Mühlen an der Menach (22): Unsere Neumühle

So viel es auch zu erzählen gibt über die Neumühle: Über die Entstehungsgeschichte können wir nur rätseln

 

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Ganz allein steht die Neumühle am Ende des Engtals, darüber am sonnigen Hang das Bienenhaus.

Was mag damals, 2 Jahre nach dem Siebziger Krieg, den Müller Jakob Winklmeier bewogen haben, seine Mühle in Furth aufzugeben und sich stattdessen auf Scheibelsgruberischem Grund anzusiedeln? Wirtschaftliche Überlegungen können es kaum gewesen sein: Um Furth ist doch ein reiches bäuerliches Umland, und die Mühle hat eine günstige Lage und eine bequeme Zufahrt dazu. Der neue Standort aber liegt im tiefen Talgrund, ist abgeschieden und eingeengt, der Weg dorthin ist schlecht, und eine Kundschaft muss erst einmal von den bestehenden Mühlen abgeworben werden.

Im November/Dezember 1873 tätigt er die nötigen Grundstückskäufe. Da ist es für Käufer wie Verkäufer angenehm, dass sich in Mitterfels neben Kgl. Landgericht und Kgl. Rentamt auch noch ein Kgl. Notar befindet, was weite Wege erspart. Den Bauplatz wählt Winklmeier am rechten Bachufer, noch auf Scheibelsgruber Gemeindegrund (bis Ende 1875). Verkäufer ist der Bindermeister Johann Menacher vom nahen Herrnberg (Hausnummer Scheibelsgrub 24). Daneben erwirbt er vom Scheibelsgruber Schmied Johann Gattung noch ein Ackerl und ein Wiesl, gerade groß genug zum Halten einer Kuh. Und vom Scheibelsgruber Ökonom Josef Kastenmaier kauft er ein großes steiles Waldstück auf der linken Bachseite, das an den „Perlbach" angrenzt, und wo die Anlage des Mühlgrabens geplant ist. Alles zusammen sind es 5 Tagwerk und 30 Dezimal.

Doch bevor 1874 mit dem Bau begonnen werden kann. bedarf es einer ordentlichen Zufahrt, eines Abzweigs von der bestehenden Talmühle-Fahrt. Und diese soll auch besser sein: ohne den Steilabfall zum Bach, und ohne die scharfe Kurve am unteren Ende, um die kein Langholzfuhrwerk herumkommt. Wiederum einigt sich Winklmeier mit seinem Nachbarn Menacher, und am 31.3.1874 kann der Mitterfelser Kgl. Notar Michael Eggert eine „Servituts-Constituirung" mit allen „Dienstleistungen" beurkunden. Menacher erlaubt dem Winklmeier, eine Steinmauer am Hang abzutragen und für den Wegbau zu verwenden. Es ist eine Wegbreite von 8 Schuh (knapp 2 1/2 m) vorgesehen. Grundbesitzer aber bleibt Menacher, er hat daher gleichfalls das Wegerecht und darf auch beidseits Bäume pflanzen. Die Unterhaltspflicht aber obliegt den jeweiligen Müllern; dafür genießen sie und die Mühlfahrer das immerwährende Wegerecht.

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Die Neumühle bis 1967: noch mit Mühlrad und Wasserbrücke.

Über den Bau von Wohnhaus und Mühle haben wir keinerlei Unterlagen. Doch einen Namen haben wir von Anbeginn: Die „Hiesigen" haben immer nur „vo da nei'n Muih" geredet - und dabei ist es geblieben! Und eine Hausnummer haben wir auch: „Scheibelsgrub Nr. 24 1/2".

