Mitterfels. Lesung von Wolfgang Hammer zum Thema Kriegstrauma

lesung ich will doch noch leben

Autor Wolfgang Hammer stellte sein Buch vor. (Foto: erö)

 

Keine leichte Kost bekamen die Zuhörer bei der Autorenlesung von Wolfgang Hammer serviert, die kürzlich im Stüberl des Burgmuseums Mitterfels stattfand. Eingeladen hatten der AK Heimatgeschichte und der bayerische Wald-Verein Mitterfels. Wolfgang Hammer, Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte, war Beratungslehrer und ist ausgebildeter Psychotraumaberater. Unter dem Pseudonym Wolf Hamm beschäftigt er sich in dem Buch „Ich will doch noch leben – eine Kindheit nach 1945“ mit den Folgen des Zweiten Weltkrieges.

Zuerst ein leises Klimpern auf dem Klavier, das die Zuhörer aufhören lässt, dann immer dringlicher die Melodie von „Maikäfer flieg, der Vater ist im Krieg ..“, abgehackt klingt das, traurig, verzweifelt. So traurig und verzweifelt wie das Leben der Familie Angsterer, von der erzählt wird. Vater Adam kehrt traumatisiert aus dem Krieg zurück, Mutter Désirée leidet unter ihrer Gehbehinderung und flüchtet in die Welt der Bücher, und Sohn Wolfram stößt in Familie und Gesellschaft überall auf Reste der Vergangenheit.

Das ist schwer für den Jungen, denn der Vater prügelt, die Mutter ist nicht wirklich anwesend, und Freunde, die Halt geben könnten, gibt es nicht. Schließlich gelingt es Vater Angsterer, als angesehener Fotograf in der Gesellschaft Fuß zu fassen. Doch als sich herausstellt, dass die Mutter während des Krieges eine Liaison mit einem amerikanischen Besatzungssoldaten hatte, und Wolfram vielleicht nicht Adams Sohn ist, bricht die Welt der Familie gänzlich zusammen.

In Bild und Wort schildert Hammer die Grausamkeiten des Kriegsalltags an der Front, spielt mit der Stimme, wenn er von den Stammtischlern der Nachkriegszeit erzählt, von Albträumen und Erinnerungen, die keiner hören will. Hammer malt auch ein Bild von der Einsamkeit des Jungen, der fettleibig geworden ist und eine Enttäuschung nach der anderen erlebt. Dass Wolfram den Selbstmord seines Vaters überlebt, der den Sohn mit in den Tod nehmen will, verdankt er nur der Feigheit von Adam. Sein Aufschrei „ich will doch noch leben“ betitelt das Buch. Das Ende bleibt offen.

Wolfgang Hammer beschränkte sich an diesem Abend nicht auf eine reine Lesung. Er ging einmal auf die historische Situation im Nachkriegsdeutschland ein mit allgemeiner Existenzangst und Besatzern, die vergewaltigen, und schilderte zum anderen die Probleme traumatisierter Menschen. Hammer sprach von Gefühlsstau, von Panik und Vernichtungsängsten, die sich im Prügeln entladen, von Wutausbrüchen, die in Depression enden können. „Die dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltwahrnehmung macht krank“. Zum Schluss ein Fazit: Eine positive Bindung an eine Vertrauensperson kann solche Wunden heilen.

„Starker Tobak“, war der Kommentar von Martin Graf vom Wald-Verein mit einem Dank an den Referenten. Erinnerungen an die Schul- und Kriegszeit seien lebendig geworden, so Graf. Das Thema Kriegstrauma sei bis heute aktuell, aber auch die Menschen in der Burg hätten schlimme Zeiten erlebt. Das Buch ist in drei verschiedenen Ausgaben im Buchhandel erhältlich.

Quelle: Elisabeth Röhn, in: Bogener Zeitung vom 26. November 2015 (Zeitversetzte Übernahme des Berichts aufgrund einer 14-tägigen Sperrfrist.)


 

 

Vorbericht

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Leseprobe


 

Wolchow

»Deutsche Volksgenossen und Volksgenossinnen!«

Blechern schnarrten die Laute über verschneite Felder, wogten durch das Gestrüpp nahegelegener Wälder, prallten gegen die zerschossenen Mauern des Städtchens Wolchow und machten die in den Bauernkaten verbliebenen Alten, Mütter und Kinder zittern.

Aus den geöffneten Fenstern einer Bretterbude, in der die Lazarettapotheke des Hauptverbandsplatzes kümmerliche Lagerungsmöglichkeiten fand, schepperten die Wörter und beschallten die Ortschaft.

»Deutsche Volksgenossen und Volksgenossinnen!«

Das Johlen einer Gruppe von sieben Saufbrüdern begleitete die gebrüllten Silben. »Weida!«-Rufe und »Bravo, Adam!« und »Jetz werd’s lusti!« zeigten die Gier der Saufenden nach Unterhaltung.

