Erinnerungen ans "Roiwagl-Fahrn"

waldbad_ausschnittNach dem Bau der Wasserleitung 1949 [mehr zu diesem Projekt hier] wandte sich Bürgermeister Albert Dietl mit seinen Gemeinderäten vor 60 Jahren (1952 und 1953) dem Ortsstraßenbau zu, der der Bevölkerung eine staub- und dreck­freie Fahrbahn be­scheren sollte. Anfangs der Fünf­ziger verwendete man Granitstein und Granitschotter als Unterbau für eine moderne, geteerte Straßendecke. Das Material kam aus dem Mitterfelser Steinbruch am früheren Waldbad. Dazu hatte Franz X. Schwinghammer besondere "Lausbuben-Erinnerungen". (Red.) ...

 

Früheres Mitterfelser Waldbad mit dem Steinbruch (rechts), der in der "Lausbubengeschichte" von Franz X. Schwinghammer genannt ist. (Foto: Franz Stolz)


Nach dem Bau der Wasserleitung 1949 (Mitterfelser Magazin 5/1999)  wandte sich Bürgermeister Albert Dietl mit seinen Gemeinderäten dem Straßenbau zu, der der Bevölkerung eine staub- und dreck­freie Fahrbahn be­scheren sollte. Anfangs der Fünf­ziger verwendete man Granitstein und Granitschotter als Unterbau für eine moderne, geteerte Straßendecke. Nicht anders lief das auch in Mitterfels, als die Burgstraße und die Lindenstraße ihr Gesicht veränderten.
Damit erübrigte sich auch, dass die Mamis wie in jedem Frühjahr mit ihren Kinderwagerln zur “Teerstrass“ zogen, um mit ihrem Nachwuchs in den ersten Frühlingssonnenstrahlen sau­beren Fußes promenieren zu können. Diese “Teerstrass”, heute Stein­burger Straße genannt, existierte da­mals als eine der wenigen weit und breit.
Anlässlich dieses Mitterfelser Stra­ßenbaues sah man wie zuvor bei der sehr beschwerlichen Wasserlei­tungs­graberei zum Teil wieder die gleichen Männer mit Schaufel und Pickel bewehrt im Einsatz. Es handelte sich häufig um aus der Kriegsgefan­gen­schaft entlassene Soldaten, die zum Beispiel ihre aus Schlesien geflohenen Ehefrauen in Mitterfels wieder gefunden hatten. Diese Männer also brauchten zur Grundierung des Projektes den bereits erwähnten Granit.
Das Material kam aus dem Mit­terfelser Steinbruch am Waldbad. Die Badelustigen sahen die Liegewiese groß und größer werden, je mehr Fels ab­gesprengt und verarbeitet wurde. Da­zu stellte man eine Steinquetsche am rechten Perlbachufer auf, die auf einem Betonsockel platziert wurde, den man heute noch sehen kann. Die­ses Fundament steht etwa 50 Meter von der Badwiese entfernt in Richtung Höllmühle.

 

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"Die Badelustigen sahen die Liegewiese groß und größer werden, je mehr Fels ab­gesprengt und verarbeitet wurde." (Früheres Waldbad, 1960; Aufn. und Verlag Foto Eiglsperger, Mitterfels - Sammlung Christl Jakob)

 

Ein schmales Gleis führte vom Steinbruch zur Quetsche, das von einer niedlichen Diesellok mit einer An­zahl von “Roiwagerln” benützt wurde Und diese Wagerl erweckten in mir, im Groß Kare und im Kroll Edi einen kleinen, aber nicht unterdrückbaren Geschwindigkeitsrausch.
Eines schönen, trockenen Frühlings­sonntagvormittags begaben wir uns gleich nach der Kir­che, jeder in seinem einzigen Anzug, natürlich jeder auch fein säuberlich mit seiner einzigen Krawatte geschmückt, "ins Bad hintare”.  Wir begutachteten fachmännisch die Rollwagerlbahn und sahen, dass die Lok oben bei der Quetsche mit einigen muldenbestückten Wagen stand. Auf der Badwies war ein “na­ckertes Roiwagl” auf einem Neben­gleis abgestellt, also eines ohne Mul­de. Genau dieses Fahrzeug wurde zum Objekt unserer Begierde.