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Erst aus der „Aufnahms-Urkunde" der Königlich Bayerischen Brandversicherungs-Kammer erfahren wir, dass Winklmeier den Antrag auf Versicherung am 19.10.1876 stellte. Das Versicherungsobjekt ist in der Urkunde nur ganz kurz mit „Wohnhaus mit Mühle" beschrieben, um so akkurater aber Person und Zugehörigkeit: „Jakob Winklmeier, Müller zu Scheibelsgrub, Regierungsbezirk Niederbayern, Verwaltungsbezirk Bogen, Gemeinde Mitterfels, Ortschaft Scheibelsgrub". Das „Versicherungskapital" beträgt 7200 Mark - für uns zugleich eine Vergleichszahl mit den Preisen bei späteren Verkäufen. Einen vollständigen Überblick über den baulichen Umfang liefert uns ein Kataster-Nachtrag des Kgl. Rentamts Mitterfels - hier auch mit der geänderten Mitterfelser Plan-Nr. 1632 a: „Wohnhaus mit Mühle, Stall und Stadel, Backofen und Hofraum, zus. 10 Dezimal" (das sind 340 qm).

Keinerlei Kenntnisse haben wir darüber, wie der Betrieb angelaufen ist, und wie sich Bauern, Söldner und Gütler verhalten haben. Und so rätseln wir wiederum, wie einstens beim Neubau, was Winklmeier schon nach 1 ½ Jahren veranlasst, die Mühle zu verlassen und gegen ein Anwesen in der Steuergemeinde Windberg zu vertauschen. Waren es wirtschaftliche Gründe, oder spielte Familiäres herein? Zu Letzterem fällt uns auf, dass Winklmeier bereits im Grundsteuerkataster für das 1. Quartal 1878 als „Wittwer" bezeichnet ist, und dass Winklmeier 4 Tage vor dem Tauschtermin beim Bogener Kgl. Notar eine „Mutterguts-Vertragsurkunde" ausgestellt bekam, die ihn zum alleinigen Besitzer des Hauses Furth Nr. 90 macht (am 18.1.1878). Bereits am 22.1.1878 trifft sich Winklmeier vor dem Mitterfelser Kgl. Notar Eggert mit dem Ehepaar Wolfgang und Theres Ecker und tauscht die Neumühle gegen deren Wohnhaus in Buchaberg Nr. 76 (Gd. Windberg). Der Wert der Mühle ist mit 8.571,43 Mark angesetzt, das Eckerhaus mit 6.857 Mark, so dass sich für Ecker eine „Bar-Aufgabe" von 1714 Mark ergibt.

Nach allem, was jetzt geschieht, hat Ecker die Mühle keine Stunde betrieben, und sich stattdessen um eine weitere Handelschaft umgesehen. Denn bereits 1 Monat später, am 25. Februar 1878, vertauscht Ecker die Neumühle gegen ein Wohnhaus in Apoig Nr. 32 der Eheleute Peter und Theres Kraus. Ecker treibt den Preis der Mühle auf 10.285,57 Mark, wohl weil das Apoiger-Haus auf 17.825,57 Mark taxiert ist, wodurch eine beträchtliche „Bar-Aufgabe" von 7.540,00 Mark entsteht.

Aus dem gleichen Jahr 1878 stammt eine notarielle Urkunde, in der das „Wasserrecht" festgelegt ist, nämlich: Vom Schoppiehlgraben (nahe Beginn des Mühlbaches) bis 250 Schritt (ca. 200 m) unterhalb der Neumühl. Dieser Bachabschnitt erhält eine eigene Pl. Nr.: 1642 ½. Für uns ist interessant, dass wir in dieser Urkunde zum ersten Mal die Namensbezeichnung „Neumühle" antreffen, und dass auch urkundlich die Mehnach als „Perlbach" geführt ist.

neumuehl07 wAuch der dritte Besitzer hält sich nur knapp 7 Monate. Am 20.9.1878 vertauscht er die Mühle gegen das Anwesen des Jakob Kuglmaier in Geßmannszell Nr. 74 (Gemeinde Wiesenfelden). Die Tauschwerte sind hier mit 6.871 Mark und 6.700 Mark niedriger als bei den bisherigen Geschäften, vielleicht auch nur zum Schein, um Gebühren zu sparen.

