Der Tod des einen – Jesus Christus – wurde zum Leben für die vielen

2026 04 03Colmar Isenheimer Altar by Matthias Grunwald 

Isenheimer Altar in Colmar (wikimedia/commons/Arnoldius)

Predigt an Karfreitag von P. Dominik Daschner OPraem …

… in der Pfarreiengemeinschaft Mitterfels-Haselbach

Haben Sie einen Organspender-Ausweis in der Tasche oder im Geldbeutel? Haben Sie sich schon einmal darüber Gedanken gemacht, ob Sie im Fall des Falles für eine Organtransplanta­tion zur Verfügung stehen würden, und dies entsprechend dokumentiert?

Ende 2025 haben in Deutschland 8.207 Menschen auf eine Organtransplantation gewartet. Demgegenüber steht die relativ kleine Zahl von 985 Organspendern im selben Jahr. Das hat Folgen. Durchschnittlich drei Menschen, die auf der Warteliste stehen, sterben pro Tag, weil kein passendes Organ zur Verfügung steht. Für sie hat sich kein Spender gefunden. Leider.

Welches Glück hatte dagegen ein Herr – nennen wir ihn Herrn Felix -, dem per Telefon die Nachricht übermittelt worden ist, dass nunmehr die lang ersehnte Spenderniere zur Verfügung steht. Bis zu dem Telefonat schwankte Herrn Felix Gefühlslage zwischen „Es wird sich schon ein Spender finden“ und einem melancholischen „Lange werde ich wohl nicht mehr leben.“ Nun endlich konnte Herr Felix erleichtert aufatmen. In der Folge musste alles sehr schnell ge­hen. Das Procedere klappte wie am Schnürchen. Die Niere wurde transplantiert, und Herr Felix war überglücklich. Die Organspende eines Verstorbenen hat ihm – und weil bei jedem Spender meist mehrere Organe entnommen werden, auch noch einigen anderen – die Organspende hat ihnen zum Weiterleben verholfen; ja: zu neuer Lebensqualität. Weil ein gesunder, soeben verstorbener Mensch dankenswerter­weise zur Organspende bereit war, konnten mehrere Kranke fortan mit neuer Qualität leben. Dras­tisch formuliert: Der Tod des einen ist zum Leben für die anderen geworden.


Ringen um das Verstehen des Kreuzestodes Jesu


Und damit sind wir beim heutigen Karfreitag. Der Tod des einen – Jesus Christus – wurde zum Leben für die vielen. Dieses Geheimnis des Glaubens begehen wir heute, am Karfreitag.

In der Ersten Lesung haben wir heute aus dem Buch des Propheten Jesaja von einem unbekann­ten Leidenden gehört, über den es dort heißt: „Er wurde verachtet und von den Menschen ge­mieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Ge­sicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht. Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt. Doch er wurde durchbohrt wegen unserer Vergehen, wegen unserer Sün­den zermalmt. Zu unserem Heil lag die Züchtigung auf ihm, durch seine Wunden sind wir ge­heilt.“

Die Kirche hat diese Worte über den leidenden Gottesknecht stets im Hinblick auf Christus inter­pretiert. Im Ringen um das Verstehen des Kreuzestodes Jesu haben seine Jünger darin eine Ant­wort erkannt auf das Warum und den Sinn seines grausamen Sterbens am Kreuz. Zu unse­rem Heil ist das alles geschehen. Um unseretwillen, zu unserer Rettung hat Jesus den Weg ans Kreuz auf sich genommen. Er ist derjenige, wie es die Passionsberichte schildern, der von den Men­schen verachtet und von der Menge verspottet wurde; ein Mann voller Schmerzen. Ster­bend am Kreuz betet er den Psalm 22, der mit den Worten beginnt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Doch hat Gott ihn wirklich verlassen, sich aus dem Staub gemacht, ihn, seinen Sohn, seinem grausamen Schicksal überlassen? Mitnichten!


Freiwillig und in großer Souveränität gibt Jesus sein Leben hin …


Was am Karfreitag, mit seinem Tod am Kreuz, geschehen ist, das konnte nur mit Jesu Zustim­mung geschehen. Freiwillig, um unseretwillen, zu unserer Rettung ist Jesus diesen schweren Weg gegangen: damit wir das Leben haben. So hören wir es immer wieder im Hochgebet zu Beginn der Wandlungsworte: „Am Abend, an dem er ausgeliefert wurde und sich aus freiem Willem dem Leiden unterwarf…“

Jesus wird am Kreuz nicht einfach Opfer ihm überlegener Mächte. Freiwillig und in großer Souveränität gibt er sein Leben hin. Gerade die Johannespassion, die wir am Karfreitag hören, fängt das besonders gut ein. Bis zum Schluss bleibt Jesus hier der souverän Handelnde. Nicht Pilatus oder die religiösen Führer haben den Prozess in der Hand, sondern Jesus. Er enttarnt die vermeintliche Macht des Pilatus und geht seinen Weg selbstbestimmt zu Ende. Die Würde und die Souveränität des sterbenden Jesus beeindrucken mich:

- wenn er um Vergebung für die bittet, die seinen Tod herbeiführen; denn sie wissen nicht, was sie tun;

- wenn er im eigenen Sterben noch die Not anderer Menschen erkennt, und dem Mitgekreuzig­ten zuspricht, noch heute werde er mit ihm im Paradies sein;

- wenn er kurz vor seinem Tod sich um die Zukunft derer kümmert, die ihm am Nächsten sind: seinen Jünger Johannes und seine Mutter Maria einander anvertraut.