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So ähnlich könnte die kleine "niedliche Diesellok mit einer Anzahl von Roiwagerl" ausgesehen haben. Wir sind bis jetzt noch nicht "foto-fündig" geworden. © ft

Wir vereinbarten das Gerät bis zur Quetschenrampe hoch zu schieben und beim Herunterfahren etwa in der Mitte der Badwies abzubremsen. Als Bremsvorrichtung sollte ein anderthalb Meter langer, acht Zentimeter star­ker, grüner Eichenprügel dienen. Als Bremser meldete sich der Kroll Edi. Ich betätigte mich als Zugführer und der Groß Kare zusammen mit mir als Anschieber.
Also gingen wir ans Werk. Das “nackerte Wagerl” ließ sich gut anfassen, weil die störende und vielleicht auch verdreckte Mulde fehlte. Jeder passte auf seinen einzigen Anzug nebst Krawatte peinlich genau auf. Vor allem achteten wir bei jedem Schritt bergan, dass unser Sonntagsgwand die verrosteten Aufbauten nicht berührte, denn Rost wäre doch nie mehr aus unseren Anzugsstoffen heraus zu bringen gewesen. Bald erreichten wir die Quetschenanhöhe und es wurde aufgesessen.
Der Bremser Edi stand am vorderen linken Eck an der erstklassigen Qua­litätshandbremse, die er fest mit einer Hand umfasste, um sich mit der anderen am Rollwaglgestell fest zu halten. Der Kare sprang auf das rechte hintere Eck auf und ich auf das linke, nachdem wir “gscheit” angeschoben hatten. Unser Gefährt nahm überraschend schnell Fahrt auf. Es schepperte mit uns drei Piloten zunächst durch eine Linkskurve und dann kam eine Rechtskurve des Gleises, das uns bei schneller wer­dender Fahrt hurtig un­serer geplanten Haltestelle näher bringen sollte. Unser Flitzer fetzte noch über eine Gleisweiche und blieb schlag­artig stehen.
Der Bremser Kroll flog in hohem Bogen halblinks nach vorne aus dem Wagerl, der Anschieber Groß nach rechts und ich folgerichtig nach links, allerdings nicht ohne mit der Innen­seite meines linken Beckens den Wa­gerl-Aufbau berührt zu haben. Neben­bei bemerkt: im Alter wurde aus mir ein Triathlet, der ausgerechnet bei seinem wichtigsten Rennen, nämlich auf Hawaii, aus dem Wasser kommend beinahe vor Schmerzen in dieser linken Hüfte vom Rennrad gefallen wäre. Einen Monat nach Hawaii, in meinem vierundfünfzigsten Lebens­jahr stellte man einen Leistenbruch fest. Die Operation zeigte dann, dass es sich sogar um einen doppelten handelte.
Der Bremser Edi kam auch nicht gut davon. Er brachte nämlich seinen rechten Fuß unter ein  “Roiwaglradl”. Er durfte allerdings - als Schuster­geselle in Straubing beschäftigt - von unserer Sonntagsfahrt nichts sagen, weil er seinen Arbeitsplatz gefährdet sah. Als Rechtshänder musste er dort seinen kleinen Schusteramboss wie üblich über das rechte Knie spannen und brav den lieben Tag lang mit seinem Schusterhammer draufklopfen. Nur der Anschieber Kare kam mit ei­nem verdreckten Sonntagsanzug da­von. Ein Tatbestand, den die beiden anderen obendrein noch mittragen durften.
Der Grund für den plötzlichen Fahrzeugstillstand lag in der bereits er­wähnten Weiche, die einen Rumpler auslöste, der dem Bremser den Ei­chenprügel aus der Hand gleiten ließ. Der Prügel verkeilte sich zwischen “Roiwaglgestell” und einer Schienen­schwelle und bremste das Gefährt abrupt ab.

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Abb. links: Das Material für den Straßenbau wurde im Steinbruch beim Mitterfelser Waldbad abgesprengt und von einer kleinen Lok in "Roiwagl" zu einer Steinquetsche bachaufwärts befördert. - Abb. rechts: Rund 50 Jahre später (Januar 2003) zeigt Franz Schwinghammer dem Fotografen die Quetschenrampe in der Nähe des alten Waldbades, an der die drei Lausbuben ihre "Roiwagl-Fahrt" starteten. © ft


 

Quelle: Franz X. Schwinhammer, in: Mitterfelser Magazin 9/2003, Seite 127

 

 

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