Die Neumühle und ihre Gründe - M 1 : 5000 (1 cm = 50 m)

Kuglmeier hält sich 2 Jahre. Er tätigt 2 Zukäufe: Als erstes kann er die am Haus beginnende und sich am Bach hinziehende Hierlwiese (Pl. Nr. 1639) mit ihren gut 2 Tagwerk kaufen. Die Verkäufer Xaver und Katharina Groß aus Weingarten Nr. 64 verlangen dafür 1.220 Mark. - Der zweite Kauf ist zwar klein, aber wichtig: Er verlängert das Wasserrecht bei der Schleuse, indem Kuglmeier einen längeren schmalen Uferstreifen vom „Thalbergholz" des Josef Schöfer von Vorderbuchberg Nr. 84 (später Huber, dann „Straßmeier") wegmessen lässt. Das Neumühler Anwesen hat jetzt 2,787 ha oder rd. 8 1/5 Tagwerk.

Am 27. Oktober 1880 beginnt das, worauf der Mitterfelser Leser wartet: Ein neuer Müller kommt, einer der bleibt: Er heißt Benno Wiesbeck. An diesem Tag steht er, der 32-jährige Söldnerssohn aus Feldkirchen, Gemeinde Weixhofen, Amtsgericht Dingolfing, vor dem Kgl. Notar Eggert in Mitterfels, zusammen mit seiner 5 Jahre jüngeren Braut Anna Zeindl, Zimmermannstochter von Holztraubach, Gericht Mallersdorf. Ersterer legitimiert sich durch Vorlage eines Heimatscheins; die Identität der Braut bestätigt durch Unterschrift der dem Notar bekannte Buchberger Brunnengraber Peter Wintermeier. Mit Jakob Kuglmeier werden Kaufpreis und Zahlung festgelegt: 9.000 Mark, zahlbar in 5 Schritten: 1.500 Mark sofort beim Notar – 1.200 Mark fällig im Dezember – 1.100 Mark fällig zu Neujahr – 2.500 Mark fällig in 1 Jahr – 2.700 Mark als Hypothek bei der Distriktssparkasse Mitterfels.

Es wird ein langer Vertrag. Da stehen zuvorderst die Gebäude und die Grundstücke. Man rechnet jetzt schon mit Hektar und Ar. 2,787 ha sind es im ganzen - davon 1,452 ha Wald, 0,823 ha Wiese, 0,242 ha Feld, 0,236 ha „Wasser", 0,034 ha Haus mit Hof. An Sachwerten fällt unter den Verkauf alles, was band-, niet- und nagelfest ist, dann „der" zum Betrieb gehörige Werkzeug, dann die gesamte Mühl-Ein- und Vorrichtung. Der Verkäufer Kuglmeier behält alles übrige Inventar, das er beim Auszug mitnehmen darf. Außerdem darf er bis „Georgi" kommenden Jahres (23.4.1881) die obere Stube benutzen, darf solange auch vom vorhandenen Brennholz heizen, erhält zum Unterhalt 15 „Liter" Erdäpfel sowie täglich 1 Liter süße Milch. Dies alles wird der Taxe halber auf 35 Mark angeschlagen.

Zum Verkäufer Kuglmeier ist noch zu sagen, dass er die, nur 550 m bachaufwärts liegende Talmühle erwirbt, dort alsbald in Schwierigkeiten gerät, und ihm 1903 versteigert wird (wir hören noch davon!).

Um diese Zeit erfolgt auch beim Nachbaranwesen zu Herrnberg ein Wechsel: Neue Besitzer sind Valentin und Kreszenz Wagner. Sie wechseln 1910/11 nach Scheibelsgrub in's Anwesen Nr. 4, das von nun an den Hausnamen „Valentin" führt. Mit dem Wegsterben der letzten drei Geschwister ist auch das vergessen (heute „Weber").

Auf der Neumühle spürt man schon bald den „neuen Wind" eines Tüchtigen. Als erstes sorgt er dafür, dass die Mühlfahrer für die Heimfahrt den Wagen im engen Hof nicht mehr „hint' umihebn" brauchen. Er erreicht vom Herrnberger Nachbarn die verbriefte Zusage für einen Wegbau hinter dem Haus vorbei und um das Haus herum. So kommen die Fuhrwerke unter der hochliegenden Mühlwasser-Rinne direkt vor die Mühlenrampe und können danach geradeaus heim zu fahren.

