Spanische Siedlungen eines bayerischen Söldners

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12 warnungDer König beförderte Thürriegel zum Oberst und verpflichtete ihn, binnen zehn Monaten 6000 katholische deutsche und flämische Bauern und Handwerker für die Sierra Morena anzuwerben. „Haarkünstler, Kammerdiener, Straftäter und geheime Protestanten" waren ausgeschlossen. 1000 Kolonisten durften 40 bis 50, 3000 sollten 16 bis 40 Jahre alt sein. Die Hälfte mussten Männer sein, ferner waren 200 Großväter oder Großmütter bis 65 Jahre erlaubt.

Der Bayerwaldler reiste mit dem ab 2. April 1767 gültigen Vertrag nach Frankfurt am Main, druckte Werbeschriften und knüpfte blitzschnell ein Netz von Anwerbern, während in den Ländern seiner Werbeaktionen, in Bayern, Österreich, Preußen, harsche Strafen angedroht wurden.

Potentiellen Auswanderern (hier aus Mitterfels und Hengersberg) schickte von Thürriegel solche Wegbeschreibungen und Warnungen vor Häschern (BayHStA Kasten schwarz 6816)

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Verhaltenshinweise für die Kolonisten mit von Thürriegels Unterschrift

Anwerbeaktionen jener Art, wie er sie nun organisierte, waren für Amerika, Russland, Spaniens, Britanniens und der Niederlande Kolonien üblich. Aber Thürriegel bot mit Tageskost- und Reisegeldern mehr als andere Werber. In Pamplona gesammelt und dann als neue Dorfgemeinschaften in die menschenleere Umgebung geschafft, fanden sie in ihrer neuen Heimat nach anfänglichen Schwierigkeiten dank des Einsatzes von Soldaten bald solidere Häuser vor als jene, die sie aufgegeben hatten. Bauern bekamen ausreichende Flächen für Ackerbau und Weide, Vieh stand in den Ställen, Landwirtschaftsgeräte waren vorhanden. Handwerkern waren neben dem Haus auch Werkzeuge und Geräte zugesagt. Die Spanier bedienten sich bei dieser Grundversorgung des Eigentums der 4.000 Jesuiten, die der König am 2. April 1767 des Landes verwiesen hatte und deren Ordenshäuser viel Auswahl boten. Ferner lockten zehn Jahre Steuerfreiheit. Jeder Gemeinde war ein Seelsorger versprochen, der der jeweiligen Heimatsprache der Kolonisten mächtig war. Es gab Kirchen und die daheim durchaus nicht überall vorhandenen Schulen. Tatsächlich kamen für einige Zeit Franziskaner aus bayerischen Niederlassungen in die Sierra Morena.

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Kartenskizzen und Wegbeschreibungen durch Deutschland, Frankreich und Spanien zur neuen Heimat Sierra Morena (schraffiert) - Abbildung unten: Wege durch Bayern - Kartenausschnitt (BayHStA Kasten schwarz 6816)

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Kein Wunder, dass unter diesen günstigen Voraussetzungen trotz hoher Sterblichkeit auf den Auswandererwegen und in der klimatisch ungesunden Sierra alsbald ertragreiche Ernten eingebracht wurden, deren Überschüsse sowohl im Inland als auch jenseits der Sierra Morena gewinnbringend verkauft werden konnten. Was wiederum jene Kapitalien sicherte, die zur Bezahlung handwerklicher Leistungen benötigt wurden.

Dass König Karl ausschließlich katholische Siedler zuließ, hatte gute Gründe: Ihm war bekannt, dass die Protestanten, die seit den für die Bauern verlorenen verlustreichen Befreiungskriegen und der Gegenreformation aus österreichischen Landen und Frankreich nach Franken und Ostpreußen vertriebenen oder ausgewanderten Exulanten und Hugenotten freiheitlich gesinnt und keineswegs geneigt waren, Anordnungen der Obrigkeit unbesehen zu befolgen. Katholiken waren gehorsamer, vor allem dann, wenn ihren Gemeinden Priester mit hoher Bildung vorstanden, die als Leitpersonen anerkannt wurden.