- Am Ende neigt Jesus selbstbestimmt sein Haupt, gibt seinen Geist auf und sagt: „Es ist voll­bracht!“, um anzuzeigen, dass er sein Werk zum Heil der Welt nun vollendet hat.


… aus Liebe zu den Menschen, die bis zum Äußersten geht.


Jesus stirbt am Kreuz, aber nicht fatalistisch als Opfer, sondern aktiv handelnd bis zur letzten Sekunde seines irdischen Lebens. Kein bloßes Erleiden, sondern Selbsthingabe aus freier Sou­veränität und Liebe zu den Menschen.

„Erhöhen“ und „verherrlichen“ sind deshalb zwei wichtige Schlüsselworte in der Passion nach Johannes. Der Gekreuzigte ist bei Johannes bereits der Auferstandene. Seine Kreuzigung ver­standen als Erhöhung und Verherrlichung durch Gott. Die Erhöhung Jesu am Kreuz ist das wahre Erlösungsgeschehen, der größte Liebesbeweis Gottes für uns Menschen. „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab“, so lesen wir an anderer Stelle im Johannesevangelium. Das ist der tiefste Grund für Jesu schmachvollen Tod am Kreuz: die Liebe Gottes zu uns. Eine Liebe, die alles wagt und alles gibt – sich selbst -; eine Liebe, die bis zum Äußersten geht.


Jesus ist in die Bresche gesprungen, um Welt und Menschen zu erlösen.


Weil wir Menschen uns nicht selbst aus der Verstrickung in Schuld und Sünde befreien können, nimmt Christus alle Schuld der Welt auf sich, um Welt und Mensch zu erlösen. Weil wir dem Tod verfallen sind und uns nicht selbst das Leben geben können, ist Christus in die Bresche gesprungen, und nimmt den Tod am Kreuz auf sich. Um die Wunden unseres von der Sünde entstellten Menschseins zu heilen, hat er sich Wunden reißen lassen; um uns Heilung und Heil zu bringen. „Durch seine Wunden sind wir geheilt.“


Weil Jesu das Tor des Todes für uns durchschritten hat, öffnet sich auch für uns das Tor ewigen Lebens ...


Der moderne Mensch schüttelt darüber vielleicht den Kopf und spöttelt: Meinetwegen hätte Jesus nicht sterben müssen! Auch wenn der, der so spricht, es nicht verstehen mag, es sei ihm entgegnet: Doch! Deinetwegen, meinetwegen, unser aller wegen ist Christus in den Tod gegan­gen, damit wir Leben haben. Wir leben aus seinem Tod. Uns öffnet sich das Tor ewigen Lebens, weil Christus in seinem Sterben am Kreuz das Tor des Todes für uns durchschritten hat.


… in einer Dimension, wie es sich menschlichem Denken schlichtweg entzieht.


Er ging als Erster, wir dürfen ihm seit Ostern folgen.

Der Tod des einen wurde zum Leben für uns alle. So wie bei einer Organspende das transplan­tierte Organ eines Verstorbenen einem anderen zum Weiterleben verhilft, ja zu ganz neuer Le­bensqualität, so empfangen wir aus Tod und Auferstehung Jesu neues Leben. Nicht einfach irdisches, sondern ewiges Leben; Leben in einer Dimension und einer Qualität, wie es sich menschlichem Denken und menschlicher Erfahrung schlichtweg entzieht. In einer Osterpräfa­tion heißt es dazu: „Durch seinen Tod hat er unseren Tod vernichtet und durch seine Auferste­hung das Leben neu geschaffen.“

Darum schauen wir heute dankbar auf das Kreuz Jesu Christi, erhöhen es in unserer Mitte und verehren es, denn in seinem Tod hat er uns Leben erworben. Und vielleicht, liebe Schwestern und Brüder, denken Sie an diesem Karfreitag einmal darüber nach, ob Sie sich nicht dem Vor­bild Jesu anschließen wollen, und durch Ihre Bereitschaft zur Organspende anderen, schwer­kranken Menschen die Chance auf neues Leben ermöglichen. Am Schriftenstand liegen dazu Info-Blätter und Organspender-Ausweise zum Ausfüllen auf.

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