Im Jahr darauf (18.11.1882) verbessert er mit einem kleinen, aber wichtigen Zukauf die Situation an der Mühlbachschleuse. Er kauft vom Mitterfelser Michael Gruber (Hs. Nr. 8) einen schmalen, aber langen Uferstreifen mitsamt dem dazugehörigen Bachanteil - 340 qm für nur 34 Mark. Auch der Verkäufer behält dort noch ein kleines „Wiesl" und bedingt sich aus, dass der Müller für ihn einen beweglichen Steg anlegt, wenn er - zu Fuß oder mit der Karre - das Gras einholen will. Diese „Servitut" wird vom Notar, der Gebühren halber, auf 6 Mark veranschlagt.

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Links: Servitut 1874 und 1881 beim Kgl. Notar M. Eggert, Mitterfels - rechts: Kaufvertrag 1892 beim Kgl. Notar M. Eggert, Mitterfels

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Oben: Unterschrift des Rentmatmanns Plutz (1875 - 1884) - unten: Unterschrift des Rentamtmanns Hegl (1888 - 1892)

Im Frühjahr 1889 lässt Wiesbeck einen neuen Backofen bauen. Der Mitterfelser Zimmermeister Alois Kißl vermerkt in der Baubeschreibung vor allem den Sicherheitsabstand: 40 Meter zum Wald, und 23 Meter zum Haus. 

Im Frühjahr 1889 fasst Wiesbeck einen Entschluss von großer Tragweite. Er will sich durch einen Brücken- und Wegebau den Buchberg als Kundenkreis erschließen. Dazu erwirbt er jenseits des Bachs das steilwandige „Untere Thalbergholz" mit der angrenzenden „Schauerwiese" - Pl. Nr. 656a/656b, zusammen 1,379 ha. Verkäufer sind Josef und Franziska Huber von Vorderbuchberg Nr. 84 (später „Straßmeier"); der Kaufpreis beträgt 1012 M 50 Pfg. - Ein leichter Weg wird es nicht: Steilheit, Enge und eine scharfe Biegung verlangen von den Mühlfahrern so manche Taktik und verursachen auch Ärger.

Der Besitz der Neumühle beträgt jetzt 4 ha 20,5 a, das sind 12 1/3 Tagwerk. Das meiste davon ist Wald. Aber auch die Landwirtschaft ist nötig; denn vier Kinder sitzen schon mit am Tisch, und drei weitere kommen noch dazu (Geburtsjahre von 1880 bis 1895). 1903, als die einen schon erwachsen, die übrigen schon im Schulalter sind, trifft der Vater die wohl wichtigste Entscheidung: Er erwirbt die zur Versteigerung gekommene Talmühle.
So löst er den Jakob Kuglmeier ein zweites Mal ab - jetzt aber nicht als Müller; denn Wiesbeck legt sofort den Mühlenbetrieb still und nutzt stattdessen die Wasserkraft aus der „ewigen durchgehenden Mühlengerechtigkeit" für eine Pioniertat im Bezirksamt Bogen: Er lässt die Talmühle zu einem kleinen Elektrizitätswerk umrüsten. (Bogen folgt erst 2 Jahre später, Schwarzach 8 Jahre, die anderen Dörfer erst ab 18 Jahre. (Im „Mitterfelser Magazin" Nr. 4/1998 ist darüber berichtet.)

