Grenzüberwindung. Eine Foto-Ausstellung im Gründerzentrum Straubing

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„Die Bilder zeigen, wie europäisch die Wirtschaft bei uns bereits ist“, sagt Fotograf Herbert Pöhnl. Rosemarie Kronberger ist die Kunst-Projektleiterin im Gründerzentrum und hat die Ausstellung organisiert.

Die Foto-Ausstellung zeigt Begegnungen im Gebiet Bayern-Böhmen

„Einen Moment bitte! Oder zwei?“ haben sich Glasmacher, Polizisten oder Fabrikarbeiter Zeit genommen, damit die Fotografen Herbert Pöhnl und Johannes Haslinger auf den Auslöser drücken konnten. Entstanden sind Aufnahmen, die das Leben der Menschen im Grenzgebiet Bayern-Böhmen porträtieren. Dass diese Begegnungen sowohl von menschlichem Miteinander und Austausch als auch von Vorurteilen und Stereotypen geprägt sind, zeigt das Buch, in dem die Bilder zusammengefasst sind. 38 Fotos aus „Einen Moment bitte! Oder zwei?“ sind derzeit im Gründerzentrum zu sehen.

„Das Spannende ist“, sagt Herbert Pöhnl während er durch die Ausstellung schlendert, „zu zeigen, wie europäisch die Praxis bereits ist, ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.“ Auf den Bildern im Erdgeschoss und im ersten Stock sind viele hiesige Firmen mit ihren Mitarbeitern aus aller Welt zu sehen: die Straubinger Konserven- und Sauerkrautfabrik, das Hygiene-Fachgroßhandelsunternehmen Zech oder die Belegschaft des Gründerzentrums.

Pöhnl und Haslinger wollten mit ihren Touren im Grenzgebiet nicht nur Grenzen erfahren, sondern sie überwinden. „Es ging uns nicht nur um die geografische Grenze, sondern vor allem um die Grenzen in den Köpfen, die Vorurteile, die Selbstbeschränkung“, sagt Pöhnl, und dabei hat er eins festgestellt: „In Sachen Grenzüberwindung ist die Wirtschaft wesentlich weiter als die Gesellschaft, der Alltag.“ Gerade das Gründerzentrum könne ohne die Grenzöffnung gar nicht existieren. „Deshalb habe ich der Ausstellung hier auch den Untertitel ‚Europa_optimistisch‘ gegeben.“

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Bilder aus der Ausstellung: Bereits seit Generationen arbeiten in der Theresienthalhütte in Zwiesel Glasmacher aus Bayern und Böhmen zusammen (links). Diese drei Frauen, zwei aus Niederbayern und eine aus Polen, sorgen im Gründerzentrum Straubing für Sauberkeit (rechts). (Fotos: Pöhnl)

 

Warum wird nicht öfter das Positive an Europa gesehen?

Pöhnl sieht sich selbst nicht als Europa-Retter und will auch nicht allzu politisch werden, wie er sagt, während seiner Begegnungen hat er sich aber oft dieselben Fragen gestellt: „Warum ist das Europa-Bild in der Öffentlichkeit so schlecht? Warum wird nicht öfter das Positive an den offenen Grenzen gesehen?“ Vor allem in den Köpfen älterer Menschen seien die Vorurteile fest verankert, hat Pöhnl festgestellt. „In meiner Heimatstadt Viechtach kenne ich viele, die deshalb noch nie in Tschechien waren.“

Dabei gebe es so viele Gemeinsamkeiten. „Angefangen bei der Musik über die Mode bis hin zum Alltagsverhalten. Wenn die sprachliche Grenze nicht wäre, wäre es wie mit Österreich. Da bin ich mir sicher“, sagt Pöhnl. Auch er konnte die sprachliche Barriere nur mit Hilfe seines Dolmetschers Edmund Stern aus Zwiesel überwinden. „Wäre er nicht gewesen, ich wäre sicherlich ständig gescheitert.“

Stern hat Pöhnl mit seinem perfekten Tschechisch, viel Charme und genug Bier im Gepäck, das er immer als Begrüßungsgeschenk verteilt hat, viele Türen geöffnet. „Ich hab es erst nicht geglaubt“, erzählt Pöhnl lachend, „aber steht ein Sixpack auf den Tisch, das bricht sofort das Eis bei den Tschechen. Da wird es sofort gesellig, da wird gelacht und du bist mittendrin. Ich behaupte sogar, man kann eine Stunde Konversation überspringen.“ Fürs Foto waren zwar trotzdem häufig Überredungskünste nötig, abgewiesen worden sind sie aber nur ein einziges Mal, von einem Casino.

Auch wenn in den Texten zum Buch, die überwiegend der Schriftsteller Bernhard Setzwein verfasst hat, Künstler zu Wort kommen, ging es den Fotografen vor allem um Alltagsmotive mit normalen Bürgern. Wie Jäger, Schüler, Bauarbeiter, Musikanten oder Verkäufer im Grenzgebiet „miteinander können und umgehen“ – das wollten Haslinger und Pöhnl mit ihren Bildern festhalten. Momentaufnahmen sollten es sein. „Deshalb haben wir auch nichts ausgeleuchtet, nicht an den Leuten rumgezupft oder auf deren Mimik geachtet. Die Fotos sind innerhalb weniger Minuten entstanden“, erklärt Pöhnl.

„Grenzen sind etwas seltsam Überflüssiges“

Das gemeinsame Bild der Glasmacher in Theresienthalhütte in Zwiesel porträtiert beispielsweise, dass dort Bayern und Böhmen bereits seit Generationen zusammearbeiten. Nicht so einfach war es mit der Aufnahme von Volksmusikanten bei einem gemeinsamen Konzert. „Zuerst wollten sich Tschechen, Bayern und Frauen getrennt aufstellen. Auf dem Foto sind sie jetzt aber gemischt zu sehen“, freut sich Pöhnl.

Diese und zahlreiche andere Erlebnisse haben Pöhnl eines gezeigt: „Grenzen sind etwas künstlich Ab- und Eingrenzendes und damit etwas seltsam Überflüssiges.“ Für den Fotografen haben sie etwas mit Rückzug und Vergangenheitsorientierung zu tun und würden dazu veranlassen, nicht rauszuschauen oder etwas Neues zu probieren. „Dabei ist das doch das Interessante. Vor allem wenn man dabei die vielen Gemeinsamkeiten in Mitteleuropa erkennt“, sagt Pöhnl. Das Buch und die Ausstellung, so hofft er, sollen dazu einen kleinen Denkanstoß geben.

Informationen

Die Foto-Ausstellung ist noch bis 18. März immer Montag bis Freitag von 9 bis 16 Uhr im Gründerzentrum zu sehen. Das Buch „Einen Moment bitte! Oder zwei? Begegnungen über die bayerisch-böhmische Grenze“ ist im Pustet-Verlag erschienen. Gefördert wird das Projekt unter anderem vom deutsch-tschechischen Zukunftsfonds.

Quelle: Sandra Bauer/BOG Zeitung vom 29.12.2016 (Zeitversetzte Übernahme aufgrund einer 14-tägigen Sperrfrist.)

 

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