Adam Angsterer, Sanitätsunteroffizier, im bürgerlichen Leben Fotograf, hechtete seinen schlanken Körper auf einen Tisch, nahm eine Rednerposition ein und steckte seine Brille weg. Er befeuchtete seine schwarzen Haare mit Spucke, sodass er sie tief in die Stirn hineinziehen konnte. Dort klebten wie beim Mann aus Braunau. Mit fanatischem Ernst stierte Adam auf das Regal mit den Flaschen reinen Alkohols, aus denen er einen Schnaps für seine Kameraden der Sanitätsabteilung des Grenadierregiments 19 gebraut hatte: für die gestandenen Urbayern aus Landshut, München, Rosenheim, Augsburg und Freising. Die Kälte sollte er aus den Gliedern treiben und das Gehirn vernebeln, dort die Bilder zerstückelter Menschenleiber mildern, sie in angenehme Vorstellungen verwandeln und letztlich in den Anblick der Geliebten zu Hause, die man ja verteidigte, auflösen. Aus seiner rechten Hosentasche zerrte er einen Kamm und hielt ihn so vor die Nase, dass er einen großen Teil mit der Hand abdeckte und nur ein kleiner Teil auf der Oberlippe hitlerschnauzbartig Platz fand. Sein Kinn reckte er weit nach vorne. Langsam hob er es. Dann drehte er den Kopf nach links, nach rechts, musterte ausdruckslos die Zuhörerschaft, fixierte die Alkoholflaschen:

»Deutsche Volksgenossen und Volksgenossinnen!«

Und nun hetzte Adam furios durch die Phrasen aller Hitlerreden »… und Gott führte einen Österreicher in das Deutsche Reich …, … ich, ein kleiner Gefreiter …, … durch Gottes Vorsehung gesandt …, … Versailler Diktat …, … Lebensraum …, … Blut und Boden …, … gesunder Volkskörper …, … Schmarotzer …, … jüdische Weltverschwörung …, … kommunistische Hetzer …, … Blitzkrieg mit Gottes Hilfe …, … siegen oder untergehen …«

Zwischenrufe unterbrachen die Rede: »Da Buildlmaler« und »Hofbräuhauspolitika« oder »Scheißdreck, vadammta« und »da Hundskrüppe«.

Adam hatte alkoholselig eine Komödie aufführen, den Jammer der letzten Tage in Lachen verwandeln wollen. Angstwut sollte sich durch eine Verhunzung des obersten Deutschen seelische Linderung verschaffen. Nach einigen Minuten ließ ihn ein schales Gefühl des Überdrusses verstummen. Er stieg betreten vom Tisch und setzte sich neben Richard Heiler, der die Kräuterschnapsflasche nahm und die Wassergläser vollschenkte, »Prost« rief und »Ex« und dabei mit einer Hand unter dem Tisch sanft über einen Oberschenkel von Adam streichelte.

Alle sahen sich ernüchtert an.

Die Stimmung war verdorben.

Angst kroch durch ihre Glieder, Todesangst.

Wer würde sie verraten, der da oder der da oder doch …

War der nicht in der Partei?

Auf so eine Rede stand Erschießung: Beleidigung des Führers!

Und wer zuhörte: mindestens Strafbataillon, Tod auf Raten!

Sie soffen nun ernsthaft und systematisch, bis sie auf dem Boden zusammengekrümmt in einer Kotzsoße eingeschlafen waren.

Adam lag mit zuckendem Oberkörper über dem Tisch und jammerte, dass es sein Sohn einmal besser haben solle. »Für an Sohn hold i dees aus. Füar mei Frau und mein Sohn.« Geheiratet hatte er zwei Tage, bevor er nach Russland musste. »Mei Désirée, mei Désirée, bleib’ ma treu.«

Geruchsschwaden von Urin und Gekotztem durchzogen den Raum.

Die russische Kälte biss sich durch die Ritzen der Bretter, als könnte sie so die Deutschen vernichten.

Dr. Richard Heiler, der neben Adam eingeschlafen war, befehligte als Chefarzt das kleine Lazarett in Wolchow. Er war allseits beliebt. Sein freundlich sonorer Bariton umschmeichelte die Zuhörer, griff ihnen samten ans Herz und beruhigte ihre Nerven, nahm Ängste, harmonisierte die kleine Gruppe zu einer eingeschworenen Gemeinschaft. Ruhig und sicher trat er Vorgesetzten und Untergebenen gegenüber. Seine kräftige, gedrungene Gestalt und sein breit-lächelndes Gesicht weckten Vertrauen: ein Arzt nach dem Herzen des Volkes, ein guter Kamerad.

Im Inneren sehnte sich eine lyrische Seele nach reiner Natur und reiner Liebe, dort füllten Melodien der deutschen Romantik sein Herz und rührten ihn zu Tränen – »In einem Bächlein helle«; »Wer reitet so spät durch Nacht und Wind«; »Der Mond ist auf … und unseren kranken Nachbarn auch.«

Doktor und Fotograf verstanden sich gut: kameradschaftlich vonseiten des Arztes, Zuneigung heischend vonseiten des Unteroffiziers, von Gestalt ein Gegenbild des Arztes: hager, dünnlippig, mit dem starren Blick eines Idealisten. Hysterisch lustig erzählte er allen, dass »er koan Sitzadn« hätte, dass sein »Oasch« unruhig sei.