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Familie Wiesbeck, Neumühle (um 1902): Vordere Reihe: Ottilie (1895) - Anna geb. Zeindl (1853-1933) - Benno (1889-1981) - Benno sen. (1848-1935) - Helene (1892) - Hintere Reihe: Maria (1882) - Martin (1886) - Anna (1880) - Fanny (1884) (Fotos im Besitz v. Erika Uekermann)

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Die alt gewordenen Müllersleut' Benno und Anna Wiesbeck

Von nun an hat sich Benno Wiesbeck sen. um 2 Betriebe zu kümmern, und täglich wechselt er hin und her. Für das E-Werk hat er einen Elektriker eingestellt, hat sich dort aber auch eine Kammer eingerichtet und kann so den Betrieb überwachen. Auch die beiden Söhne werden für die beiden Betriebe ausgebildet: Martin als Elektriker, Benno jun. als Müller. Doch an eine Übernahme ist noch lange nicht zu denken. Zum einen, weil beide auch beim Militär und im 1. Weltkrieg dienen; zum andern, weil der Vater ein „Gußeiserner" ist und das Heft lange nicht aus der Hand gibt. Benno jun. übernimmt die Neumühle am 15. Februar 1923, da ist er 33 Jahre alt, und da ist auch die Inflation schon im vollen Gange. 600.000 Rentenmark beträgt die Übergabesumme - und ist dennoch „geschenkt"; denn ½ Jahr später wären es bereits 42 Millionen, und im Dezember 1923 gar 1 ½
papierene Billionen gewesen. - Die Übergabe der Talmühle an Sohn Martin erfolgt erst später.

Für uns ältere ist der Benno jun. immer nur der „Neimuiner Bene" gewesen; er ist auch der Letzte mit dem Namen „Wiesbeck". Die Mühle ist ihm von Anfang an sein „Heiligtum": Keinen der Mühlfahrer lässt er den Getreidesack in die Mühle tragen; das tut er selber, und hinter der Tür stehen seine Filzpantoffel bereit - nicht ein Sandkörnl darf es auf dem Boden geben! Die gleiche Sorgfalt gilt auch dem Mahlgut: Ausgewachsenes oder ein mit Unkrautsamen durchmischtes Getreide nimmt er nicht an. So ist auch das Mehl von bester Art, dazu auch gerecht und ehrlich ausgewogen. Das schätzt der Kunde, und deren Kreis reicht weit herum: Über die nördliche Zufahrt kommen sie aus Scheibelsgrub, Weingarten, Eisenhart, Straßhof, Miething, Zackenberg, Schoppiehl und Mitterfels; die weitesten aber sind der „Bohejzlbauer" von Bonholz und der Geith Albert von Brell unterhalb des Haibacher Hofbergs. - Über die östliche Zufahrt kommen die aus Vorder- und Hinterbuchberg, aus Weingraben, Rammersberg, auch aus Lintach, von Hagnberg, Uttendorf, Riglberg, Dachsberg und Röhrnau; und von ganz weit her, etliche Winter lang, ein Bauer mit 2 Rossen aus dem weit abliegenden Meidendorf, obwohl er doch nach Hunderdorf oder Degernbach oder Schwarzach nur den halben Weg gehabt hätte. Und immer bringt er noch etwas mit: zwei herunterhängende Eiszäpfchen am langen Schnurrbart.

Eine ganz anders geartete Eigenschaft des Benno erfahre ich anlässlich einer Sitzweil auf der Hausbank vor der Mühlentür: seine Liebe zu Bienen und der Vogelwelt. Ich sehe die vielen Nistkästen bis hinein in den Wald gegenüber, und ich erfahre, dass im Taubenschlag schon über Jahre der Waldkauz brütet; und ich sehe die Wasseramsel ein- und ausfliegen bei der Steinmauer unter der Wasserbrücke. Aber der „Bene" sagt das nicht jedem. Und dann erlebe ich etwas Unerwartetes: er führt mich durch seine Mühle. (Natürlich habe ich sofort meine Schuhe ausgezogen!) Ich erfahre, wie sehr ihm alles am Herzen liegt, und wie er, wo nötig, erneuert und verbessert; erfahre dann auch von schweren Tagen, wenn die Schmelzwasser in ganzer Tallänge die Eisdecke heben und sie in seinem Hof an Land schieben, oder ihm den Damm des Mühlkanals überfluten und einreißen. Der häufigen Wasserschäden halber lässt er darauf seinen Hof pflastern.

