Spanische Siedlungen eines bayerischen Söldners

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Die Kolonie entwickelte sich. 1775 gab es 26 Kirchen und 1172 Häuser in Städten und Dörfern und 1110 Häuser auf den Landgütern, 15 Wirtshäuser und 20 Mühlen. Die Kolonisten hatten 243 431 Oliven-,  534 788 Maulbeer-, 28 872 Obstbäume und 483 848 Weinstöcke gepflanzt. Sie betrieben je eine Tuch-, Woll-, Seiden-, Bänder- und Leinenfabrik mit zusammen 216 Webstühlen, zwei Hutfabriken und drei Porzellanmanufakturen sowie zahlreiche Handwerksunternehmen. Als dort so genannte „deutsche Kolonien" sind Aldenanuovo, Burgueta, Urbida, Faices, Liedenau, Erla (nach Siedlern aus dem Donautal!?), das Tal des Rio Arba de Biel, St. Martin, mindestens drei Orte mit Mariennamen, St. Galli-Neuhaus („Villanuovo de Galli"), Güesa (mutmaßlich als Siedlung von Hessen aus der Gießener Gegend), San Elena, Guaxroman und La Carlota bekannt. Erdställe in einigen Gemeinden deuten auf bairische (Aus-) Siedler: Denn Baiern gruben schon bei ihrer weit früheren Binnenwanderung an neuen Siedlungsorten Erdställe als Leergräber: als Angebot an die Seelen ihrer Ahnen, sich im Hause ihrer Nachfahren niederzulassen.

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Der „deutsche” Bauer Sebéstien Hipner (der Familienname lautete ursprünglich Hübner) in San Elena in der Sierra Morena. Sein Pferd ist typisch deutsch eingespannt. (Foto links) - Die Vorfahren von Frau Simmermann (Zimmermann!) aus Guaxroman stammten aus Würzburg. (Foto rechts)

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„Deutscher Hof” in der Sierra Morena - von Olivenhainen und Mohnblumenwiesen umgeben

Schon in der dritten Generation, um 1850, waren die Einwanderer integriert. Ihre Sprache vermischte sich mit der spanischen, blieb aber hörbar. Unter anderem Nachfahren altbairischer Bauern züchten bis heute jene Stiere, die alljährlich im Juli während der weltbekannten „Feria" durch die Stadt Pamplona getrieben werden.

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Bayerisch - schwäbische Familie Witsbek (ehem. Wiesbeckh) in La Carlota um 1900

Nur Thürriegel verließ das Glück. Spanische und deutsche Kompagnons sowie Wiener, Münchner und Pariser Diplomaten und spanische Hofschranzen intrigierten gegen ihn. Gerüchte, dass er dem spanischen König auch Protestanten, Landstreicher und Straftäter sowie ruhelose Bettler untergejubelt und betrügerische Abrechnungen erstellt habe, schadeten ihm. Im Bewusstsein, überlange Prozesse nicht durchhalten zu können, suchte Thürriegel Anschluss an und Hilfe bei Österreich. Doch dort wurde er abgewiesen;  der Verlust der habsburgischen Macht in Spanien und der Krone dieses Landes war in Wien noch nicht verschmerzt und erst recht nicht abgehakt. Dass Thürriegel auch Landeskinder des deutschen Kaisers und böhmischen Königs ins Ausland vermittelt hatte, war nicht verborgen geblieben. Bayerns Kurfürst beantwortete Thürriegels Anfragen von 1775 wegen einer Heimkehr nicht, ließ aber dessen Befürworter Graf Spreti deutlich spüren, dass er dessen Fürsprache ablehne.

