Sprache“. Des klingt grad in ana Hochburg vom Boarischen, scho gor beim Gäubodenfest, arg übertriebn. Und mir san jetzt aa net bei am Trauergottesdienst, sondan bei ana Preisvergabe. Aba wenns no a heile boarische Sprochwelt gabat, dann brauchats koa Sprachwurzel – denn dann taad a jeda oane kriagn. Sterbende Sprache? I gibs zua, I selwa leit‘ aa scho seit rund 30 Johr des Doudngleckal, aber s Boarische is gottlob zaach, es lasst net luck. Bei Eich in  Niederbayern schaugts no ned gar so schlimm aus, aa wenns in Regensburg scho‘s Bröckeln ofangt. In Minga freili is Hopfen und Moiz valorn.

A jeda von uns muaß Guerilla-Taktik treibn: er muß in seim persönlichn Umkreis ganz konsequent und souverän Boarisch redn, und den Umkreis immer mehra erweitern, daß aus de Einzelkämpfer Gruppen werdn, a Netz von Mundartsprechern übers ganze Land – ja, ein Bund für die barische Sprache. Des braucht Ausdauer. I gibs zua, mia ham ois Eltern und Großeltern bei der Vermittlung vo da Mundart blos no a kloane Nebenrolln. Vui wichtiga is da Kindagartn, is aa d’Schui. Aber wissens’es no, vor a poor Monat‘, wia de Passauer Schulrektorin gmoant hod, sie kannt de Schüler um a wengerl Zurückhaltung bei Tschüss und Halloo bitten? Da Landesschülersprecher hod sofort gsogt, daß sowas des Vatrauen zwischen Schüler und Lehrer endgültig kaputtmacht, und daß jedenfois er ganz bestimmt in seim ganzn Lebn nia so was widerlichs wia „Grüß Gott“ in‘ Mund nehma werd. Des hot – ham Sie’s gmerkt?-  sogar anThomas Gottschalk so irritiert, daß a in seina Vorabendshow a poor Wocha lang konsequent „Servus“ zum Schluß gsogt hod.
Ansonsten awa  werd bei uns üwaoi getschüsselt und geneet und gekuckt, daß d’as net glaam mogst. De Zuagroasten merkan ganz genau, daß uns unsa Sproch nix mehr wert is. Do brauchts vui Sturheit, vui Selbstbewußtsein, wenn ma dagegnhoitn wui. Aba des gheat ja zum Charakter vo de Niedabayan.
Und es schaugt a diam a so aus, wia wenn sogar da Rundfunk unds Fernsehn begriffn habn, um wos daß’s geht: es gibt mehra Mundartsendungen, und mehra Wiederholungen vo de oidn Klassiker, vo de „Münchner G’schichten“ bis zum „Monaco Franze“ (de Ansagerin freili sogts dann schee preißisch o). Aba obs zum Nockherberg ois Moderatorin wirkli a nördliches Nachwuchsganserl mit Kodderschnauze braucht, woas I aa net.

Und do war ma scho wieda bei da Preisträgerin.
Ma glaabts kaum, wia selbvaständlich sie im norddeutschen Fernsehen ois Helga Freese die Hausfrau aus Wanne-Eickel sprachlich perfekt darstelln ko – und wia hoffnungslos umdrahd in Minga lebende, aba do natürli norddeutsch sozialisierte Mimen und Miminnen versagen, wenns a boarischs Wort aussebringa solln. Es is ned zum glaabn, wia foisch ma no nach 25 Johr im BR „Biermösl Blosn“ aussprecha ko! Unsa Preisträgerin is der schlagendste Beweis dafia, daß mia Bayern mühelos das herrschende Standardidiom des Unterschichtenfernsehens beherrschen, wenn ma wolln. Umdrahda aba is so a Sprachbegabung offensichtli völlig unterentwickelt. Manche bayerischen Fernsehstars freili treibn de Anpassung bedrohlich weit: de Christine Neubauer oder da Udo Wachtveitl miassn se scho arg ostrenga, wenns no an echten boarischen Satz aussebringa wolln.

Wos fir a Wohltat is‘ do, wenn ma a lange Dreiviertelstund da Luise Kinseher zuahearn ko, de auf schwierigste politische Gewissensfragn liebenswürdig und selbstverständlich in am lebfrischen Hochbairisch mit Labertaler Färbung am (im BR natürlich preußelnden) Interviewer intellektuell Paroli bieten ko. Ihra kimmt koa oanzigs nee oda nöö oda nich aus, sie wahrt souverän ihra Heimatsprach. Eigentli de natürlichste Sach vo da Welt? Scho - aba in Bayern leider ned.
Es gibt an schena Vers vom fränkischen Mundartdichter Fitzgerald Kusz: „Ohne mei Mudda sei Sproch / konn mi meim Vadda sei Land/ kreizweis“. Mehra gibt’s do eigentli nimma zum sogn.


De Luise Kinseher hod ihra Facharbeit in da Kollegstufe über de Bayerwalddichterin Emerenz Meier gschriebn
– am Dog nach da Führerscheinprüfung is sie bei dichtem Schneetreibn über hundert Kilometer weid zum Emerenz-Meier-Museum Waldkirchen gfahrn. De tapfere Emerenz hods um 1900 bis nach Chicago verschlagn, wo‘s ois Dichterin verstummt is.
In ihram Heimatdorf Schiefweg hod ma a selbstbewußte Frau no bis vor kurzm „De is scho a rächde Emerenz!“ ghoaßn. Und des ko ma aa von der Luise sogn: Sie is a rächde Emerenz.

Mach weida so, Luiserl, ned blos ois Bavaria und Derbleckerin, sondern ois altboarische Künstlerin, ois scharfsinnige und scharfzüngige Kabarettistin, in kritischer Liebe zu unsrer Heimat und unsra Mundart!

>>> [... Münchner Merkur online]

>>> [... welt-online]

>>> [... über die Entstehung der Bairischen Sprachwurzel]


Eigene Fotos des AK Heimatgeschichte Mitterfels e. V. >>> Klicken Sie auf das erste Foto, um die Fotostrecke zu starten..

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