Auf der Suche nach dem blauen Schleimpilz

Fototour1Lukas Haselberger, an die Natur angepasst, fotografiert, so oft er kann, im Bayerischen Wald – immer auf der Suche nach neuen Motiven.

Ei­ne Fo­to-Tour mit dem 20-jäh­ri­gen Lu­kas Ha­sel­ber­ger durch den Baye­ri­schen Wald

Nebelschwaden ziehen an bunten Bäumen vorbei. Die Regennässe kriecht ins Mark. Das braune Blätterlaub knistert unter den Füßen und riecht nach Herbst – hier im Nationalparkgebiet in Finsterau (Kreis Freyung-Grafenau). Lukas Haselberger, der in brauner Jacke und Mütze mit der Umgebung verschmilzt, geht bei fast jedem Wetter in den Nationalpark und fotografiert Tiere, die der Hobby-Wanderer kaum zu Gesicht bekommt oder hält die schöne, wilde Waldlandschaft fest. „In den Semesterferien war ich jeden Tag hier und habe Hirsche in der Brunftzeit fotografiert“, erzählt der 20-Jährige, der an der Technischen Hochschule Deggendorf Medientechnik studiert. Immer dabei hat er seinen Rucksack, der sich wie ein Schildkrötenpanzer um den Rücken des schlanken Studenten spannt. Darin transportiert er seine Spiegelreflex-Kamera, Stativ und Objektive.
Pinke Polarlichter und haarige Raupen

Es geht bergauf, vorbei an Biberbauten mit abgenagten Ästen und vom Borkenkäfer angefressenen Fichten. „Durch das viele Totholz ist unser Wald besonders artenreich.“ Das fasziniert Haselberger, der schon als Kind die Natur in seiner Heimat erkundet hat. „Etwas anderes als Tiere und Landschaften würde ich nicht so gerne fotografieren.“ So sind es im Frühjahr die Eulen und Spechte, im Sommer Schmetterlinge und Falter, im Herbst Hirsche und im Winter verschneite Landschaften oder Raubtierspuren, die Haselberger in den Wald locken. Sein größter Traum ist es, irgendwann einmal als Fotograf im Nationalpark zu arbeiten und davon leben zu können. Die Leidenschaft für die Fotografie ist mit elf Jahren bei der Jugendfeuerwehr entfacht. „Da habe ich oft mit der Kamera eines Freundes experimentiert.“ Nach und nach hat er sich eigene Kameras zugelegt und geht – anders als viele Gleichaltrige – lieber in den Wald, als zum Feiern in Clubs. „Früher hab ich noch Computer gespielt, aber jetzt gibt es eigentlich nichts, was ich lieber mache, als zu fotografieren. Meine Eltern sind ganz froh darüber“, erzählt Haselberger und lacht. Im Nationalpark hat er sich mit dem Förster Rainer Simonis angefreundet, der auch fotografiert. „Er war wie ein Mentor für mich, jetzt geben wir uns gegenseitig Tipps oder erkunden neue Wege.“ Haselberger darf zum Fotografieren auch auf abseitigen Pfaden gehen, dafür stellt er dem Park viele seiner Fotos zur Verfügung. Im vergangenen Jahr waren seine Bilder sogar in einer Ausstellung des Nationalparks zu sehen. Fotos, für die Haselberger auch im Morgengrauen oder in der Nacht aufsteht. Darunter pinke Polarlichter im Wald, die man eher als grünes Spektakel in Skandinavien verorten würde oder Projektarbeiten mit Fotos von Hirschen und Rehböcken, auf die sich Lukas Haselberger monatelang vorbereitet hat. Auf anderen Bildern sind skurrile lila Pilze und Raupen mit kräftigen Borsten zu sehen, die wie aus der Fantasie entsprungen zu sein scheinen – wie die Springspinnen. „In dieser Höhe habe ich zwei neue Arten nachgewiesen.“ Das sind ein bis zwei Millimeter kleine, bunte Spinnen, die in der Großaufnahme aussehen wie Vogelspinnen mit riesigen Augen. Haselberger ist es wichtig, Tiere in ihrer Umgebung einzufangen. „Viele Naturfotografen nehmen Tiere im Großformat auf. Ich finde auch die Lebensräume wichtig.“