Der gealterte Thürriegel wurde krank. In Madrid hatte er einen deutschen Kaufmann zu seinem Geschäftspartner gemacht und dort sein Geld angelegt. Der Partner betrog ihn übel und zeigte ihn als Schmuggler und Gegner der katholischen Lehre und Kirche an, als Thürriegel sich seiner entledigen wollte. Der alte Obrist wurde um 1785 als Ketzer verhaftet und von der Heiligen Inquisition ins Gefängnis von Pamplona geworfen. Sein Haus in Valencia wurde versteigert, seine kostbaren Möbel und Bilder an Gläubiger verteilt, Bargeld, Schuldscheine und Schmuck veruntreut. Seine Frau verelendete. Die Tochter heiratete 1813 einen französischen Offizier und zog mit ihm nach Frankreich. Sein einst so jämmerlich in Deutschland zurück gelassener Sohn musste als einfacher Soldat Dienste nehmen und verschwand in den Napoleonskriegen spurlos. Vergebens bat Thürriegel, als ihm nach einem Jahr die Flucht gelang, den König um Gnade. Sein Auftrag war erfüllt, das königliche Interesse an dem deutschen Ketzer, gegen den Wien, München und Berlin hetzten, geschwunden. Vergebens bat auch seine verarmte Frau am 3. Juli 1793 um die Freilassung ihres unschuldigen Mannes. Um 1795 starb er im Gefängnis. Sein Leichnam wurde an der Gefängnismauer verscharrt, weder das genaue Todesdatum, noch das Grab sind bekannt.

In seiner Heimat verschwand um die Jahreswende 2000/2001 als letztes öffentliches Andenken an Thürriegel sein Elternhaus in Gossersdorf: Der angeblich aus Vergesslichkeit nicht in die Denkmalliste aufgenommene Doppelgeschossblockbau wurde abgerissen.

QUELLEN:

  • Erinnerungen der Familie Schlecht/ Neurandsberg.
  • Regionalarchiv Pamplona/Spanien mit spärlichen Hinweisen auf die Kolonie, aber ohne Thürriegel-Akten.
  • Staatsarchiv Madrid zur Bevölkerungsentwicklung im 18. Jahrhundert.
  • „Die deutsche Kolonie in der Sierra Morena", J. Weiß im Jahresbericht der Görres-Gesellschaft 1907, Bachem-Verlag Köln.
  • „Befestigung und Belagerung der baierischen Haupt-Stadt Straubing i. d. J. 1633, 1704 und 1742", J. von Mußinan, Straubing, 1816.
  • Pater Norbert Dr. Backmund/Windberg (24. Juni 1961 im Straubinger Tagblatt), K. Pösl/Bogen (1972, Straubinger Tagblatt) und Ralf Linn (Pfingsten 1993, Bogener Zeitung) über J. K. Thürriegel: Dass die Inquisition den Mann zur Strecke brachte, wird dort verschwiegen.
  • Hans-Peter Burmeister in „Richtig reisen - Andalusien", DuMont Buchverlag Köln, 1991.
  • Eigene Umschau in der Sierra Morena (1998) und Gespräch mit Nachfahren des Paul Firmenich: Dieser Ahrtaler war als 40-Jähriger mit Frau und acht Kindern in die Sierra Morena ausgewandert, dort 22 Mal zum Bürgermeister (Alcalde) gewählt worden und am 30. September 1852 gestorben, angeblich 121 Jahre alt.
  • „Akt, den spanischen Oberst Thürriegel und sein schädliches Colonisten-Werben betr. 1767 - 1770", Bayer. Geh. Staatsarchiv München, Kasten schwarz, 294/37, neue Nr. 6936.
  • Rudolf Reichhart: „Johann Kaspar von Thürriegel" in „Der Landkreis Straubing-Bogen", Hrg. Landkreis Straubing-Bogen, Straubing, 1984.

 

FOTOS und REPRODUKTIONEN im Besitz von S. M. Westerholz 


 

Die vorliegende Arbeit wurde erstmals am 20. Januar 2001 im Ingolstädter „Donaukurier” veröffentlicht. Wir freuen uns sehr, dass S. M. Westerholz uns seine Arbeit über J. K. von Thürriegel, der ja von Mitterfels aus seine abenteuerliche Laufbahn begann, honorarfrei zur Verfügung stellte. Ein herzliches Dankeschön!

Im MM 6/2000 durften wir bereits seinen Beitrag „Johann Wartner, der Kanzler-Macher von Scheibelsgrub” veröffentlichen.

Redaktion MM

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