Die "amerikanischen Eichen" am alten Bahnhof in Mitterfels

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Wer kennt sie nicht? Die alljährlich wiederkehrende Farbenpracht zwischen dem alten Bahnhof in Mitterfels (jetzt Begegnungszentrum) und der Menachbrücke entlang des Farradweges.   


Quelle: Mitterfelser Magazin 9/2003 - Text und Fotos: Helmut Uekermann

roten_eichen10Ein alteingesessener Straubinger Bürger bestätigte mir vor kurzem, dass es in den 50er Jahren für den Städter zur Familientradition gehörte, im Herbst einen Ausflug nach Mitterfels zu machen. Sein Vater stimmte auf das Großereignis regelmäßig mit den Worten ein: „Steigt´s ein, fahr ma nach Mitterfels zu de roten Baam!” Und  das alljährliche „Herbstspaziergangs-Ritual” begann.

Tatsächlich handelt es sich bei den ca. fünfundachtzigjährigen Roteichen um eine botanische Rarität, zumindest was den großen Bestand betrifft, dürfte dieses Biotop bayernweit wohl einmalig sein.

Die Roteiche  wächst vor allem im Osten Kanadas und in geringerem Ausmaß auch im Norden der USA in Virginia, Tennessee, Kansas und Nebraska. Sie trägt sicher zu einem großen Teil zum spektakulären Naturschauspiel des bekannten „indian summer” bei.

Der Weg nach Europa

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzten in den Wäldern in der Nähe des Ruhrgebietes zahlreiche Schäden an Eichenbeständen ein, die offensichtlich durch die starken Schadstoffeinträge über die Luft verursacht worden waren. Nach 1911 breitete sich dann im gesamten Münsterland ein langanhaltendes Eichensterben aus.

Da die heimische Eiche infolge der zu beobachtenden Schäden nach damaliger Ansicht keine Zukunft mehr hatte, war man gezwungen, auf andere Baumarten auszuweichen und kam unter anderem auf die amerikanische Roteiche.

1919 schrieb der damals in den städtischen Waldungen von Dortmund tätige Revierförster Freywald über die Erkrankung der Waldbestände: „....so wird an den weitaus meisten Tagen des Jahres das Revier von den giftigen Abgasen und Säuren der großen Industrieanlagen bestrichen, während die Nadelbäume am empfindlichsten sind, zeigt die Roteiche allgemein ein nahezu normales forstliches Verhalten.”

Diese Einschätzung führte dazu, dass die größten europäischen Bestände im Münsterland zu finden sind.

Die Roteiche ist tatsächlich äußerst robust und gegen Wicklerfraß und Mehltau nahezu immun. Ihre Resistenz gegenüber Luftschadstoffen machte sie zu einem beliebten Solitärbaum in städtischen Parkanlagen.

Bis in bayerische Gefilde schaffte es die kanadische Eiche (wahrscheinlich aufgrund unserer gesunden Luft) nur sehr selten.

Der Weg nach Mitterfels

Der Volksmund erzählt folgende zwei Varianten: (Var. A) Am 5. Dezember 1896 wurde die Teilstrecke der Eisenbahnlinie Steinburg - Konzell-Süd freigegeben. (Vgl. Mitterfelser Magazin Nr. 2.) Mit den vorausgegangenen Streckenbauarbeiten war unter anderem ein Ingenieur beauftragt, welcher kurze Zeit vorher einen Aufenthalt in Nordamerika hatte. Die mitgebrachten und am damalig kahlen Bahndamm eingepflanzten Eicheln sind der Ursprung des Gehölzes.

(Var. B) Um die Jahrhundertwende wurde die Gastwirtschaft und Brauerei „Leser(keller)” in Straubing verkauft. Die Besitzerin, Frau Leser, errichtete mit den Einnahmen die Bahnhofsrestauration in Mitterfels. Frau Leser war eine Botanik-Liebhaberin und ließ den Gebäudeumgriff mit Roteichen und Douglasien (beides damalige „Modebäume”) aufforsten.

Das Forstamt Mitterfels erteilte die Auskunft, dass beides grundsätzlich möglich sei. Als Begründungsjahr der Pflanzung ist allerdings das Jahr 1917 dokumentiert, somit erscheint Variante B als wahrscheinlicher. Bereits 1964 wurde der Baumbestand als forstliches Saat- und Pflanzgut anerkannt, das heißt die Bäume können zur Gewinnung von ausgewähltem Vermehrungsgut dienen und dürfen somit in den Pflanzenhandel gelangen.

Kleiner Ausflug in die Botanik

Die Roteiche (Quercus rubra) ist ein starkwüchsiger, großer Baum mit durchgehendem Stamm und kräftigen Seitenästen. Die Höhe beträgt 20 - 30 m, in seltenen Fällen bis zu 35 m. Das Wurzelsystem ist flach, weit aus-gebreitet und oberflächennah.

roten_eichen02Die Blüte ist unscheinbar und die Frucht (Eichel) ist kugelig rund, kurzgestielt und hat einen flachen Becher. Die Eicheln sind ebenso wie die Blätter wesentlich größer als bei unseren einheimischen Sorten.

Die Wuchsleistungen übertreffen die unserer heimischen Arten erheblich. Die Roteiche erreicht schon im Alter von 100 Jahren hiebsreife Dimensionen. Das Holz wird allerdings im Möbelbau nicht sehr geschätzt und ähnlich wie die Zierreiche vor allem zu Parkett verarbeitet.

Das auffälligste an der Roteiche ist jedoch die intensive Herbstfärbung der Blätter, die keineswegs nur rot ist, sondern verschiedenste Farbvariationen zeitgleich präsentiert. Die Blätter der Abbildung unten stammen alle von einem Baum und wurden am selben Tag gepflückt.

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Wer erinnert sich noch ?

Ein nützlicher Nebeneffekt der Roteiche ist der sehr früh einsetzende und nahezu jährliche Eichelabwurf (Fruktifikation).

Die großen Früchte dienen deshalb als willkommener Nahrungslieferant für die Wildtiere. So mancher ältere Mitterfelser wird sich noch an die alljährliche Taschengeldaufbesserung erinnern, wenn die Jäger oder „der Forst” Sammelprämien ausbezahlten. Nach einer stürmischen Nacht führten die zahlreich am Boden liegenden Eicheln oftmals zu einem regelrechten Wettlauf der Mitterfelser Jugend um die begehrten „Sammlerobjekte”.

Die Eicheln wurden jedoch auch über viele Jahre als Saatgut gesammelt und an die Firma Steingässer in Ingolstadt zur weiteren Vermarktung geschickt.

Von der Familie Leser wurde das Gehölz an die Familie Börner verkauft, in deren Besitz (Erbengemeinschaft) es bis heute ist.


 

Aus: Mitterfelser Magazin 9/2003, S. 6 - Text und Fotos: Helmut Uekermann

Quelle: Internet

Vielen Dank für die freundlichen Auskünfte an die Forstverwaltung Mitterfels, an Andreas Molz, Helmut Fritsch, Karl Hofbauer, Martin Graf, Josef Denk, Erika Uekermann, Franz Wartner und Rosa Stompe.

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