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Ein Luchs sitzt mitten auf der Straße

Über weiches, graues Moos und wild wuchernde Johannisbeersträucher geht es bis an den Fuß des Lusens. Ein seltenes, grau-rotbraun gemustertes Haselhuhn hat sich im Dickicht versteckt und fliegt davon, als es die Schritte hört. Dahinter liegen glitschige Felsbrocken lose übereinander. „Am besten man sucht sich einen der größeren Steine, die sitzen fester“, rät Haselberger. Mitten im Geröll stellt er sein Stativ auf und fotografiert Vogelbeerbäume im Nebel und alte Gesteinsschichten. Haselberger kennt die Gefahren, die bei der Naturfotografie auftreten können. „Im Winter bin ich mal im Schnee stecken geblieben. Manchmal ist es besser, man ist zu zweit draußen.“ In den vielen Jahren im Wald hat er sich viel Wissen angeeignet und einen geschärften Blick für Details, die anderen womöglich entgleiten. „Das kann man sich aber antrainieren“, sagt der 20-Jährige schüchtern. Sein schönstes Moment war, einem Luchs zu begegnen. „Der saß mitten auf der Straße, als ich mit dem Auto unterwegs war, um Landschaften zu fotografieren.“ Die Raubkatzen mit den Pinselohren haben es ihm besonders angetan. „Aber solche Erlebnisse bedeuten nicht, dass ich nicht mehr kleinere Tiere oder Landschaften fotografieren will, es gibt immer wieder etwas Neues zu entdecken“, erzählt er. Er klettert ein paar Abhänge hinunter und sieht sich morsche Baumstämme an. „Eigentlich würde ich gerne noch den blauen Schleimpilz finden“, sagt er schließlich. Den Orangen hat er bereits entdeckt. Weil die Pilze nicht so häufig und nur einige Millimeter groß sind, haben sie außer Haselberger noch nicht viele gefunden. In der Vergrößerung muten sie mit der Schleimschicht um orange Ballons futuristisch an. Für heute tun es auch ein paar Helmlinge, rosa-braune Pilze. „Vielleicht ein andermal.“ Haselberger deutet auf ein Loch, hoch oben in einem Baum. „Das war mal eine Spechthöhle, jetzt wohnt da eine Eule.“ Er kratzt am Baum, um sie herauszulocken. „Wenn sie da wär, würde sie jetzt rausschauen.“ Der Raufußkauz, grau-weiß gepunktet mit gelben Augen, ist heute nicht da. „Er ist einer der schönsten Käuze, die den Nationalpark bevölkern“, findet Haselberger. Von dem Kauz hat er auch seinem Förster-Freund Rainer Simonis erzählt, der sich wie Haselberger im Wald wie in seiner Westentasche auskennt. Die Waldwege haben zwar Abteilungsnamen, Haselberger und Simonis finden sich aber auch mit Beschreibungen zurecht. „Wir sagen dann so etwas wie ,die Lichtung rechts hoch’, dann weiß jeder von uns, welche Stelle gemeint ist.“ Haselberger versucht, so viele Orte wie möglich geheim zu halten, zum Schutz der Wald-Bewohner. „Je länger man sich hier aufhält, desto mehr schätzt man die Natur und auch die Tiere, die hier leben.“ Die Dämmerung bricht herein, die Eulen rufen in den dunklen Wald, der Reschbach plätschert vor sich hin. Am Wochenende ist Lukas Haselberger wohl wieder hier. Vielleicht hat er dann ja Glück und findet den blauen Schleimpilz.

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Die Serie Wilder Wald Mit diesem Porträt beginnt die Serie „Wilder Wald“, die spektakuläre Tier- und Landschaftsfotos von Lukas Haselberger aus dem Bayerischen Wald zeigt.

Quelle: Sonja Esmailzadeh/BOG Zeitung vom 4. November 2017 (Zeitversetzte Übernahme aufgrund einer 14-tägigen Sperrfrist)

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