Die beiden erholten sich schnell vom Rausch, sattelten ihre Pferde und ritten eine matschige Landstraße entlang, um sich durch die Bewegung einen klaren Kopf zu verschaffen.

Sie philosophierten darüber, wie Gott das alles zulassen könne, warum deutsche Soldaten Dörfer niedergebrannt und Frauen, Kinder und Alte niedergeschossen hätten. Warum Gott nicht eingreife, trotz der Gebete um Frieden, warum Gott so eine Zerstörung der Welt zulasse. Wo denn Gott sei, fragte Adam immer wieder, aus einer tiefen Religiosität heraus, die ihn vor seiner Heirat darüber hatte nachdenken lassen, ob er nicht Mönch werden sollte.

Plötzlich peitschte ein Schuss aus dem Dickicht eines nahen Wäldchens, an dem Doktor und Fotograf vorüberritten.

Adams Pferd bäumte sich getroffen auf und stürzte zu Boden.

»Scheiße!«

Das Pferd riss den Reiter mit und quetschte seinen linken Fuß zwischen Leib und Straße ein.

»Partisanen! Scheiße!«

Richard zügelte sein aufsteigendes Pferd und drängte es neben den am Boden zuckenden Gaul von Adam. Der schob seinen Körper hin und her, um sein linkes Bein zu befreien, und schrie dabei fürchterlich:

»Brocha! Vareckte Scheiße! Kruzifix!«

Aus dem Leib des sterbenden Pferdes quoll stoßweise tiefdunkelrotes Blut. Es hob seinen Kopf und schaute mit geweiteten Augen auf das Loch im Bauch, aus dem seine Lebenskraft schoss und Adam bespritzte. Dieser wand sich hin und her. Als sich das Tier im Todeskampf halb aufrichtete, zog er das Bein weg und kroch seinem Retter entgegen.

»Huilf ma!«

Schüsse!

Eine Gruppe von Partisanen rannte aus dem Unterholz des nahen Wäldchens hervor und schrie Unverständliches.

»Gib’ ma dein’ Arm. An Arm hoch!«

Richard packte seinen Kameraden, zog ihn auf sein Pferd und legte ihn vor sich bäuchlings über den Pferdehals.

»Weg, weg. Hoit di fest!«

Schüsse.

»Na, hoit, mei Reitpeitschn, mei Reitpeitschn, de muass i ham.«

Fluchend schwang sich Richard vom Pferd, rannte zu der Reitpeitsche mit einem silbernen Knopf, der ein freundlich grinsendes Kasperlgesicht mit Narrenkappe darstellte, zog sie unter dem Pferdeleib hervor und stolperte zurück. Dabei schrie er wie am Spieß, schwang sich auf sein Pferd und schlug mit der Kasperlkopfpeitsche hemmungslos auf das Tier ein. Mit stieren Augen tobte es durch den Schnee, während die beiden Männer sich angstbrüllend und -kreischend ineinander festkrallten.

Erneut Schüsse!

Adam zuckte zusammen: »Troffa, am Arm. Weg, nix wia weg, nua weg, weg, weg!«

Keuchend stand Richard in den Steigbügeln, hielt mit einer Hand die Zügel, mit der anderen den wimmernden Adam. Sie erreichten blutverschmiert das Lazarett.

Teil I: Rosenau

Eine Feldpostkarte lag auf dem Biedermeiertischchen von Désirée Angsterer, in dem sie ihre Nähutensilien verstaute. Nüchtern teilte sie der Ehefrau mit, dass er, Adam, eine Kugel in den Oberarm »abgekriegt« und sich ein Bein gebrochen habe, dass jetzt alles verheilt sei und er sich schon wieder bewegen könne. »In Treue, Dein Adam, geschrieben an Deinem Geburtstag, dem 24. 2. 1943.«

Désirée, die in der Villa ihrer Eltern in Rosenau ihr Mädchenzimmer »bis der Krieg zu Ende ist« bewohnen wollte, studierte die Postkarte – es war die erste, die sie von ihrem frisch Angetrauten bekam. Sie ließ die Socken ihres Vaters, die sie gerade stopfte, sinken und träumte sich, von Mitleidswellen für ihren verwundeten Mann überflutet, sein schmales Gesicht, seine braunen Augen, und seine hagere Gestalt herbei und umflorte sie mit all den Liebeswonnen, die er vor etwa einem Jahr in ihr ausgelöst hatte und ihre gefrorene Seele so lebendig hatte werden lassen, wie sie es bis zu diesem Zeitpunkt nur in Romanen gelesen hatte. Ein Bild von einem Jungen überlagerte das des Verletzten. Das Antlitz eines pausbäckigen Wonnepfropfens, den sie verwöhnen wollte, so gut sie es nur konnte.

 

 

 

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