13 Jahre, bis 1936, wirtschaftet der Benno „ledigerweise" - da sind Mutter und Vater schon verstorben (1933 und 1935). Jetzt aber, als 46-jähriger, heiratet er die Bauerstochter Maria Eibauer aus Weingarten.

Im gleichen Jahr vergrößert er seinen Waldbesitz um die 2 Tagwerk des „Herrnberger Holzes" (Pl. Nr. 1631), gekauft von meinem Vater Johann Wartner aus Scheibelsgrub (weshalb die Müllersleut' bis heute vom „Wartner-Holz" reden). Viel später (1960) kann Benno vom Scheibelsgruber Retzer noch eine Wiese kaufen (Pl. Nr. 1643), die in der notariellen Urkunde statt einfach „Bachwiese" recht wohlklingend als „Bachwiese im Perlenbach" bezeichnet wird.

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Das Mühlrad hat 1967 ausgedient, das schöne Mühlwerk 1987.

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1962 folgt der nächste Generationswechsel, da ist der „Bene" 73 Jahre alt. Seine einzige Tochter Maria heiratet den Bauernsohn Josef Kettl von Agendorf und Benno übergibt ihnen, hilft auch weiterhin und lernt den Nicht-Müller an. Dieser übersieht frühzeitig die zukünftige Entwicklung und beantragt bereits 1965 die wasserrechtliche Nutzung für ein kleines E-Werk. Es wird 1967 unter großen Schwierigkeiten gebaut: Da muss der Mühlbach umgeleitet und der Hauptbach abgeriegelt werden, und der Untergrund zeigt sich als gewaltiger blauer Gneis. Die hölzerne Wasserbrücke und das (inzwischen eiserne) Wasserrad werden abgebaut, letzteres an einen Privat-Stromerzeuger verkauft. Turbine und Generator versorgen darnach die Mühle mit eigenem Strom. Überzähliger Strom wird von der OBAG abgenommen - umgekehrt wird bei Bedarf Strom zugeliefert.

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Hier friedliche Idylle: Der Waldkauz hat im Taubenschlag seine Brut groß ge­zogen (Foto: Otto Wartner),
dort wütende Natur: Der Perlbach hat die Eisdecke geho­­ben und am Ende des Engtals bei der Neumühle abgeladen.
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Das E-Werk entsteht

In dieser Zeit wird auch der landwirtschaftliche Besitz ausgeweitet. Der Scheibelsgruber Rupert Merl verkauft die „Schusterwies" (Pl. Nr. 1644) und die angrenzende „Kufnerwies" (Pl. Nr. 1645), wo einst auch die (schon beschriebene) „Wartner-Säge" gestanden hat. Zusammen sind es 4 Tagwerk, und von der Lage her passen die Wiesen gut zur Neumühle. Mit der Zupachtung weiterer Gründe kann der Viehbestand auf 4 bis 5 Milchkühe und etliche Jungtiere aufgestockt werden.

Das Mühlensterben aber schreitet unaufhaltsam fort. Für die Neumühle endet 1987 der Mühlenbetrieb, und mit der Wohnhauserweiterung ab 1995 wird auch das Mühlenwerk abgebaut. Die „Neumühle" ist jetzt nur noch ein kleines Zuliefer-E-Werk. Aber auch das ist gefährdet: Die einst auf 30 Jahre beschränkte Zulassung ist abgelaufen, und die neu berechneten Werte für die, dem Hauptbach verbleibende Restwassermenge sind weit höher als bisher angesetzt. Bliebe es dabei, blieben von der „Neuen Mühle" von 1876 nur noch der Name und die Erinnerung. Dies aber will keiner von uns, die wir die Geschichte der Neumühle nicht nur zusammengetragen, sondern sie großenteils auch noch selbst erlebt haben. [Stand: 1999]

Alle Fotos ohne andere Quellenangabe im Besitz der Familie Kettl, Neumühle


 

Quelle: Franz Wartner, in: Mitterfelser Magazin 5/1999, S. 65 ff

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