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In der Heimat warnte die Obrigkeit in Plakaten vor der Anwerbung durch von Thürriegel

11 karte spanienDas Siedlungsgebiet Sierra Morena liegt nordöstlich von Cordoba

Da die Offerten Thürriegels alles übertrafen, was Russland, die USA und Preußens Herrscher (für die Ostsiedlungen) jenen boten, die damals zahlreich ihre Heimat verließen, und da auch klimatische Bedingungen günstiger geschildert wurden als jene in Russland oder in den Ostseeregionen, zählte Thürriegel 1775 schon 15 Städte und 26 Dörfer mit 2.446 Familien und insgesamt 10.420 Personen deutscher, italienischer, schweizerischer, französischer und flämischer Herkunft in der Sierra Morena. Viele seiner Kolonisten hatten sich als  „Jakobspilger" nach Santiago de Compostella oder nach Montserrat verabschiedet und dank exakter Wegebeschreibungen in den Werbeschriften ihre Ziele zu Lande oder übers Mittelmeer erreicht. Thürriegel wurde reich. Und er scheute sich nicht, nach anfänglicher Ehrlichkeit gegen negative Erlebnisberichte aus den neuen Siedlungen die schwierigen Kolonisationsbedingungen hemmungslos schön zu schreiben.

Unklar ist, wie viele der Neusiedler aus Thürriegels Heimat stammten, in der damals viele Mitbürger in der Hoffnung auf ein weniger erbärmliches und auf ein freieres Leben auswandern wollten, die meisten aber nicht konnten: Während selbst höhere Hofbeamte äußerten, Auswanderung sei ein Glück für den Staat, denn vor allem Arme, Schwache und Querulanten zögen ab, bestrafte die Obrigkeit ertappte Werber hart. Das dürfte der Grund für die wenigen erhaltenen Unterlagen Thürriegelscher Transaktionen sein: Mit den Gepflogenheiten der bayerischen Verwaltung vertraut, scheint Thürriegel es vorgezogen zu haben, alles, was den Umfang seiner Tätigkeit offenbarte, entweder zu vernichten oder in einem sicheren Drittland zu lagern. Dennoch spricht einiges für den Erfolg des adligen Bauernsohnes auch hier, da er Schulden der Auswanderer beglich, damit sie umso unbekümmerter ihren Obrigkeiten entwichen. So werden in einer zufällig erhaltenen Liste Augsburger (Blumenmacher Christoph Weinmiller) genannt, aus Mindelheim die Eheleute Steinbichler, aus Theissing die erst 12-jährige Barbara Becker, aus Westenhausen Karolina Hart. Hunderte Namen, die von spanischen Schreibern phonetisch erfasst und ohne Herkunftsdaten niedergeschrieben wurden, sind unverkennbar bayerischen Ursprungs. Thürriegel selbst hatte auch Auswanderer-Routen aus den Gerichten Eschlkam, Regen, Viechtach, Nabburg, Braunau, Traunstein, Mitterfels, Hengersberg, Kelheim, Vohburg, Neuburg an der Donau, Schongau und Starnberg zu seinen Sammelplätzen beschrieben.

Thürriegel erwies sich als verlässlicher Vertragspartner des spanischen Königs und kassierte reichlich. 1767 schickte er seinen Angehörigen in Gossersdorf ein Ölbild mit der Aufschrift:

Den 24. July 1767 vollendete ich den mit Sr. Königl. Majestät geschlossenen Kontrakt, Kraft welchem 7321 Familien aus Teutschland zur neuen Kolonie der Sierra Morena eingeführt und vom König aufgenommen worden sind.

J. C. Thürriegel, kön. preuß. Obrist.

Das beigelegte Geld dürfte die Angehörigen mehr gefreut haben als das Gemälde. Die Brüder Johann, Johann Baptist und Martin bekamen je 800, der geistesschwache Bruder Kaspar 600 Gulden, die von den drei gesunden Brüdern zugunsten Kaspars angelegt und verwendet werden sollten. Solche Summen reichten zum Kauf eines ansehnlichen Hofes im bayerischen Vorwald.

Seiner Nichte Anna Maria, Tochter der von der Mutter mit in die Ehe gebrachten Stiefschwester Margarethe, bekam 600 Gulden. Das Kind sollte Näherin werden „und heiraten, wen sie liebt". Der Tochter Anna Maria seiner Stiefschwester Agnes überschrieb er 650 Gulden. Sie sollte in einer großen Küche Köchin lernen. 150 Gulden schickte er zur Neueinkleidung der ganzen Familie, der Gemeinde überließ er als Christtagsgeschenk in gleichen Beträgen vom Amtmann bis zum Ziegenhirten ebenfalls 150 Gulden. Das Gemälde verschwand während des Zweiten Weltkrieges in München, wohin es aus dem Gasthaus in Neurandsberg bei Viechtach, dem heutigen Sitz von Nachfahren der Familie Thürriegel in weiblicher Folge (Familie Schlecht!) zur Restaurierung gegeben worden war. Ein gerettetes Foto lässt einen kostbar gewandeten Herrn mittleren Alters mit hoher Stirne und Silberhaar erkennen und ein Gesicht, das mehr einen Gelehrten denn einen Offizier kennzeichnet. Die Nase verrät, das der Waldler gerne den spanischem Rotwein genoss.

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